{"id":929,"date":"2015-02-05T05:45:33","date_gmt":"2015-02-05T03:45:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.theawardian.de\/?p=929"},"modified":"2021-07-12T23:27:58","modified_gmt":"2021-07-12T21:27:58","slug":"birdman","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=929","title":{"rendered":"Birdman"},"content":{"rendered":"<p>Shakespeare sagte einmal, die Welt sei eine gro\u00dfe B\u00fchne und wir w\u00e4ren alle Spieler. Demnach w\u00e4re doch alles nur ein Spiel, eine Szene, eine Inszenierung. Doch wenn das wahr ist: Wozu gibt es dann das Kino, das Theater und vor allem&#8230; Schau-Spieler?<\/p>\n<p><!--more--><span style=\"line-height: 1.5;\">Riggan Thomson d\u00fcmpelt seit \u00fcber zwanzig Jahren als gealterte Superhelden-Ikone vor sich hin, die nie aus dem Schatten ihrer legend\u00e4ren <\/span><b style=\"line-height: 1.5;\">Birdman<\/b><span style=\"line-height: 1.5;\">-Darstellung heraustreten konnte. Nun plant er ein furioses Comeback auf der Theaterb\u00fchne, wo er sein K\u00f6nnen f\u00fcr ein anspruchsvolles Drama unter Beweis stellen will \u2013 wohlgemerkt als Regisseur und als Protagonist. Nat\u00fcrlich steht Thomson mit seinem Vorhaben unter immensem Druck, selbst am Set herrscht keine echte Zuversicht, dass das St\u00fcck Erfolg haben k\u00f6nne. Mit die meisten Zweifel bekommt Thomson von seiner eigenen Tochter zu sp\u00fcren, die gerade frisch eine Entziehungskur f\u00fcr Heroins\u00fcchtige hinter sich hat.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"line-height: 1.5;\">Des Weiteren wird kurz vor der ersten Vorpremiere einer der Schauspieler von einer Requisite K.O. geschlagen, weshalb der schwer zu handhabende Mike Shiner f\u00fcr ihn einspringen muss und allein aufgrund seiner narzistischen Eigenarten das ganze Unternehmen in Gefahr bringt. Das gr\u00f6\u00dfte Problem f\u00fcr Thomson ist augenscheinlich er selbst: St\u00e4ndig h\u00f6rt er die tiefe Stimme des Birdman, die ihn mit schonungsloser Wortgewalt aus seinen ambitionierten Tr\u00e4umen rei\u00dfen will. Warum solle er sich auch als Pseudo-K\u00fcnstler unter Beweis stellen, wenn er doch Millionen mit einem neuen Superhelden-Film verdienen k\u00f6nne?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"line-height: 1.5;\">Mehr Inhalt verrate ich besser nicht, wobei ich sowieso viel lieber \u00fcber den Stil und die Inszenierung von Alejandro Gonz\u00e1lez I\u00f1\u00e1rritus <\/span><b style=\"line-height: 1.5;\">Birdman<\/b><span style=\"line-height: 1.5;\"> schreiben m\u00f6chte. Denn was der geb\u00fcrtige Mexikaner hier auf die Beine gestellt hat, sucht seinesgleichen. Allein die Schnitttechnik ist unglaublich, weil der Film den Eindruck vermittelt, aus einem einzigen, ewig w\u00e4hrenden Take zu bestehen. Sprich: Anstatt von Szene zu Szene zu springen, bewegt sich die Kamera nahtlos von Schauplatz zu Schauplatz, wobei der Gro\u00dfteil des Filmes in einem verwinkelten Theatergeb\u00e4ude spielt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"line-height: 1.5;\">Was sich zun\u00e4chst wie ein \u00fcberambitioniertes Gimmick anh\u00f6rt, entpuppt sich als ein f\u00fcr die Geschichte unverzichtbares Stilmittel. Denn erst so sp\u00fcrt ihr die Hektik und die Enge, die Thomson und seine Crew w\u00e4hrend der Vorbereitungen plagen. Bevor jemand fragt: Nein, der Film wurde nicht wirklich in einem Take gedreht. Vielmehr hat I\u00f1\u00e1rritu mehrere \u201cunsichtbare\u201c Schnitte eingef\u00fcgt, die durch geschickte \u00dcberblendungen von Licht zu Schatten oder umgekehrt m\u00f6glich sind. Der Film l\u00e4uft trotz der furiosen Technik nicht einmal in Echtzeit, sondern nutzt beispielsweise einen kurzen Blick gen Himmel, um im Zeitraffer vom Tag zur Nacht zu wechseln.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"line-height: 1.5;\">Bereits im Vorfeld war der Filmkenner gleicherma\u00dfen \u00fcberrascht wie am\u00fcsiert, dass niemand geringeres als Michael Keaton die Rolle des Riggan Thomson \u00fcbernehmen w\u00fcrde. Schlie\u00dflich hat Keaton ein \u00e4hnliches \u201cSchicksal\u201c hinter sich wie sein Alter Ego: Er war vor \u00fcber zwanzig Jahren der erste Batman in einem Kinofilm und konnte \u00fcber die folgende Zeit nie an den kommerziellen Erfolg aufbauen. Auch Edward Norton, der den egozentrischen Mike Shiner mimt, oder Naomi Watts, die ein leicht verunsichertes Blondchen mit naiven Starruhmtr\u00e4umen spielt, deuten mit der einen oder anderen Szene auf ihre eigene Filmvergangenheit hin.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"line-height: 1.5;\">Gleichwohl sich all das wie ein Gag anh\u00f6rt, steckt dahinter in meinen Augen weitaus mehr: <\/span><b style=\"line-height: 1.5;\">Birdman<\/b><span style=\"line-height: 1.5;\"> platzt voller Schichten und Meta-Ebenen, f\u00fcr die man sicherlich mehrere DVD-Sitzungen ben\u00f6tigt, um sie alle begreifen und fassen zu k\u00f6nnen. Dazu ein kleines Beispiel: Edward Nortons Charakter stellt mehrfach klar, dass er nur auf der B\u00fchne er selbst sei. Im \u201cwahren Leben\u201c wiederum k\u00f6nne er nur schauspielern. Der Witz dabei: Sein Charakter ist ja auch nichts anderes, als eine von einem Schauspieler gespielte Figur! Und der gesamte Film wimmelt nur so vor den unterschiedlichsten Andeutungen, dass die Vergangenheit und die Charakterz\u00fcge der \u201cechten\u201c Darsteller in irgendeiner Form die Figuren im Film mitgepr\u00e4gt haben \u2013 sei es in Form einer offensichtlichen \u00c4hnlichkeit oder eines krassen Gegensatzes.<\/span><\/p>\n<p>Ohne zu viel verraten zu wollen, steckt in <b>Birdman<\/b> eine fantastisch-magische Komponente, die sich voll und ganz auf Riggan Thomson konzentriert. Dabei werde ich als Zuschauer mehrfach auf eine falsche F\u00e4hrte gelockt und zum Schluss mit einem genialen Ende vollends aus dem H\u00e4uschen gekickt. Ihr h\u00e4ttet mich mal in der letzten Einstellung beobachten soll: Ich sa\u00df mit den Fingern\u00e4geln eingekauert im Kinosessel und murmelte leise vor mich hin \u201eCut&#8230; cut&#8230; cut&#8230; cut!\u201c Nicht, weil ich es nicht weiter ertragen konnte, nein: Ich wollte, dass es jetzt hier und jetzt fertig ist, weil es perfekt w\u00e4re. Und es IST perfekt.<\/p>\n<p>So viele Faktoren haben dazu beigetragen, <b>Birdman<\/b> zu dem kleinen Meisterwerk zu machen. Ganz voran steht Emmanuel Lubezki, der bereits mit seinen Arbeiten in <b>Gravity, Tree of Life <\/b>oder <b>Children of Men<\/b> bewiesen hat, dass er DER Kameramann seiner Generation ist. Seine kontinuierlichen Bewegungen und \u00dcberleitungen, die er sich zusammen mit Innaritu ausgedacht hat, sind ausschlaggebend f\u00fcr die grandiose Theater-Atmosph\u00e4re. Antonio S\u00e1nchez Drum-lastiger Score, der leider aufgrund der Implementation vereinzelter klassischen Themen f\u00fcr die Oscar-Verleihung disqualifiziert wurde, ist elektrisierend wie treibend. Ausstattung, Kost\u00fcme, Ton und visuelle Effekte sind dezenter, aber ebenfalls erstklassig integriert.<\/p>\n<p>Dann w\u00e4ren da die Schauspieler: Selten hab ich einen so sympathischen Drecksack wie Edward Norton als Mike Shiner gesehen, noch nie zuvor sprang mir Emma Stones Talent als Thomsons heroins\u00fcchtige Tochter derart offensichtlich entgegen \u2013 und dann ist da nat\u00fcrlich noch Michael Keaton selbst, der hier die Rolle seines Lebens hinlegt.<\/p>\n<p>Aber am Ende ist es ein ganz anderer Punkt, der neben der Kamera \u00fcber allem steht: das Drehbuch. Es ist abartig, wie viel da drin steckt, ohne das der Zuschauer mit zu vielen Wirrungen und Irrungen \u00fcberfordert wird. Es wirkt herrlich organisch und logisch, wie es nur die seltensten Autoren zustande kriegen. Es ist die perfekte Vorlage f\u00fcr Keaton, dem jeder ein Comeback geg\u00f6nnt hat und der nun in einer pixelperfekten Glanzleistung nach dem Oscar greift. Ich glaube zwar nicht, dass er ihn kriegen wird (sorry, aber Redmayne ist einfach zu stark) \u2013 aber hiernach wird ihn keiner mehr als den ehemaligen Batman-Darsteller bezeichnen, der nichts anst\u00e4ndiges mehr auf die Reihe bekommen hat.<\/p>\n<p>Ganz im Gegenteil: F\u00fcr mich ist er ab sofort <b>Birdman<\/b>. Ich w\u00fcrde ihn jedenfalls auf der Stra\u00dfe anfeuern, wenn ich ihn sehe. Allein, um den Film und seine ganzen Meta-Ebenen noch weiter auf die Spitze zu treiben.<br \/>\n<iframe loading=\"lazy\"  id=\"_ytid_19984\"  width=\"576\" height=\"324\"  data-origwidth=\"576\" data-origheight=\"324\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/0XA4VsdR08c?enablejsapi=1&#038;autoplay=0&#038;cc_load_policy=0&#038;cc_lang_pref=&#038;iv_load_policy=1&#038;loop=0&#038;rel=1&#038;fs=1&#038;playsinline=0&#038;autohide=2&#038;theme=dark&#038;color=red&#038;controls=1&#038;disablekb=0&#038;\" class=\"__youtube_prefs__  epyt-is-override  no-lazyload\" title=\"YouTube player\"  allow=\"fullscreen; accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen data-no-lazy=\"1\" data-skipgform_ajax_framebjll=\"\"><\/iframe><br \/>\n<b style=\"line-height: 1.5;\"><i>P.S.: Wer den Film bereits gesehen hat, dem rate ich dringend die Sichtung dieses <a href=\"http:\/\/www.imdb.com\/title\/tt2562232\/board\/thread\/239206350\">IMDB<\/a>-Threads. Der Verfasser stellt jedenfalls eine brillante Theorie auf, die nahezu alle Nuancen und Fragezeichen auf einen Nenner bringt.<\/i><\/b><\/p>\n<p><b style=\"line-height: 1.5;\"><i><br \/>\nOscar-Nominierungen: Bester Film, Beste Regie (Alejandro Gonz\u00e1lez I\u00f1\u00e1rritu), Bester Hauptdarsteller (Michael Keaton), Bester Nebendarsteller (Edward Norton), Beste Nebendarstellerin (Emma Stone), Bestes Drehbuch (original), Beste Kamera, Bester Ton, Bester Tonschnitt.<\/i><\/b><\/p>\n<p><b style=\"line-height: 1.5;\"><i>Alle Kritiken der Best-Picture-nominierten Filme 2014:<\/i><\/b><\/p>\n<p>&#8211; <a href=\"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=593\">Boyhood<\/a><br \/>\n&#8211; <a href=\"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=534\">The Grand Budapest Hotel<\/a><br \/>\n&#8211; <a href=\"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=883\">Die Entdeckung der Unendlichkeit<\/a><br \/>\n&#8211; <a href=\"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=910\">The Imitation Game<\/a><br \/>\n&#8211; <a href=\"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=929\">Birdman<\/a><br \/>\n&#8211; <a href=\"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=968\">Whiplash<\/a><br \/>\n&#8211; <a href=\"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=1049\">American Sniper<\/a><br \/>\n&#8211; <a href=\"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=1053\">Selma<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Shakespeare sagte einmal, die Welt sei eine gro\u00dfe B\u00fchne und wir w\u00e4ren alle Spieler. 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