The Grand Budapest Hotel

Es gibt einige, wenige Top-Regisseure, die kriegen scheinbar jeden Schauspieler, den sie wollen. Ganz ehrlich: Fast jeder will mal mit Martin Scorsese, Woody Allen oder Wes Anderson zusammenarbeiten.

Moment… Wes, wer? Ja, Wes Anderson gehört jetzt eigentlich nicht zu den Kult-Auteuren, die der gemeine Kinogänger kennt. Und doch wächst sein Cast von Film zu Film derart eindrucksvoll an, dass seine Kollegen nur neidisch zuschauen können. Allein für The Grand Budapest Hotel versammelte er die Namen Ralph Fiennes, Edward Norton, Tilda Swinton, Harvey Keitel, Willem Dafoe, Adrian Brody, Saoirse Ronan, Jude Law, Tom Wilkinson, Jeff Goldblum, Mathieu Amalric, Owen Wilson, Jason Schwartzman, F. Murray Abraham, Léa Seydoux und natürlich Bill Murray, der seit Rushmore kein einziges Kinoprojekt des gebürtigen Texaners ausgelassen hat.

BudapestIm Jahre 1985 liest eine junge Frau ein Buch. Der Autor schreibt über das Grand Budapest Hotel. Der Besitzer des Hotels erzählte ihm siebzehn Jahre zuvor seine Geschichte. Darin fängt Zéro als Lobby Boy an zu arbeiten. Unter der Obhut des Concierges genießt er einen besonderen Status. Gustaves Leidenschaft für ältere Frauen führt zur Katastrophe. Die 84-jährige Madame D. wird vergiftet. Gustave erbt das Bild “Jüngling mit Apfel“. Dmitri fechtet das Testament an. Gustave wird als Tatverdächtiger festgenommen. Zéro verliebt sich in Agatha. Gustave plant aus dem Gefängnis auszubrechen. Zeuge Serge X. ist spurlos verschwunden. Jopling geht über Leichen. Der Krieg bricht aus. Eine Katze fliegt aus dem Fenster. Kommt ihr noch mit?

Es ist unmöglich eine adäquate Synopsis über The Grand Budapest Hotel zu schreiben, ohne den Reiz des Filmes vorwegzunehmen. Das Drehbuch steckt voller ungewöhnlicher Charaktere und unverbrauchter Details, weshalb es ein paar Kinobesuche plus DVD-Abende bedarf, um alles zu be-greifen. Allein die Erzählstruktur mit den drei verschiedenen Zeitebenen ist ein subtiler wie genialer Kniff, geschickt jegliche Form potenzieller Plotlöcher zu umgehen. Schließlich ist es die Geschichte einer Geschichte einer Geschichte, die der Zuschauer zu sehen bekommt.

Wes Andersons eigenwillige Bildkompositionen sind seit The Royal Tenenbaums sein absolutes Markenzeichen. Auf den ersten Blick muss es schön symmetrisch sein, mit einem Charakter ins Zentrum gerückt und den Hintergrund voll gestopft mit ganz viel Krimskrams. Kamerafahrten beschränken sich auf eine Achse, meist von vorne nach hinten oder von einer Seite zur anderen. Speziell letzteres erinnert an alte Filmkunstwerken aus der frühsten Kinoära oder an Computerspiele aus den 80er Jahren. Kurz: In einem Wes Anderson findet ihr Einflüsse von Kubrick bis Méliès.

All die lieb gewonnenen Stilmittel schrillen in The Grand Budapest Hotel bis zum Anschlag. Absichtlich emotionslos vorgetragene Dialoge sorgen gerade aufgrund ihrer bierernsten Umsetzung für Komik. Simpel gehaltene Kulissen spiegeln den Charme eines Puppentheaters wieder und unterstreichen, dass hier eine Geschichte erzählt wird. Wo andere Regisseure sich an Konventionen halten, da kostet ein Anderson “triviale Kleinigkeiten“ gekonnt aus und hakt essentiell wichtige Storyelemente in fünf Sekunden ab – alles ganz bewusst und zur Überrumpelung des Zuschauers.

Wer jetzt drei Lacher pro Minute wie bei einer Klamotte erwartet, der wird enttäuscht. Der Humor ist feinsinnig, selbst wenn er noch so platt inszeniert ist. Hinter vielen lustigen Szene steckt ein düsterer Unterton, weshalb von Anfang an klar sein sollte, dass diese Geschichte einer Geschichte einer Geschichte nur die Karikatur der “wahren“ Ereignisse darstellt. Untermauert wird es vom bittersüßen Ende, das nicht jedem gefallen dürfte, aber zu den mutigsten seiner Art gehört – und nebenbei bemerkt wieder ganz typisch Wes Anderson ist.

Eigentlich habe ich nichts anderes erwartet, denn bislang hat mich der Mann selten enttäuscht. Doch zwei Faktoren sind für meine Begriffe ausschlaggebend dafür, dass sich Anderson mit The Grand Budapest Hotel selbst übertroffen hat. Alexandre Desplats meisterhafte Musik schafft wie bereits in Fantastic Mr. Fox mit simplen wie flott gespielten Noten gleichzeitig Eingängigkeit und Bewegung. Neben Glockenspiel und Rasseln, die das Rattern eines Zuges imitieren sollen (!), kamen laut einem Interview mit dem Franzosen solch exotische Instrumente wie die Zither, das Zymbol oder ein Alphorn zum Einsatz, die vertraut und fremd zugleich klingen. Mir ist jedenfalls selten ein Soundtrack derart positiv aufgefallen, der vorrangig heiter, beschwingt und infantil stimmt. Gleichzeitig deuten die tiefen, gegen Ende immer dominanter werdenden Choralgesänge das Quäntchen Ernsthaftigkeit der Geschehnisse an.

Der andere Faktor sticht sofort ins Auge: Ralph Fiennes. Ich kenne den Mann als verachtenswerten Nazi, todkranken Patienten oder durchgeknallten Berufskiller. Trotzdem brauchte es nur einen Film wie The Grand Budapest Hotel, um ihn als Träger einer bizarren Komödie zu etablieren. Er geht voll in der Rolle des pflichtbewussten sowie gleichzeitig eigensinnigen Gustave auf. Egal ob er süffisant Gedichte zitiert, nüchtern über seine Liebschaften berichtet, sich Gentleman-Like wegen irgendwelcher Ungereimtheiten aufregt oder wie eine Comicfigur die Beine in die Hand nimmt: Ralph Fiennes hinterlässt eine Perfomance, als ob er schon immer der Meister der Pointen und des Timings gewesen wäre. Es spricht Bände, das bereits Anfang März Stimmen nach einer Oscar-Nominierung laut wurden und viele Cineasten von einer Karrierebestleistung philosophieren.

Insgesamt ist das Schauspielerensemble eine Klasse für sich. Egal ob der oder die Versierte aus Hollywood nur für ein paar Szenen oder über den gesamten Film verteilt zu sehen ist, passt sich jeder seiner Karikatur hervorragend an. Spätestens hier kommt Andersons Talent für schnippische Einzeiler zum Tragen, ohne die niemals derart viele Charaktere in gerade mal 100 Minuten gepasst hätten.

Es fällt mir schwer, etwas Negatives zu schreiben. Wie gesagt wird nicht jedem das Ende oder überhaupt der Stil im Allgemeinen gefallen – ich rate deshalb dringend, sich vor dem Kinobesuch den Trailer anzuschauen. Der repräsentiert richtig gut, was einen erwartet, ohne zu viel zu verraten – eine Seltenheit, was Vorschauen anbelangt. Ansonsten kann man sich allenfalls über die weitesgehend mangelnde Charakterentwicklung beschweren, aber auch das liegt in der Natur der Geschichte und deren karikativen Umsetzung.

Nein, meckern gibt es heute nicht – die Brechstange bleibt im Schrank.

Alle Kritiken der Best-Picture-nominierten Filme 2014:

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Die Entdeckung der Unendlichkeit
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