Whiplash

Seit Jahren muss ich diese Jammerstimmen ertragen, die mir bei jedem neu angekündigten Remake die Ohren vollheulen: „Buhu, Hollywood ist so unkreativ! Bäh, die lassen sich auch nichts mehr Neues einfallen! Rotz, Wasser!“ Newsflash: Vielleicht solltet diese Herren und Damen einfach mal die Augen aufsperren und die richtigen Filme schauen?

WhiplashAndew hat ein klares Ziel: einer der weltbesten Schlagzeuger der Welt zu werden. Doch auch er weiß, dass es mit Talent und gutem Willen alleine nicht getan ist. Deshalb sieht er erst dann seine Chance reifen, als er unter der Leitung von Terence Fletcher in einer Schulband mitwirken darf.

Bereits seine erste Probe endet in einem Fiasko – nicht, weil Andrew schlecht wäre, sondern weil Fletcher ihn einfach nur fertig macht. Er lässt ihn spielen, bricht ab und sagt, er sei zu schnell. Er lässt ihn spielen, bricht ab und sagt, er sei zu langsam. Er spielt, er sei zu schnell. Er spielt, er sei zu langsam. Zu schnell. Zu langsam. Zu schnell. Zu langsam. Schnell – langsam. Schnell – langsam. Schnell – langsam…

BÄM

Fletcher schmeißt einen Stuhl nach Andrew. In der ersten Probe. Nachdem er ihn Dutzendfach anspielen lassen hat und für uns als Zuschauer kein Unterschied zwischen den einzelnen Versuchen herauszuhören ist. Egal: Fletcher hört ihn. Er brüllt Andrew an. Er beleidigt ihn. Er demütigt ihn. Er ohrfeigt ihn. Minutenlang. Nochmal: In der ersten Probe.

Wer nach dieser Szene, die bereits größtenteils im Trailer des Filmes zu sehen ist, denkt, das eine Steigerung schwer möglich sei, der hat nicht mit Damien Chazelle gerechnet. Der gerade mal dreißig Jahre alte Regisseur und Drehbuchautor von Whiplash haut in seinem zweiten Film eine Energie auf die Bühne, die euch schwindelig macht. So wie die Musik immer mehr an Tempo zu gewinnen scheint, so sehr verfällt Andrews Charakter immer weiter dem Wahn, den unmenschlichen Erwartungen Fletchers irgendwie gerecht zu werden. Die Opfer, die der Junge dabei bringen muss, sind zahlreich und vielschichtig. Denn neben dem Offensichtlichen, wie dem Verzicht der Freundin oder die durch das viele Üben blutigen Wunden an seinen Händen, muss auch Andrew genau wie Fletcher ein Stück seiner Menschlichkeit aufs Spiel setzen. Am Ende ist nur von Bedeutung, der Beste zu sein.

Whiplash ist atemberaubend und das in nahezu jeder Hinsicht. Regie, Ton, Schnitt, Drehbuch und Schauspieler funktionieren und harmonieren ähnlich brillant wie die Musik, um es geht. Wo andere Film mit einer ähnlichen Thematik an einem gewissen Punkt halt machen, da überschreitet Chazelle mehrere Barrieren. An einer Stelle (Stichwort “Unfall“) war ich wirklich fassungslos, wie weit sowohl Fletcher als auch Andrew gehen – und selbst da war das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht.

Natürlich stellt sich die Frage, wie glaubwürdig man die Geschichte nehmen sollte – ich bezweifle jedenfalls stark, dass es wirklich einen derart empathielosen Charakter wie Fletcher gibt. Aber dazu sind Filme wie Whiplash da: Um Dinge auf die Spitze zu treiben, ohne zu einer Karikatur zu verkommen. In jedem Fall birgt der Stoff eine gewisse Gefahr der Nachahmung, speziell was Andrews Verhalten anbelangt. Und das könnte weitaus böser ausgehen, als es der Film andeutet.

Während ich einen Großteil des Erfolges Damien Chazelle anrechne, gibt es natürlich eine weitere Persona, ohne die Whiplash niemals so gut wäre: J.K. Simmons. Seine Darstellung als Terence Fletcher wird nicht ohne Grund bereits seit seiner ersten Sichtung als sicherste Oscarauszeichnung bezeichnet und bei Gott, ich hätte Simmons niemals solch einen Drecksack zugetraut. Und so derb wütend mich sein Charakter gemacht hat, so kann ich eine gewisse Sympathie im gegenüber nicht leugnen. Eine perverse Sympathie, wohlgemerkt.

Das Jahr 2014 wird allgemein als “schwach“ bezeichnet. Nach The Grand Budapest Hotel, Boyhood und Birdman ist Whiplash der vierte Film, den ich als hochgradig erfrischend und anders empfinde. Zwar mag die Grundstory nichts außergewöhnliches sein – aber die Charakterentwicklung ist es allemal. Wer sich also immer noch über den geistigen Zerfall unserer Kultur beschwert, der soll sich bitte einfach Whiplash anschauen und darüber hinaus gefälligst den Mund halten.

Oscar-Nominierungen: Bester Film, Bester Nebendarsteller (J.K. Simmons), Bestes Drehbuch (adaptiert), Bester Ton, Bester Filmschnitt.

Alle Kritiken der Best-Picture-nominierten Filme 2014:

Boyhood
The Grand Budapest Hotel
Die Entdeckung der Unendlichkeit
The Imitation Game
Birdman
Whiplash
American Sniper
Selma