{"id":983,"date":"2015-02-20T05:04:06","date_gmt":"2015-02-20T03:04:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.theawardian.de\/?p=983"},"modified":"2015-02-20T05:04:41","modified_gmt":"2015-02-20T03:04:41","slug":"983","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=983","title":{"rendered":"Oscar-Analyse: Bester Dokumentarkurzfilm"},"content":{"rendered":"<p>Yeah, eine Premiere: Zum ersten Mal konnte ich alle f\u00fcnf f\u00fcr einen Oscar nominierten Dokumentarkurzfilme sehen! Jubel! Trubel! Heiterkeit! \u2026 Ey, aufwachen, da hinten!<\/p>\n<p><!--more--><span style=\"line-height: 1.5;\">Vorweg: Wer mal so richtig schlecht drauf sein und die Welt hassen will, der schaut sich eben diese Kurzfilme an. Alle f\u00fcnf behandeln sie ernste wie unliebsame Themen, \u00fcber die wir am liebsten \u00fcberhaupt niemals nachdenken wollen.<\/span><\/p>\n<h2><span style=\"color: #80bfff;\">White Earth<\/span><\/h2>\n<p><span style=\"line-height: 1.5;\">Rein von der Thematik ist <\/span><b style=\"line-height: 1.5;\">White Earth<\/b><span style=\"line-height: 1.5;\"> noch am \u201cnettesten\u201c &#8211; denn hier geht es \u201cnur\u201c um ein paar Kinder, die mit ihren Eltern in North Dakota leben und deren V\u00e4ter auf verdreckten \u00d6lfeldern arbeiten m\u00fcssen. Freilich ist das kein sch\u00f6nes Zuhause, aber der Film suggeriert mir dies nicht so wirklich. Er l\u00e4sst die Kinder zu Wort kommen, die beispielsweise das Thema \u00d6l durchaus differenziert betrachten und nicht durchweg verteufeln.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"line-height: 1.5;\">Am Ende hat man nicht das Gef\u00fchl, der Ausbeutung der \u00d6lindustrie ein St\u00fcck n\u00e4her gekommen zu sein, sondern eher ein \u201cNa ja \u2013 irgendwer muss den Job halt machen\u201c. Deshalb ist <\/span><b style=\"line-height: 1.5;\">White Earth<\/b><span style=\"line-height: 1.5;\"> in meinen Augen auch einer der schw\u00e4cheren Dokumentarkurzfilme.<\/span><\/p>\n<h2><span style=\"color: #80bfff;\">The Reaper<\/span><\/h2>\n<p><span style=\"line-height: 1.5;\">Schon bedeutend unangenehmer ist der Hintergrund von <\/span><b style=\"line-height: 1.5;\">The Reaper<\/b><span style=\"line-height: 1.5;\">, der den Alltag von Efrain beschreibt. Der Mann arbeitet seit 25 Jahren in einem Schlachthaus und t\u00f6tet seither am Tag mehrere hundert Rinder. Der Film zeigt vornehmlich die ganze Maschinerie, die alt, verdreckt und \u00fcberholt wirkt. Die Rinder werden durch enge G\u00e4nge geschleust und mit den Beinen an Haken geh\u00e4ngt. Bilder des eigentlichen Schlachtens spart sich der Film \u2013 allerdings zeigt er nicht zu knapp das Abtransportieren abgezogener Rinderh\u00e4uter oder das Durchschneiden gro\u00dfer Fleischbrocken.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"line-height: 1.5;\">W\u00e4hrend diese Szenen auf ihre Weise \u201cfunktionieren\u201c (im Sinne von \u201cverst\u00f6rend\u201c) verfehlt der Film seine Wirkung bez\u00fcglich Efrain. Gegen Ende wird er im Beisein seiner Familie gezeigt, wie seine Kinder sich fr\u00f6hlich \u00fcber den Essenstisch hermachen und er apathisch ins Leere schaut. Leider wirkt gerade dieser Moment gestellt anstatt ehrlich \u2013 da w\u00e4re es sehr interessant zu wissen, inwiefern die Dokumentarfilmer hier irgendwelche Anweisungen an Efrain gegeben haben.<\/span><\/p>\n<h2><span style=\"color: #80bfff;\">Crisis Hotline: Veterans Press 1<\/span><\/h2>\n<p><span style=\"line-height: 1.5;\">Eine \u00e4hnlich unangenehme Aufgabe ist die der Mitarbeiter der folgenden Hotline: Sie nehmen tagt\u00e4glich Dutzende Anrufe von depressiven Kriegsveteranen oder deren Familienmitglieder an, in der Hoffnung sie vom Selbstmord abzuhalten. Die Pr\u00e4misse ist schnell erkl\u00e4rt, weshalb der Film sich auf das Zeigen konkreter Beispiele st\u00fcrzt. Dazwischen sprechen die Mitarbeiter miteinander, um das eben geh\u00f6rte zu verarbeiten.<\/span><\/p>\n<p><b style=\"line-height: 1.5;\">Crisis Hotline<\/b><span style=\"line-height: 1.5;\"> ist ein sehr interessanter Film, aber mit einem perversen \u201cMakel\u201c: Es wird von Anfang an suggeriert, dass die Hotline beileibe nicht immer erfolgreich sei und viele Anrufer ihren Suizid trotzdem vollziehen, was freilich wiederum die Mitarbeiter traumatisiere. <\/span><b style=\"line-height: 1.5;\">Crisis Hotline<\/b><span style=\"line-height: 1.5;\"> zeigt jedoch einzig Beispiele, die \u201cgut\u201c ausgegangen sind \u2013 zumindest soweit man sich das nach dem Anruf vorstellen kann. Und so sehr ich es auch verstehe, dass man keine \u201cnegativen\u201c F\u00e4lle dokumentieren wollte: Die Aneinanderreihung der Erfolge gaukelt mir eine falsche Realit\u00e4t vor \u2013 n\u00e4mlich das jeder Anruf quasi in einem Happy-End m\u00fcndet.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"line-height: 1.5;\">Aber wie gesagt: Ich kann verstehen, wieso die Dokumentarfilme sich gegen das \u201cAusschlachten\u201c eines tragischen Schicksals entschieden haben&#8230;<\/span><\/p>\n<h2><span style=\"color: #80bfff;\">Joanna<\/span><\/h2>\n<p><span style=\"line-height: 1.5;\">F\u00fcr Joanna Salyga gab es kein Happy-End: Die Frau starb 2012 im Alter von 36 Jahren an Krebs. Bereits zuvor konnten ihr die \u00c4rzte nur ihren baldigen Tod ank\u00fcndigen, eine Behandlung war nur gegen die Schmerzen und nicht gegen die Krankheit m\u00f6glich. <\/span><b style=\"line-height: 1.5;\">Joanna<\/b><span style=\"line-height: 1.5;\"> dokumentiert einen kurzen Zeitraum vor ihrem Tod und konzentriert sich auf das Verh\u00e4ltnis zwischen ihr und ihrem kleinen Sohn, der bald ohne Mutter auskommen muss.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"line-height: 1.5;\">Die Idee ist gut und die Ausf\u00fchrung r\u00fchrend. Ihr f\u00fchlt schnell mit der Frau, die mehr Angst davor hat ihre Familie allein zu lassen als sterben zu m\u00fcssen. Die meisten Szenen zeigen allt\u00e4gliche Situationen zwischen ihr und dem Sohn, weshalb der Film nicht pausenlos auf die Tr\u00e4nendr\u00fcse dr\u00fcckt. Was auch gut so ist: Hier geht es nicht um das Erhaschen von Mitgef\u00fchl, sondern um den Fingerzeig darauf, wie man am besten mit solch einer ausweglosen Situation umgehen sollte. So tragisch es auch ist, dass der Sohn so fr\u00fch ohne seine leibliche Mutter auskommen muss \u2013 <\/span><b style=\"line-height: 1.5;\">Joanna<\/b><span style=\"line-height: 1.5;\"> macht klar, dass sie bis zum Schluss ihr bestm\u00f6glichstes geleistet hat.<\/span><\/p>\n<h2><span style=\"color: #80bfff;\">Our Curse<\/span><\/h2>\n<p><span style=\"line-height: 1.5;\">Doch was ist noch viel schlimmer, als wenn ein Kind seine Mutter verliert? Richtig: Wenn der umgekehrte Albtraum droht. Tomasz Sliwinski und Magda Hueckel sind die jungen Eltern eines inzwischen vierj\u00e4hrigen Sohnes, der von Geburt an mit einem Beatmungsger\u00e4t leben muss und der jede Nacht an einer seltenen Krankheit namens Ondine&#8217;s Curse ersticken k\u00f6nnte. Sliwinski selbst hat sich und seine Frau in den ersten Tagen gefilmt, nachdem ihr neu geborenes Kind aus dem Krankenhaus entlassen wird.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"line-height: 1.5;\">Neben dem h\u00f6chst verst\u00f6renden Ger\u00e4usch des Beatmungsger\u00e4tes, wegen dessen ihr nie wieder \u00fcber eine Darth-Vader-Imitation lachen m\u00f6get, ist es vor allem der Austausch der Kan\u00fcle, die das Kind Tag ein, Tag aus am Hals tragen muss, was euch beim Anschauen von <\/span><b style=\"line-height: 1.5;\">Our Curse<\/b><span style=\"line-height: 1.5;\"> richtig fertig macht. Schnell fragt man sich, wie sich die beiden so vollends f\u00fcr ihr Kind opfern und mit diesem immensen emotionalen Druck klar kommen k\u00f6nnen. Und hier steckt die eigentliche Gr\u00f6\u00dfe des Filmes: Allein durch wenige Szenen am Ende, in denen die jungen Eltern freudig mit ihrem Sohn spielen, versteht ihr es.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"line-height: 1.5;\">Kurz und knackig:<\/span><b style=\"line-height: 1.5;\"> Our Curse<\/b><span style=\"line-height: 1.5;\"> ist um Meilen der beste Dokumentarkurzfilm, sowohl was die Brisanz der Thematik als auch die simple, wie effektive Ausf\u00fchrung anbelangt. Interessanterweise hat Sliwinski den Film urspr\u00fcnglich nur f\u00fcr sich und seine Frau gemacht, damit die beiden besser mit ihrem Schicksal zurecht kommen. Das er den daraus entstandenen Kurzfilm auf Filmfestivals gezeigt hat und am Ende sogar bei der Academy einreichte, verdankte er der \u00dcberzeugungskraft eines Freundes. Und auch dieser Umstand wird zur St\u00e4rke, weil <\/span><b style=\"line-height: 1.5;\">Our Curse<\/b><span style=\"line-height: 1.5;\"> somit vollkommen authentisch und ehrlich ist.<\/span><\/p>\n<ol>\n<li>Our Curse<\/li>\n<li>Joanna<\/li>\n<li>Crisis Hotline: Veterans Press 1<\/li>\n<li>White Earth<\/li>\n<li>The Reaper<\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Yeah, eine Premiere: Zum ersten Mal konnte ich alle f\u00fcnf f\u00fcr einen Oscar nominierten Dokumentarkurzfilme sehen! Jubel! Trubel! 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