Sneak-Horror: The Legend of Hercules

Seit das Kinopolis Ende letzten Jahres in Gießen eröffnet wurde, gehe ich fast jede Woche mit ein bis zwei Freunden in die Sneak-Preview. Für all jene, die nicht wissen, was das ist: Dort wird ein Film vor dem öffentlichen, deutschen Starttermin gezeigt – ohne das man weiß, was auf einen zukommt.

Bislang muss ich nüchtern festhalten, dass die Auswahl der gezeigten Filme nicht so wirklich meinem Geschmack entspricht – speziell was sämtliche US-Produktionen anbelangt, aufgrund dessen ich solch “Perlen“ wie Ride Along, Die Pute von Panem oder Man of Tai Chi (Keanu Reeves Regiedebüt!) sehen “durfte“. Und weil ich so langsam ein Ventil benötige, um den Frust über das Gezeigte los zu werden, dachte ich mir: “Hey, du hast ‘nen Blog – also schreib doch was darüber!“

Hercules

Die gestrige Sneak war einfach herrlich… herrlich bescheuert. Selten habe ich so viele Zwischenrufe und Lacher vernommen, wie vom gestrigen Publikum. Bereits nach dem Trailer zu The Legend of Hercules schwante mir Übles: Überzogen dargestellte Muskelpakete kloppen sich auf miese Gladiator-Art in Zeitlupe die Köpfe ein. Urks. Der finale Film übertraf dann all meine Erwartungen und Befürchtungen.

König Amphitryon (Scott Adkins) ist sauer: Da hat er ein ganzes Reich erobert hat und seine Frau Alkmene (Roxanne McKee) zeigt keinen Dank, sondern Abscheu. Sie lässt sich lieber von Zeus schwängern, in der Aussicht einen Sohn zu gebären, der ihrem Mann irgendwann die Stirn bieten könne. Offiziell wird der Junge auf den Namen Alcides getauft, doch in Wahrheit handelt es sich natürlich um den sagenumwobenen Hercules (Kellan Lutz).

Zwanzig Jahre nach seiner Geburt verliebt sich Alcides/Hercules in Hebe (Gaia Weiss), die Prinzessin von Kreta. Das Glück wird jäh zerstört, als Amphitryon einen Handel mit Hebes Vater ausmacht und sie mit seinem leiblichen Sohn Iphikles (Liam Garrigan) verloben lässt. Die gemeinsame Flucht seitens Alcides/Hercules und Hebe misslingt, woraufhin unser Held nach Ägypten strafversetzt wird. Dort tappt er mitsamt 79 anderen Soldaten in eine Falle, die nur er und der Anführer der Truppe namens Sotiris (Liam McIntyre) überleben. Völlig entmachtet landen die beiden als Gladiatoren in der Arena, woraufhin Hercules seinen wahren Namen annimmt und einen Feldzug gegen seinen Ziehvater sowie seinen Halbbruder anstrebt.

Wo fange ich bloß an? Ich bin bei Gott kein Pendant wenn es um filmische Erzählungen altbekannter Sagen oder realer Begebenheiten geht – aber was The Legend of Hercules hier alles verdreht, ist eine eigene Hausnummer. Abseits der Namen und ein paar der Verwandtschaftsverhältnisse stimmt praktisch gar nichts mit der griechischen Mythologie überein. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn der finale Film in sich stimmig wäre. Doch allein die krampfhaft erzeugten Parallelen zu Ridley Scotts Gladiator sowie Zack Snyders 300 sind dermaßen voluminös, dass jede Szene zu einer schlechten Kopie verkommt.

Überhaupt: Warum zum Geier kämpft Hercules die meiste Zeit über in einer Arena, so wie vor vierzehn Jahren Russell Crowe als Maximus Decimus Meridius? Weshalb hat man nicht die sagenumwobenen zwölf Arbeiten filmerisch umgesetzt? Es hätte dem Kerl definitiv mehr Profil und mehr Ausstrahlung verliehen. Aber nein, stattdessen muss ich mir ansehen, wie ein uncharismatischer Austauch-Bodybuilder einen No-Name-Kämpfer nach dem anderen auf die Matte legt.

Die Choreographie der Kämpfe ist einschläfernd, völlig überzogen oder beides zusammen. Gefallene Soldaten wirbeln wie bei einer planlosen Zirkusnummer durch die Luft, sobald Hercules sie niederstreckt. Die dabei zum Zuge kommenden Zeitlupeneinlagen machen jeden Michael Bay neidisch und selbst der finale Endkampf besitzt so viel Eigendynamik wie ein dunkelgrauer Stein. Und was Hercules Götterherkunft anbelangt: Die kommt weniger zur Sprache, bis er in aussichtsloser Lage steckend ein paar übernatürliche Fähigkeiten von Papa geschenkt bekommt. In einem Videospiel würde man von cheaten reden – was für ein Held…

Ein Großteil der Darsteller bemüht sich immerhin, irgendwie ernst zu bleiben, was bei den kitschigen Dialogen sicherlich nicht einfach gewesen sein dürfte. Leider besitzt Kellan Lutz zwar einen feschen Männerkörper, aber abseits davon keine glaubhafte Ausstrahlung. Sein Bubi-Milchgesicht wird nur von seinem Kukident-Lächeln übertroffen – mir war gar nicht bewusst, welch helle Beißerchen einem Gottessohn zugestehen. Richtig schmerzhaft wird es, wenn Hercules und Hebe in trauter Zweisamkeit miteinander turteln. Die Liebesszene gen Mitte des Filmes reißt aufgrund ihrer planlosen Inszenierung zahlreiche Plotlöcher ins Drehbuch, strahlt weniger Romantik aus als ein Softporno und wirkt aufgrund ihrer Kulisse wie aus einem völlig anderen Film, der nicht minder mies ist.

Allgemein erinnert die Ausstattung an eine mittelmäßige Direct-to-DVD-Produktion. Ungelogen habe ich noch nie einen solch unrealistisch und farblich völlig verhunzten CGI-Wolkenhimmel im Kino gesehen, wie in The Legend of Hercules. Und für den Sandboden einer Kampfarena, der mehrmals von Weitem gezeigt wird, geht mir das Vokabular aus. Mein Kumpel meinte zwischendurch, ihn würden die Kampfszenen an God of War erinnern. Als er den Satz brachte, fing ich innerlich an zu weinen – denn der neun Jahre alte Klassiker für die PlayStation 2 zeigt in Wahrheit eine glaubwürdigere wie detailliertere Kulisse, als was Regisseur Renny Harlin hier für 70 Millionen Dollar verbraten hat. Selbst die Musik haben sie kräftig versaut: Die einzige Szene, in der sie mir auffiel, war eine kurze Bootsfahrt, bei der nichts passiert und trotzdem der Chor mächtig heroisch wie epochal klingt.

Ich will fair sein: Ich habe schlechtere Filme als The Legend of Hercules gesehen – allerdings reden wir von solch Machwerken wie Gigli oder Daniel, der Zauberer. Die Sage von Hercules bietet durchaus Stoff für einen feschen Abenteuerfilm oder eine gut inszenierte Geschichtsstunde, weshalb es mir nicht in den Kopf will, wieso Renny Harlin auf eine solch plumpe Kopie von Gladiator und 300 setzt. Und Kellan Lutz sage ich eine Nominierung für einen ehrfürchtigen Preis voraus – er ist klein, ähnelt einem Stück Obst und ist mit Goldfarbe überzogen. Gratulation.

The Legend of Hercules startet offiziell am 1. Mai in den hiesigen Kinos – falls es tatsächlich noch jemanden interessieren sollte…