Kritik: Philomena

Die Anzahl der möglichen “Best-Picture“-Plätze mag sich seit der Saison 2009/2010 verdoppelt haben, doch nach wie vor gilt die Regel: Man muss für eine Nominierung von wenigen geliebt anstatt von vielen gemocht werden. Es bedarf einer soliden Lobby, die den betreffenden Kandidaten als persönlichen Lieblingsfilm bezeichnet. Und hätte ich bereits vor ein paar Monaten Philomena gesehen, ich hätte nicht damit gerechnet, dass das neue Werk von Stephen Frears dieses Kriterium erfüllt.

Bevor Missverständnisse entstehen: Mir hat der Film gefallen. Er ist nicht ohne Fehler, aber er hat sichtbare Stärken und wird vor allem im Laufe seiner Spielzeit besser anstatt schlechter. Und obwohl ich es immer noch erstaunlich finde, dass Philomena im Gegensatz zu Inside Llewyn Davis genügend “Liebe“ erfahren hat, um in die “Best-Picture“-Riege aufgenommen zu werden, so empfinde ich es als sympathisch.

PhilomenaPhilomena Lee (Judi Dench) hat ihr halbes Leben lang geschwiegen. Doch an einem Abend, als sie in die Leere blickend auf ihrer Couch sitzt und ihre Tochter sie fragt, was los sei, da bricht es aus ihr heraus: Sie habe einen Sohn, der an diesem Tag seinen 50. Geburtstag feiere. In Form von Rückblenden wird Philomenas Schicksal als Jugendliche erzählt, wie sie sich auf einem Rummelplatz in einen jungen Mann verliebt, mit ihm Sex hat und schwanger wird. Aus Scham schickt ihre Familie sie ins Kloster, wo sie vier Jahre lang harte Schwerstarbeit verrichten muss. Die Geburt ihres Sohnes ist von unerträglichen Schmerzen geprägt, wogegen die anwesenden Nonnen nichts unternehmen. Philomena müsse für ihre “Sünde“ büßen.

Danach darf sie Anthony, wie sie den Jungen nennt, eine Stunde am Tag sehen, bis er eines Tages von einem Paar adoptiert. Dies passiert ohne Vorwarnung, wohlgemerkt – selbst eine Verabschiedung in irgendeiner Form wird der jungen Mutter verwehrt. Nun ist sie eine alte Frau, die trotz der Härte, mit der sie im Kloster aufgewachsen ist, ihren Glauben an Gott, die Kirche und die Menschen im allgemeinen nie verloren hat. Philomena ist nicht in der Lage, den Verantwortlichen eine Schuld zuzuschieben oder sie gar zu hassen. Sie ist vielmehr blockiert von ihrer inneren Unsicherheit, die sie zweifeln lässt, ob ihr wirklich unrecht geschehen sei oder sie nicht doch die Schuld an der Tragödie ganz alleine tragen müsse.

Martin Sixsmith (Steve Coogan) ist vom Leben frustriert, hat er doch gerade seinen erstklassigen Job als Berater für die amtierende Labour Regierung verloren. Als er darüber sinniert, ein Buch über russische Geschichte zu schreiben, trifft er zufälligerweise auf Philomenas Tochter. Sie bittet ihn darum, einen Artikel über das Schicksal ihrer Mutter zu veröffentlichen – ein Angebot, dem er nach kurzer Skepsis einwilligt. Gemeinsam fahren sie zum Kloster, um nach Spuren von Anthony zu suchen. Dort wird sogleich abgewunken: Sämtliche Adoptionsunterlagen seien bei einem Brand vernichtet. Sixsmith traut der Sache freilich nicht und verfolgt eine dünne Spur nach der anderen, die ihn zu einem ausgewachsenen Skandal führt.

Was sagt ihr da? Das hört sich uninteressant und langweilig an? In der Tat klingt die Prämisse nicht gerade prickelnd. Entsprechend braucht Philomena etwas Zeit, bis der Stoff so etwas wie Spannung erfährt. Die Rückblenden wirken noch verkrampft und arg auf die Tränendrüse gedrückt. Doch spätestens nach dem Klosterbesuch nimmt der Film an Fahrt auf. Diese Entwicklung erinnerte mich sofort an ein anderes, Oscar-prämiertes Werk von Stephen Frears, nämlich The Queen.

Der Hauptgrund, warum ihr von Anfang an am Ball bleibt, ist eindeutig Judi Dench. Ihr Balanceakt zwischen Religionstreue und Eigenwille ist genauso meisterhaft, wie ihre Gesichtermimik. Leider krankt die deutsche Synchronisation unter einer gewissen Unbeholfenheit, weshalb die Performance hierzulande unter Wert verkauft wird. Aber wer darüber hinweg hören kann oder gar die Chance besitzt, den Film im englischen Original zu sehen, der wird Zeuge einer ausgezeichneten Charakterstudie. Egal ob Philomena traurig, bestürzt, schrullig oder komisch wirken soll: Dench zieht in jeder Szene eure Aufmerksamkeit auf sich.

Steve Coogan kann da nicht mithalten, stellt aber einen wunderbaren Gegenpart dar. Schließlich zehrt sein Charakter von einer ganz anderen Lebensphilosophie wie Philomena. Er ist viel mehr am motzen und beschweren, obwohl sein “Schicksal“ nicht im Ansatz mit dem ihren zu vergleichen ist. Die zwangsläufig daraus resultierenden Debatten über Religion und Gottesglaube mögen für den einen oder anderen mühselig klingen, halten sich aber in Grenzen.

Ohne groß zu spoilern muss ich kurz die Schlüsselszene des Filmes anreißen: Es ist der Moment, in dem Philomena, Sixsmith und somit auch dem Zuschauer offenbart wird, was aus Anthony nach all den Jahren geworden ist. In meinen Augen muss dieser Moment ausschlaggebend für die “Best-Picture“-Nomninierung gewesen, denn er ist absolut perfekt. Der Ort, das Umfeld, die Schauspieler und vor allem Alexandre Desplats Musik, die sich ansonsten eher unterverkauft, hinterlassen ein großes Ausrufezeichen. Zudem ist es ungemein hilfreich, dass diese Szene nicht das Ende des Filmes markiert. Die Geschichte driftet vielmehr in eine völlig andere Richtung, weil sich das Ziel verschiebt.

Mit vier Oscar-Nominierungen ist Philomena rein statistisch gesehen der schwächste Vertreter im diesjährigen “Best-Picture“-Rennen und in der Tat ist es auch der einzige der neun Filme, bei dem ich praktisch keine Chancen auf irgendeinen Sieg sehe. Im Vorfeld wurde zwar gemunkelt, dass man hiermit Judi Dench noch einen Oscar als beste Hauptdarstellerin überreichen könne, bevor sie irgendwann aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters in den Ruhestand gehe. Doch die Konkurrenz ist mit Cate Blanchett (hat für Blue Jasmine alles gewonnen, was man gewinnen kann) und Amy Adams (ist deutlich überfälliger für überhaupt einen Sieg) einfach zu stark.

Aber wie eingangs erwähnt: Es ist irgendwie sympathisch, dass Philomena auf einer Liste Platz gefunden hat, die mit Namen wie 12 Years a Slave oder Gravity bestückt ist. Man sollte nie unterschätzen, dass auch solche “bodenständige“ Filme ihre Fans haben und eine Chance im Awardzirkus verdienen.

Oscar nominiert für: Bester Film, Beste Hauptdarstellerin (Judi Dench), Bestes Drehbuch (adaptiert), Beste Musik.