Three Billboards Outside Ebbing, Missouri

Amerika ist gespalten. Die Fronten zwischen Demokraten und Republikanern sind derart festgefahren, weshalb man aus Prinzip und nicht aus Überzeugung denkt. Man wählt lieber einen sexistischen Rassist anstatt den Konkurrenten der anderen Partei. Soweit der Stand der Dinge in den USA.

three_billboardsMildred Hayes ist am Ende. Sieben Monate ist es her, als ihre Tochter Angela vergewaltigt und ermordet wurde. Seither gibt es keine Verhaftungen, keine Verdächtigen und mutmaßlich auch keine Ermittlungen. Also mietet Mildred drei unbenutzt, am Straßenrand stehende Werbetafeln und plakatiert die Sätze „Raped while Dying“, „And Still no Arrests?“, „How Come, Chief Willoughby?“.

Die Aktion sorgt für Ärger, besonders unter der hiesigen Polizei. Besonders ungehalten reagiert der latent rassistische Jason Dixon, während sein Vorgesetzter Bill Willoughby, an den die Nachrichten direkt gerichtet sind, relativ neutral bleibt. Er kann Mildred verstehen, jedoch mangels Beweisen oder Indizien eben nichts tun und bezeichnet die Tafeln deshalb als unfair. Andererseits kommt tatsächlich Bewegung in den Fall: Obwohl Willoughby nach wie vor keine Aussicht auf Klärung sieht, kramt er die Akte Angela Hayes aus der Schublade.

Man kann sich sehr gut vorstellen, wie sich solch ein Plot entwickelt und wie er Enden könnte. Doch Regisseur und Autor Martin McDonagh geht einen Weg, mit dem viele nicht rechnen. Die zunächst für den Zuschauer offensichtlichen Täter- und Opferrollen sind am Schluss völlig vernebelt. Bereits früh erfährt man, dass Willoughby unheilbar an Krebs erkrankt ist und allein deshalb viele Bürger der Stadt auf seiner Seite und nicht auf jener von Mildred stehen. Diese wiederum wird im Laufe des Filmes immer aggressiver und überschreitet Grenzen, die allein aus moralischer Sicht eine „Bestrafung“ erfordern. Andersherum wird Dixon immer mehr in ein positives Licht gerückt, obwohl er zu Beginn des Filmes der perfekte Antagonist der Geschichte ist.

Manche empfinden Three Billboards Outside Ebbing Missouri als rassistisch – und haben damit überhaupt nicht verstanden, was McDonagh eigentlich mit dem Film sagen will.

McDonagh wirft das „Zwei-Seiten-Denken“ gnadenlos in den Müll. Am Ende hat fast jeder Dreck am Stecken und für fast jeden könnte man eine Absolution erteilen – so wie im wahren Leben. Er zeigt das Gute und das Böse, ohne ihnen klare Namen zu geben. Zudem darf man das umstrittene Ende nicht falsch deuten: Da geht es nicht um Reue, Wiedergutmachung, Fairness oder Moral. Es geht um die Verzweiflung von Menschen, die an ihre Grenze gestoßen sind und die mal aufgrund ihrer Wut, mal aufgrund ihrer Selbstzweifel handeln. Am Ende ist es deshalb unwichtig, dass Dixon ein offener Rassist ist. Seine Figur kann man trotz seiner Pseudo-Läuterung skeptisch betrachten, ohne dass es an der Geschichte rüttelt.

In meinen Augen ist Dixon ein Symbol dafür, dass auch er ein Mensch ist. Auch er hat ein Recht darauf, dass ihm vielleicht irgendwann einmal verziehen wird oder er sich wohlmöglich ändern könnte. Im gleichen Atemzug wird bezüglich Mildred klar gemacht, dass sie trotz ihres furchtbaren Leides, das sie als Mutter erfahren hat, kein Engel ist. Ihre Art ist schwer zu ertragen und ihre moralische Wertvorstellung ähnlich zweifelhaft wie die von Dixon. Nur eben auf einer ganz anderen Ebene.

Aus diesem Grunde ist Three Billboards Outside Ebbing, Missouri einer der ganz großen Favoriten im diesjährigen Oscarrennen – und gleichzeitig überrascht es mich, dass eben genau dies der Fall ist. Denn die Geschichte bewegt sich an einer Grenze, die für viele in Hollywood zu heiß sein dürfte – gerade in der jetzigen Zeit von #MeToo.

Und während ich persönlich den interessanten Ansatz des Filmes begrüße und Drehbuch sowie Schauspieler beklatsche, so bin ich nicht komplett überzeugt vom Endergebnis. Martin McDonagh ist ein begnadeter Autor, zweifelsohne. Aber mich wundert es wenig, dass er bei den Oscars nicht für die Regie nominiert wurde. Dafür hatte ich bei zu vielen Szenen das Gefühl, dass hier was nicht stimmt, etwas nicht passt. Der Tonfall ist hier mal zu leise, dort zu laut. Einmal ist das Gezeigte zu zahm, einmal zu sehr mit dem Holzhammer draufgehauen.

Schönes Beispiel ist eine sehr frühe Szene, in der Willoughby mit Mildred redet, ihre Werbetafeln kritisiert und von seiner Krebserkrankung erzählt. In dem Moment dachte ich instinktiv: „Ist das sein ernst…?“ Sprich: Es mag ja sein, dass er unheilbar krank ist und aufgrund seiner jungen Frau sowie seinen kleinen Töchtern verzweifelt. Aber diese Karte in solch einer Situation gegenüber einer Mutter auszuspielen, die ihr Kind nach einer grausamen Vergewaltigung verloren hat? Das wirkte auf mich sehr befremdlich.

Wohlgemerkt: „Wirkt“ ist das Stichwort. Der Knackpunkt ist die Darstellung, wie Woody Harrelson als Willoughby und Frances McDormand als Mildred rüber kommen. Ich hatte ungelogen das Gefühl: „Der will sie doch jetzt einfach nur verarschen!“ – und rechnete jederzeit mit einem höhnischen Gelächter seitens des Sheriffs.

Rein vom Drehbuch her betrachtet ist die Szene richtig und wichtig. Willoughbys Krebserkrankung ist ein entscheidender Plotpunkt für das gesamte Drama und die Entwicklung aller Charaktere. Aber McDonagh bekommt die Inszenierung nicht hin, obwohl ihm für diese Szene mit Frances McDormand und Woody Harrelson zwei tadellose Schauspieler zur Verfügung stehen.

Wenn ich diese Probleme jedoch beiseite schiebe, dann kann ich Three Billboards Outside Ebbing, Missouri nicht wirklich etwas vorwerfen. Die schauspielerische Leistung aller Beteiligten ist großartig (Abbie Cornishs umstrittene Akzententwicklung als Willoughbys Frau ausgenommen). Sam Rockwell wird definitiv einen Oscar für seine Rolle als Dixon gewinnen und McDormand hat ebenfalls extrem gute Chancen, gleichwohl sie eine stärkere Konkurrenz zu bekämpfen hat. Doch beide liefern Karrierebestleistungen ab und sorgen dafür, dass ihre Charaktere jenseits des Schwarz-Weiß-Denkens funktionieren.

Wird es für „Best Picture“ reichen? Die fehlende Regie-Nominierung sollte alle Beteiligten von Three Billboards Outside Ebbing, Missouri zu denken geben. Klar: Argo hat es auch geschafft – aber da glich Ben Afflecks Nicht-Nominierung als Affront. Er hat schließlich auch jeden anderen Preis gewonnen. McDonagh hingegen nur als Autor und keinen als Regisseur.

Es gibt zwei Gründe, weshalb es trotzdem klappen könnte: Die Academy hat sich in der Tat in den letzten zehn Jahren verändert. Sie vereint viel häufiger Best Picture mit Best Writing anstatt mit Best Directing. Zudem spricht die Konkurrenz dafür, denn keiner der anderen Kandidaten schreit nach einer Favoritenrolle. The Shape of Water und Get Out sind Genre-Filme. Lady Bird ist zu Indie. Phantom Thread ist zu spät ins Rennen eingestiegen. Und Dunkirk fehlt es an grandiosen Schauspielern.

Es gibt allerdings auch einen Grund, der dagegen spricht und womit ich zu meinem einleitenden Absatz zurückkehre: Der Film spaltet die Gemüter, weil ihn eben nicht jeder so versteht, wie er verstanden werden will. Das ist in einer Zeit, in der Best Picture durch das präferenzielle Wahlsystem bestimmt wird, ungünstig. Fragt La La Land, fragt The Revenant. Es könnte nämlich auch ein Grund sein, warum Regie und Film in den letzten Jahren so auseinander gedriftet sind.

Meine Befürchtung: Three Billboards Outside Ebbing, Missouri gewinnt und die Academy wird als rassistisch betituliert. Das hat weder die Institution noch der Film verdient. Und dabei ist er beileibe nicht mein Favorit für den Best-Picture-Oscar: Aber ich könnte damit leben, weil es unterm Strich eine gute Wahl wäre.

Oscar-Nominierungen: Bester Film, Bestes Drehbuch, Beste Hauptdarstellerin (Frances McDormand), Bester Nebendarsteller (Sam Rockwell), Bester Nebendarsteller (Woody Harrelson), Bester Schnitt, Beste Musik