Kritik: 12 Years a Slave

Kennt ihr Steve McQueen? Den George Clooney der 1960er Jahre? Ein Schönling Hollywoods, der mit solch Action-Klassikern wie Gesprengte Ketten, Bullitt oder Getaway berühmt wurde und bereits mit 50 dank eines fiesen Krebsleiden gestorben ist. Ich staunte jedenfalls nicht schlecht, als ich vor ungefähr fünf Jahren zum ersten Mal von dem Film Hunger hörte und McQueens Name als Regisseur auftauchte. Das kann ja nicht sein – und in der Tat folgte gleich die nächste Überraschung, als ich mir auf IMDB das Portrait dieses Steve McQueens ansah, der rein optisch wirklich gar nichts mit seinem Namensvetter gemeinsam hat.

Der “neue“ Steve McQueen ist 44 Jahre alt, hat eine bullige Figur und er ist… schwarz. Die Hautfarbe sollte niemals von Belang sein, doch sie könnte dafür sorgen, dass der Mann am 2. März 2014 Filmgeschichte schreibt: nämlich als erster Farbiger, der einen Oscar für die beste Filmregie erhält. Es wäre ein Jammer – und zwar weil McQueen mit seiner Arbeit für 12 Years a Slave mehr verdient, als ein politisch motiviertes Novum für eine prestigeträchtige Preisveranstaltung zu sein.

12_YearsSolomon Northrup (Chiwetel Ejiofor) ist ein freier, gelehrter und relativ wohlhabender Mann, der im Jahre 1841 friedlich mit seiner Familie in New York lebt. Soweit nichts besonderes… wenn er nicht schwarz wäre. Als seine Frau und seine beiden Kinder verreisen, freundet er sich mit zwei Künstlern an, die ihn als Violinspieler engagieren wollen. Doch hinter dem Angebot steckt eine Falle: Die “Künstler“ setzen Northrup unter Drogen und verschleppen ihn, um ihn als Sklaven zu verkaufen.

Von den Papieren beraubt, die sein Recht auf Freiheit bestätigen, landet er zunächst bei einem recht gutherzigen Plantagenbesitzer namens William Ford (Benedict Cumberbatch). Dort begeht Northrup einen folgenschweren “Fehler“: Er arbeitet zu gut und bringt sinnvolle Verbesserungsvorschläge ein, die den rassistischen Schreiner Tidbeats (Paul Dano) im schlechten Licht stehen lassen. Nach einem Handgemenge wird Northrup fast gelyncht, wonach sich Ford gezwungen sieht, ihn an den unbarmherzigen Edward Epps (Michael Fassbender) zu verkaufen. Von da an wartet nicht mehr als der konzentrierte Horror der Sklaverei auf ihn…

Steve McQueen ist kein Kind von Traurigkeit – das wusste ich bereits nach Hunger und Shame. Wenn er etwas zeigt, dann schonungslos, ehrlich wie brutal. Diese Agenda wird zur großen Stärke von 12 Years a Slave, ein Film, der den Zuschauer alles andere als in Watte packt. Nein: Man soll das Leid und diese schreiende Ungerechtigkeit mit all ihrer Härte spüren. Es ist nicht nur die Gewalt der Peitschenhiebe, sondern auch der sture, unverrückbare Tonfall dieser ekelhaften Rassisten (entschuldigt bitte), die Schwarze gar nicht erst als Menschen sehen sondern mit Vieh vergleichen. Wohlgemerkt mit “Vieh“, das ebenfalls kein Recht auf ein würdevolles Leben habe.

Die Sklaven seien “Besitz“ – es ist das Mantra von Edward Epps. Er spricht es ohne Reue und handelt danach. Was die Filmfigur Solomon Northrup erleidet, macht euch rasend, weil es gleichzeitig unbegreiflich und doch real erscheint. Einen ebenfalls gewichtigen Anteil des Filmes nimmt Patsy (Lupita Nyong’o) ein: Die junge Sklavin ist jung, hübsch und wird von Epps zugleich begehrt wie verachtet. Sie wird von ihm vergewaltigt und dafür von seiner Frau nicht bemitleidet, sondern gerade deshalb (!) gehasst. Noch mehr als im Falle Northrups spürt ihr die Verzweiflung und die Hilflosigkeit bei allem, was Patsy macht oder ihr geschieht.

Steve McQueens Kunst besteht darin, mit dem Finger auf etwas zu zeigen und zu sagen: “Es war so, wieso sollte ich es weich reden!“. Gleichzeitig habt ihr nie das Gefühl, mit einer Moralkeule erschlagen zu werden. In 12 Years a Slave gibt es keine Klischees, keinen Kitsch, keinen Pathos. Der Film ist intensiv und aufwühlend, wenn eben auch schwer. Hier von “Unterhaltung“ zu reden wäre zynisch – genau das wird den einen oder anderen abschrecken. Zudem McQueen ein wenig mit der Geduld seiner Zuschauer spielt und die eine oder andere Szene bewusst länger ausspielen lässt. Man könnte es als Schwäche auslegen oder als legitimes Mittel dafür bezeichnen, das wir die Taten in diesen Momenten auch richtig reflektieren. Das so etwas unangenehm ist, liegt in der Natur der Sache.

Nur in einer Hinsicht hält sich meine Begeisterung im Vergleich zu anderen 12-Years-a-Slave-“Fans“ (keine Ahnung, ob das Wort in diesem Falle gerechtfertigt ist) etwas in Grenzen: bei der schauspielerischen Leistung von Ejiofor und Nyong’o. Die beiden sind stark, keine Frage – aber es sind eben die Gräueltaten, die mich mitleiden lassen, und nicht ihre Reaktionen darauf. Wirklich den Boden unter meinen Füßen weggezogen hat Michael Fassbender – aber ich hab auch ein perverses Faible für solch menschenverachtende Filmfiguren, sofern sie mir distanziert auf der Leinwand begegnen.

Als großer Oscar-Fan möchte ich wenigstens in diesem Jahr meine Award-Sucht verfluchen: Mit Gravity und 12 Years a Slave sind zwei derart unterschiedliche und in meinen Augen unumstrittene Kunststücke im Rennen, weshalb sich ein Vergleich zu anderen grandiosen Showdowns wie Star Wars versus Der Stadtneurotiker oder Forrest Gump versus Pulp Fiction versus (!) Die Verurteilten aufdrängt. Das mathematisch eigentlich nahezu unmögliche Unentschieden beim Producer Guild Award sehe ich entsprechend als Segen, dürfte sich aber kaum bei den Oscars wiederholen.

Wenn ich selbst wählen dürfte, ich würde mich nach wie vor für Gravity entscheiden – aber das hat sehr persönliche und egoistische Gründe, weil ich diesen Film mit jeder Faser meines Herzens verehre. Sollte 12 Years a Slave gewinnen, ich könnte nicht ernsthaft böse drum sein – sowohl der Film als auch Regisseur Steve McQueen hätten es verdient. Und bei einem so genannten Split, bei dem die beiden wichtigsten Preise an zwei verschiedene Werke gehen, wäre mir ein Alfonso Cuarón als “Best Director“ und ein 12 Years a Slave als “Best Picture“ sogar lieber, einfach weil es sich richtiger anfühlt. Was für ein Glück, dass beide Auteure auch als Produzenten ausgezeichnet würden. Es zeigt jedenfalls, dass diese Bezeichnung “Best Picture“ eigentlich völlig idiotisch ist und eine Rangfolge erzwingt, über die beide Filme locker stehen sollten.

Oscar nominiert für: Bester Film, Beste Regie (Steve McQueen), Bester Hauptdarsteller (Chiwetel Ejiofor), Bester Nebendarsteller (Michael Fassbender) Beste Nebendarstellerin (Lupita Nyong’o), Bestes Drehbuch (adaptiert), Bester Filmschnitt, Beste Kostüme, Bestes Produktionsdesign