{"id":979,"date":"2015-02-20T05:02:02","date_gmt":"2015-02-20T03:02:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.theawardian.de\/?p=979"},"modified":"2015-02-20T05:07:57","modified_gmt":"2015-02-20T03:07:57","slug":"oscar-analyse-bester-kurzfilm","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=979","title":{"rendered":"Oscar-Analyse: Bester Kurzfilm"},"content":{"rendered":"<p>iTunes sei dank konnte ich mir nun zum siebten Mal problemlos wie legal s\u00e4mtliche Oscar nominierten Kurzfilme anschauen \u2013 etwas, was ich jedem Filmliebhaber nur ans Herz legen kann. Denn hier bekommt der Zuschauer komprimierte Kleinode zu Gesicht, die frei von Hype oder dergleichen sind.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<h2><span style=\"color: #80bfff;\">Parvaneh<\/span><\/h2>\n<p><span style=\"line-height: 1.5;\">Parvaneh ist ein junges M\u00e4dchen aus Afghanistan, das ohne ihre Eltern in der Schweiz lebt. Vom kr\u00e4nklichen Zustand ihres Vaters aufgeschreckt, f\u00e4hrt sie in die Gro\u00dfstadt, um ihre Ersparnisse in die Heimat zu schicken. Doch weil sie weder vollj\u00e4hrig ist noch einen g\u00fcltigen Ausweis besitzt und zudem ihre Deutschkenntnisse alles andere als sattelfest sind, ist sie auf fremde Hilfe angewiesen. Diese taucht in Form eines Punkm\u00e4dchens auf, das zun\u00e4chst als Gegenleistung einen Anteil der Ersparnisse verlangt, sich jedoch letztlich mit Parvaneh anfreundet und erstaunlich schnell eine enge Bande mit ihr kn\u00fcpft.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"line-height: 1.5;\">H\u00f6rt sich cheesy und klischeetriefend an? Ist es auch \u2013 und genau deshalb ist der Film auch gut. Normalerweise tendieren Werke in dieser K\u00fcrze zu Drama oder Katastrophen. <\/span><b style=\"line-height: 1.5;\">Parvaneh<\/b><span style=\"line-height: 1.5;\"> hingegen ist fast schon wie eine Kindergeschichte, mit der Moral und dem Herz am rechten Fleck. Die Geschichte zeigt in der Tat keine Besonderheiten, aber Regie und Schauspieler treffen einfach den richtigen Ton. Kurz: <\/span><b style=\"line-height: 1.5;\">Parvaneh<\/b><span style=\"line-height: 1.5;\"> ist vielleicht nicht brillant, jedoch sehr sympathisch.<\/span><\/p>\n<h2><span style=\"color: #80bfff;\">The Butter Lamp<\/span><\/h2>\n<p><span style=\"line-height: 1.5;\">Jetzt wird es abenteuerlich, denn <\/span><b style=\"line-height: 1.5;\">The Butter Lamp <\/b><span style=\"line-height: 1.5;\">ist f\u00fcr meine Begriffe einer der bizarrsten Filme der Menschheitsgeschichte. Fast eine Viertelstunde lang bleibt die Kamera starr und blickt dabei auf eine bemalte Hintergrundkulisse, die alle paar Minuten gewechselt wird. Davor stellen sich tibetanische Nomaden, w\u00e4hrend ein chinesischer Fotograf Anweisungen erteilt, wie sie stehen und welche Kleidung sie tragen sollen. Am Ende wird stets ein Foto geschossen, worauf das Bild kurz schwarz wird und die n\u00e4chsten Tibetaner herbei gerufen werden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"line-height: 1.5;\">Am Ende gibt es noch eine kleine Pointe, die ich nicht verraten m\u00f6chte. Aber ohne Witz: Ansonsten passiert da nichts \u2013 und trotzdem h\u00e4tte <\/span><b style=\"line-height: 1.5;\">The Butter Lamp<\/b><span style=\"line-height: 1.5;\"> meine Stimme. Die Art, wie der Fotograf mit den Nomaden umgeht, ist irgendwie interessant und irgendwie witzig. Man merkt anhand der mal sehr steifen und mal sehr unversicherten Reaktionen der Bewohner, das sie vermutlich noch nie vor einer Kamera standen. Umso skurriler wirken dann einzelne Szene, in denen sich ein frisch verm\u00e4hltes Paar auf ein hochmordernes Motorrad hockt oder eine alte Frau, die geistig nicht mehr ganz auf der H\u00f6he ist, vor einem Disneyland-Plakat Platz nimmt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"line-height: 1.5;\">Die ganze Zeit fragt ihr euch, ob es sich hierbei wirklich um einen \u201cfiktiven\u201c Kurzfilm oder nicht doch um eine verkappte Dokumentation handelt. Aber laut Regisseur Wei Hu gab es ein Drehbuch und klassische Regieanweisung, gleichwohl er sich tats\u00e4chlich Eingeborene aus Tibet geschnappt hat, die noch nie einem Film mitgewirkt haben.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"line-height: 1.5;\">Wie gesagt: Es passiert nichts. Trotzdem ist <\/span><b style=\"line-height: 1.5;\">The Butter Lamp <\/b><span style=\"line-height: 1.5;\">interessant. Und das reicht f\u00fcr mich, ihn mehr als zu m\u00f6gen.<\/span><\/p>\n<h2><span style=\"color: #80bfff;\">The Phone Call<\/span><\/h2>\n<p><span style=\"line-height: 1.5;\">Geht man nach den Oscarbloggern, dann wird <\/span><b style=\"line-height: 1.5;\">The Phone Call <\/b><span style=\"line-height: 1.5;\">den Oscar mit nach Hause nehmen. Ginge es nach mir&#8230; nun, es ist ein zweifelsohne starker Film: Sally Hawkins spielt eine soziophobe Frau, die trotz ihrer Angst vor fremden Menschen als Telefonisten in einer Art Notruf-Hotline arbeitet. Sie erh\u00e4lt auch an diesem Tag einen Anruf eines verzweifelten Menschen, der zun\u00e4chst nur am Schluchzen ist und kaum ein Wort heraus bringt. Nach und nach erf\u00e4hrt sie, dass er Tabletten geschluckt und nie den Tod seiner vor zwei Jahren verstorbenen Frau verkraftet habe.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"line-height: 1.5;\">Der Mann wird von Jim Broadbent gesprochen, den ihr zu keinem Zeitpunkt zu Gesicht bekommt \u2013 ihr h\u00f6rt nur seine Stimme, die an Intensit\u00e4t und Glaubw\u00fcrdigkeit kaum zu \u00fcberbieten ist. Zusammen mit Hawkins, die ebenfalls ein Gef\u00fchlsachterbahn sondergleichen hinlegt, ist<\/span><b style=\"line-height: 1.5;\"> The Phone Call<\/b><span style=\"line-height: 1.5;\"> ohne Witz der Kurzfilm mit der besten schauspielerischen Leistung, den ich je gesehen habe. Mit Abstand, m\u00f6chte ich hinzuf\u00fcgen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"line-height: 1.5;\">Aber, bei Gott&#8230; das Ende. Was hat sich Regisseur Mat Kirkby nur bei diesem v\u00f6llig verhunzten Ende gedacht? Ich rede nicht vom Inhalt, nein: Die Geschichte endet stimmig und passend. Aber die Inszenierung wird sp\u00e4testens durch ein brutal schnulziges Lied regelrecht vernichtet. Und auch zu Beginn setzt Kirkby sanft Musik ein, die dem gesamten Stoff einen unprofessionellen oder besser gesagt laienhaften Touch verleihen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"line-height: 1.5;\">Und nun kommt eben mein Problem: So grandios Hawkins und Broadbent auch sind \u2013 der Oscar w\u00fcrde an Kirkby gehen. Der hat nat\u00fcrlich seine Schauspieler gut geleitet und dar\u00fcber hinaus einen sehr guten Regiekniff eingesetzt (Stichwort \u201ctickende Uhr\u201c). Jedoch dieses Ende&#8230; Himmel nochmal, war das wirklich n\u00f6tig?<\/span><\/p>\n<h2><span style=\"color: #80bfff;\">Aya<\/span><\/h2>\n<p><span style=\"line-height: 1.5;\">Der l\u00e4ngste der f\u00fcnf nominierten Kurzfilme ist auch der unspektakul\u00e4rste. Eine Frau namens Aya steht am Flughafen und wird von einem Chaffeur angesprochen, sie solle doch bitte kurz sein Schild halten und seinen Fahrgast abfangen. Aya willigt ein und macht sogleich Bekanntschaft mit Mr. Overby, der wiederum sie f\u00fcr seinen Fahrer h\u00e4lt. Sie macht das Spielchen mit und f\u00e4hrt ihn zum Hotel, das er gebucht hat.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"line-height: 1.5;\">Ein Gro\u00dfteil des Filmes findet w\u00e4hrend der Autofahrt statt, die die beiden Protagonisten miteinander teilen. \u00c4hnlich wie <\/span><b style=\"line-height: 1.5;\">Parvaneh <\/b><span style=\"line-height: 1.5;\">stimmt eigentlich alles, von der Inszenierung bis zu den Darstellern. Aber noch mehr fehlt <\/span><b style=\"line-height: 1.5;\">Aya<\/b><span style=\"line-height: 1.5;\"> so etwas wie Spannung, weil der gesamte Stoff inklusive des Endes doch arg vorhersehbar ist. Es ist beileibe kein schlechter Film, aber er zieht sich unn\u00f6tig und konnte ich zu keinem Zeitpunkt wirklich fesseln. Nur die allerletzte Einstellung ist hervorragend gel\u00f6st und geh\u00f6rt gefeiert.<\/span><\/p>\n<h2><span style=\"color: #80bfff;\">Boogaloo and Graham<\/span><\/h2>\n<p><span style=\"line-height: 1.5;\">Jedes Jahr gibt es einen Kurzfilm, der eher ins Lustige abdriftet \u2013 und 2014 ist da keine Ausnahme. <\/span><b style=\"line-height: 1.5;\">Boogaloo and Graham<\/b><span style=\"line-height: 1.5;\"> erz\u00e4hlt die Geschichte zweier Br\u00fcder, die von ihrem Vater zwei K\u00fcken geschenkt bekommen. Die beiden sind total vernarrt in die Tiere und behandelt sie wie andere ihre Katzen oder Hunde. Einzig die Mutter ist genervt und m\u00f6chte die sp\u00e4ter ausgewachsenen V\u00f6gel am liebsten loswerden. Und als die Frau erneut schwanger wird, da sieht sie ihre Chance, gemeinsam ihre Jungs dazu zu \u00fcberreden, auf ihre Haustiere zu verzichten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"line-height: 1.5;\">Was daran witzig sein soll? Nun, w\u00e4hrend der Grundplot zwischen harmlos und ernst schwankt, sind es einzelne S\u00e4tze der beiden Kinder, die vortrefflich geschrieben und \u00fcbermittelt werden. <\/span><b style=\"line-height: 1.5;\">Boogaloo and Graham<\/b><span style=\"line-height: 1.5;\"> verbirgt eine subtile Form des Humors, wenn beispielsweise die beiden Br\u00fcder des Nachts unter ihrem selbst gebastelten Zelt \u00fcber ihre K\u00fcken reden, man im Hintergrund gaaaaaaaaanz leise das St\u00f6hnen der Eltern vernehmt und am Ende des Dialogs der j\u00fcngere pl\u00f6tzlich zum \u00e4lteren knochentrocken meint: \u201cIst Mama eigentlich eine Hure?\u201c<\/span><\/p>\n<p><span style=\"line-height: 1.5;\">Abseits dieser am\u00fcsanten Einlagen ist <\/span><b style=\"line-height: 1.5;\">Boogaloo and Graham<\/b><span style=\"line-height: 1.5;\"> keinen Oscar wert \u2013 aber diese kleinen Feinheiten sorgen daf\u00fcr, dass ich mich nicht \u00fcber einen \u00dcberraschungssieg beschweren w\u00fcrde.<\/span><\/p>\n<ol>\n<li>The Butter Lamp<\/li>\n<li>Parvaneh<\/li>\n<li>Boogaloo and Graham<\/li>\n<li>The Phone Call<\/li>\n<li>Aya<\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>iTunes sei dank konnte ich mir nun zum siebten Mal problemlos wie legal s\u00e4mtliche Oscar nominierten Kurzfilme anschauen \u2013 etwas, was ich jedem Filmliebhaber nur ans Herz legen kann. 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