Musik in Film und Spiel: Ein einziges Paradoxon

Die Oscars sind vorbei und der Hype rund um Film und Filmauszeichnungen ist von einem Tag auf den anderen auf den Nullpunkt gefallen. Was sagt ihr da? MTV Movie Awards? Ach, geht mir weg: Es wird endlich Zeit, das dritte Drittel von “The Awardian“ in Angriff zu nehmen. Denn da oben im Logo stehen nicht nur die Wörter “Games“ und “Movies“, sondern auch das etwas kryptisch anmutende “Scores“.

Die meisten würden den Begriff wohl mit “Punkte“ übersetzen, doch darum geht es mir nicht einmal im Entferntesten. “Score“ hat für mich noch eine ganz andere Bedeutung, die den wenigsten in den Sinn kommt: Partitur. Erneut waren es die Oscars, weshalb ich auf diese ungewöhnliche Wortwahl gekommen bin. Dort wird schließlich die beste Musik unter der Überschrift “Best Original Score“ ausgezeichnet.

Turrican
Der erste Score-Artikel dreht sich zwar um Filmmusik, aber gewöhnt euch schon mal daran, dass dieses Spiel hier in dieser Kategorie oft erwähnt wird…

Ich möchte das Thema weiter eingrenzen: Sämtliche Artikel, die hier auf The Awardian unter “Scores“ erscheinen, haben etwas mit Film- oder Videospielmusik zu tun. Die Wahl des Begriffes beruht hauptsächlich auf der Länge und Melodie des Wortes, die den anderen Überschriften Games und Movies schlicht näher ist, als beispielsweise das landläufig bekanntere “Soundtracks“.

Es gibt jedenfalls zwei Gründe, warum ich Film- und Videospielmusik einen eigenen Bereich zugestehe, obwohl ich die von mir geplanten Artikel streng genommen auch unter die anderen beiden Themen quetschen könnte. Zum einen ist mir Musik, die speziell für Filme oder Spiele komponiert wurde, ungemein wichtig – wichtiger als alles andere, um genau zu sein. Ich sage immer: Wenn ich vor die Wahl gestellt wäre, mein Augenlicht oder mein Hörvermögen zu opfern, würde ich mich ganz klar für ersteres entscheiden. Denn so gerne ich “sehe“, so unverzichtbar ist für mich die Kraft, die mir ein Chris Hülsbeck, ein John Barry oder ein Hitoshi Sakimoto geben.

Der zweite Grund ist die Komplexität, die hinter diesem Thema steckt. Nicht ohne Grund gibt es von vielen Filmen und inzwischen auch den meisten Spielen separat erhältliche Alben, um die Musik abseits des eigentlich dafür gedachten Zwecks genießen zu können. Wie kaum ein anderes Element kann sie “für sich“ gesehen funktioniert, völlig abgetrennt von den Bildern, den Szenen oder den Geschichten. Darüber hinaus gibt es keinen anderen Teilaspekt, der bezüglich Awardshows für derart strittige Stimmen und Meinungen sorgt. Und genau darum geht es hier und jetzt.

Jenseits
Der Film gilt heute als umstritten, aber John Barrys Score ist und bleibt zeitlos.

Seit einigen Jahren schaue ich bezüglich Filmmusik auf vier Auszeichnungen, die regelmäßig vergeben werden: den Golden Globe, den IFMCA Award, den Filmtracks Award und natürlich den Oscar. Während ersterer und letzterer keine nähere Erläuterung benötigen, muss ich die beiden anderen erklären.

IFMCA steht für International Film Music Critics Assocations. Dahinter stecken über 50 Journalisten aus aller Welt, die sich ernsthaft mit dem Thema Filmmusik beschäftigen. Einer der berühmt-berüchtigsten Mitglieder dieser Vereinigung heißt Christian Clemmensen, der wiederum seit fast zwei Jahrzehnten die Webseite Filmtracks praktisch im Alleindurchgang betreibt und der für seine schonungslosen Analysen im Bereich der Filmmusik bekannt ist. Zwar beruhen demnach “seine“ Auszeichnung allein auf seinen “Sturkopf“ (den Clemmensen definitiv hat, was sowohl positiv wie negativ gemeint ist), jedoch ist seine Wahl stets interessant, gut begründet und vor allem frei von der Qualität des eigentlichen Filmwerkes.

Darin liegt nämlich einer der größten Knackpunkte begraben, warum das Nominierungsfeld von Award zu Award stark variiert. Leute wie Christian Clemmensen leben regelrecht für das Thema “Soundtracks“, weshalb sie es komplett von allem anderen Abkapseln können. Individualisten wie er haben kein Problem damit, Original Scores zu Die Legende von Aang oder Meine Frau, die Spartaner und ich in den höchsten Tönen zu loben, obwohl die dahinter stehenden Filmgerüste bei jeder ehrlichen Kritik zu einem Häufchen Asche zerfallen.

Auf der anderen Seite besteht Clemmensen auf ein Mindestmaß an Komplexität und Individualität. Regelmäßig zerreißt er den neuesten Hans Zimmer oder schreibt bitterböse Kritiken zu Trent Reznors und Atticus Ross’ The Social Network, weil ihm das stetige Kopieren bereits veröffentlichter Werke, minimalistische Töne oder simple Melodievariationen ein Dorn im Auge… äh… Ohr sind. Auch bei Experimenten scheint Clemmensen von Haus aus zusammenzuzucken, weshalb solch selten gesehenen wie warmen Worte gegenüber Daft Punks TRON: Legacy umso beeindruckender wirken.

Die Meinung von Christan Clemmensen und der IFMCA decken sich oft, was sicherlich an der ähnlich gearteten Agenda beider liegt. Clemmensen bewertet Musik aus zweierlei Gesichtspunkten: Wie sie im Film und wie sie auf dem offiziellem Album wirkt. Und auch die IFMCA erklärt auf ihrer offiziellen Webseite ganz eindeutig, dass ihre ausgezeichneten Filme in beiderlei Hinsicht hervorstechen müssen.

Dies ist ein fundamentaler Unterschied zu den Academy Awards und den Golden Globes. Deren jeweilige Mitglieder konzentrieren sich sichtlich auf die Wirkung während des Filmes. Nur so ist zu erklären, dass solch umstrittene Werke wie Marco Beltramis und Buck Sanders’ The Hurt Locker oder Gustavo Santaolallas Brokeback Mountain Berücksichtigung finden. Wohlgemerkt: Ich zähle zu den Fans beider Soundtracks, speziell was Ang Lees Liebesdrama anbelangt – auch ich hätte dem Ding allein für The Wings den Oscar dreimal gegeben. Aber ich wäre glaube ich kaum auf die Idee einer Nominierung oder gar einer Auszeichnung gekommen, wenn ich nur oder primär die Soundtrack-Alben gehört hätte.

Im Umkehrschluss wird der große Vorteil der Philosophie von Clemmensen und der IFMCA, nämlich die Musik für sich und unabhängig von der Qualität des Filmes zu beurteilen, zum riesigen Nachteil der Academy of Motion Picture Arts and Sciences sowie der Hollywood Foreign Press Association (die den Golden Globe verteilt). Denn wenn ein schlechter Film über die Leinwand flimmert, dann ist es schwierig, einzelne Aspekte unabhängig von allem anderen zu beurteilen – egal wie stark eine Einzelleistung auch sein mag. Und gerade die Musik verschmilzt oft mit dem Gesamtkunstwerk und geht schnell unter, wenn der zugehörige Film schlicht und ergreifend schlecht ist.

Romeo_Julia
Spart euch den Film und holt euch gleich die Soundtrack CD von Abel Korzeniowksi.

Genau das Phänomen ist letztes Jahr bei der neuesten Romeo & Julia Verfilmung von Carlo Carlei passiert: Ohne jeden Zweifel ist diese x-te Version des Shakespearedramas eine grandiose Fehlzündung, die vor allem unter den neu geschriebenen Dialogen und der damit unglaubwürdigen Darstellung der Ereignisse leidet. Doch, bei Gott: Abel Korzeniowskis Musik ist atemberaubend schön. Ich selbst hörte sie erstmals via YouTube, bevor ich den eigentlichen Film sah. Sämtliche Themen werden der Epoche gerecht, erklingen träumerisch und doch alles andere als ausgelutscht. Korzeniowski ist auch dank anderer Werke wie A Single Man oder W.E. der neue Score-Meister der Violine und längst überfällig für eine Academy-Award-Nominierung – das nur nebenbei.

Als ich jedoch im Nachhinein Carleis Romeo & Julia sah, war ich zwiegespalten: Einerseits ist der majestätische Soundtrack ohne Kompromisse enthalten und bereichert ganz klar die Atmosphäre. Andererseits wird die Musik gerne in den Hintergrund gedrängt und von dem “Machwerk“, der in Bild- und Dialogform die Oberhand gewinnt, überschattet. Ich bin mir sicher: Hätte ich das Album nicht bereits gehört, dann wäre es selbst mir, der seinen Fokus stark auf Film- und Videospielmusik legt, schwer gefallen, Abel Korzeniowskis Leistung in seiner wahren Stärke zu registrieren.

Gestern habe ich mir erstmals Brian Tylers Musik zu Die Unfassbaren – Now You See Me angehört, allein aufgrund der Empfehlung von Christian Clemmensen, der den Soundtrack zu den fünf besten des Jahrgangs 2013 nominiert hat – als einziger der vier oben genannten Institutionen, wohlgemerkt. Entsprechend schnell flitzte ich heute zur Videothek, um mir die zugehörige Mischung aus Ocean’s Eleven und Prestige anzusehen – man könnte auch sagen, ich war spontan schwer beeindruckt.

Jetzt weiß ich zumindest, wie ich den Scores-Bereich auf The Awardian zumindest für den Anfang füllen kann: Mit einer Analyse über all diese nominierten Filme der vier genannten Awardblöcke. Vielleicht schaffe ich es so, die Unterschiede zwischen den Geschmäckern und den Philosophien all dieser eigenwilligen Gruppierungen genauso heraus zu kristallisieren, wie die wenigen Gemeinsamkeiten.

Und dann – dann gibt es basierend darauf meine Top Five des Jahres 2013. Stay tuned.