OST #173: Lethal Xcess

173-Lethal_XcessComposer: Jochen Hippel
System: Amiga, Atari ST
Year: 1991

Die Soundtracks von Jochen Hippel sind rein technisch betrachtet der Oberhammer – egal ob auf Atari ST oder Amiga. Er ist der einzige, der in dieser Hinsicht mit Chris Hülsbeck konkurrieren konnte und ihm sogar in einer ganz bestimmten Hinsicht sogar geholfen hat (…worüber wir im April nächsten Jahres reden…). Doch rein kompositorisch hat es sich Hippel immer etwas schwer getan. So klar seine gesampelten Instrumente auch klingen, so sehr geht seine Kunst in das eine Ohr rein und ins andere wieder raus.

Wings of Death ist eines seiner beliebtesten Werke – und nein, das kommt nicht in meiner Liste vor. Eben genau aus dem just beschriebenen Grund: handwerklich klingt es toll, doch es bleibt einfach nichts haften. Und eigentlich sollte der inoffizielle Nachfolger Lethal Xcess das gleiche Schicksal erleiden – wenn da nicht ein Thema wäre, das sämtliche andere Hippel-Arbeiten um Meilen deklassiert.

Es ist kein langes Stück und es tritt nicht einmal in einer wichtigen Spielsituation in Erscheinung. Ihr hört es einzig und allein im Titelbildschirm, die zugehörige Sounddatei heißt verschämt „Options“. Doch genau hier hat Hippel genau das zur absoluten Perfektion geschafft, was ihm sonst immer so schwer gefallen ist.

Neben einer herausragend und sensationell eingängigen Hauptmelodie sind es zwei Instrumente, die über allem zu schweben scheinen: Das erste davon ertönt gleich zu Beginn und strahlt eine unglaubliche Leidenschaft aus, die keine (!) andere mir bekannte Amiga-Musik jemals zu wiederholen vermochte. Es ähnelt nicht einmal einem „echten“ Instrument, weshalb mir eine Beschreibung schwer fällt – aber trotz des hohen, schrillen Synthieklangs erinnert es rein vom Gefühl her an eine Gitarre, die auf einer großen Bühne und unter dem Gröhlen der Zuschauer alles um sich herum vergessen lässt. Das zweite Überinstrument ist die Leadstimme, für die ich ebenfalls das Wörtchen Leidenschaft gebrauchen möchte.

„Leidenschaft“: Es ist DAS Stichwort, das dieses Options-Thema und damit den gesamten Lethal-Xcess-Soundtrack zu etwas Herausragendem machen. Leider ist es ausgerechnet in dem Jahr veröffentlicht worden, wo ein anderer Deutscher einen Kracher von einem ganz anderen Kaliber auf den Tisch gehauen hat – ansonsten wäre es das beste Musikstück des Jahres gewesen. Aber so reicht es immerhin zu einem ehrenvollen Platz, der nur vom besten aller besten geschlagen werden konnte. Es ist der ultimative Beweis dafür, dass Hippel viel mehr auf dem Kasten hat als „nur“ mit grandioser Technik zu zaubern.

Nachtrag: Jochen Hippel hatte gemeinsam mit Christoph Remspecher eine Audio-CD mit einem komplett arrangierten Soundtrack von Lethal Xcess in Planung gehabt, die nie veröffentlicht wurde. Erst im Zeitalter des Internets erblickte sie das Licht der Öffentlichkeit und kann hier komplett herunter geladen werden. Das von mir hochgelobte Musikstück ist teilweise sehr gut (die ersten Sekunden), teilweise etwas blechern (ab dem Einsatz des Hauptinstrumentes) adaptiert. Die Seite stellt im übrigen eine gute Zusammenstellung der wichtigsten arrangierten Hippel-Werke dar und bietet noch ein paar andere Downloads für lau.

Soundtrack-Veröffentlichungen [Arrange]

Revival ST [Compilation]
Immortal 2 [Compilation]

 

 

Lethal_Xcess

2 Responses to OST #173: Lethal Xcess

  1. Ein schönes Review, auch wenn ich einer Vielzahl von Hippels Tracks den Ohrwurmcharakter nicht absprechen kann. Die Geschmäcker sind halt verschieden.

    Die Seite stellt im übrigen eine gute Zusammenstellung der wichtigsten arrangierten Hippel-Werke dar und bietet noch ein paar andere Downloads für lau.

    Falls mir diese Ergänzung gestattet ist, würde ich Dir hier auch gerne meine Fanpage zu Jochen Hippel (http://home.wtal.de/gmb/Hippel/hippelm.htm) empfehlen.

    • Oh, es gibt durchaus noch ein paar andere tolle Hippel-Soundtracks, in denen ein paar Ohrwürmer mit dabei sind. Auf Anhieb fallen mir das Hauppthema von Astaroth, das Game-Over-Thema von Seven Gates of Jambala und einige Musiken aus Chambers of Shaolin ein (sowie noch einen Titel, der in nicht allzu weiter Ferne in der Liste vorkommt und den ich aufgrund der “Spoiler”-Gefahr noch nicht nennen möchte ;). Aber unterm Strich ist mir halt aufgefallen, dass er immer ungewöhnlich viele “08/15”-Melodien verwendet hat, die (wie im Text beschrieben) in das eine Ohr rein und ins andere gleich wieder raus gehen. Anders ausgedrückt: Seine Highlights sind mir im Vergleich zu den technischen Qualitäten, die der Mann auf ST und Amiga drauf hatte, zu spärlich gespickt. 🙂