{"id":910,"date":"2015-01-26T19:22:13","date_gmt":"2015-01-26T17:22:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.theawardian.de\/?p=910"},"modified":"2021-07-12T23:27:50","modified_gmt":"2021-07-12T21:27:50","slug":"910","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=910","title":{"rendered":"The Imitation Game"},"content":{"rendered":"<p>Ist das Leben gerecht? Ich geh\u00f6re zu den Gutmenschen, die das liebend gerne wahr haben wollen \u2013 und doch im tiefsten Inneren wissen, dass dem leider nicht so ist. Und deshalb ertrage ich Ungerechtigkeiten nur schwer, egal ob sie mir oder anderen widerfahren.<\/p>\n<p><span style=\"line-height: 1.5;\"><!--more-->Geht es nach Morten Tyldums <\/span><b style=\"line-height: 1.5;\">The Imitation Game<\/b><span style=\"line-height: 1.5;\">, dann hat Alan Turing unser aller Leben bestimmt. W\u00e4hrend des zweite Weltkrieges benutzten die Nazis eine Rotor-Schl\u00fcsselmaschine namens Enigma zum Kodieren wichtiger Einsatzbefehlen. Turing, ein brillanter Mathematiker, wurde deshalb von der britischen Regierung eingestellt, den Code der Maschine zu knacken. Das Problem dabei: Ein einzelner Mensch m\u00fcsste derart viele Kombinationen und M\u00f6glichkeiten durchprobieren, wof\u00fcr er mehrere Millionen (!) Jahre Zeit br\u00e4uchte. Zudem \u00e4nderten die Nazis t\u00e4glich die Einstellungen der Enigma, weshalb die Suche zur Entschl\u00fcsselung maximal 18 Stunden vom ersten Funkspruch um 6 Uhr morgens bis Mitternacht dauern durfte.<\/span><\/p>\n<p><b style=\"line-height: 1.5;\">Spoiler in diesem und dem folgenden Absatz:<\/b><span style=\"line-height: 1.5;\"> Turing hat es trotzdem geschafft: Mit einer eigenen Maschine, deren Architektur ganz nebenbei die Grundlagen der modernen Computertechnologie pr\u00e4gte. Gleichwohl macht der Film klar, dass Technik allein nicht ausreichte beziehungsweise nicht schnell genug gewesen w\u00e4re. Erst durch eine pfiffige Idee, die Anzahl der Kombinationen drastisch einzuschr\u00e4nken und auf die keine Maschine ohne menschliche Hilfe gekommen w\u00e4re, gelang der Clou.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"line-height: 1.5;\">Alan Turing h\u00e4tte eigentlich als Held in die Geschichte eingehen m\u00fcssen, doch dieser Status wurde ihm Zeit seines Lebens verwehrt. Nach Ende des Krieges durfte niemand von der Entschl\u00fcsselung Enigmas erfahren. Zudem wurde er knapp eine Dekade sp\u00e4ter aufgrund seiner Homosexualit\u00e4t verhaftet und zur chemischen Kastration verdonnert, um einer Gef\u00e4ngnisstrafe zu entgehen. Ein Jahr nach seiner Verurteilung entschied sich Turing f\u00fcr den Suizid.<\/span><\/p>\n<p><b style=\"line-height: 1.5;\">The Imitation Game<\/b><span style=\"line-height: 1.5;\"> ist ein faszinierender Film, der seine Gr\u00f6\u00dfe durch eine geschickte Gratwanderung erreicht. Er muss zum einen eine Erfolgsgeschichte mit \u201cHappy-End\u201c und zum anderen einen tragischen Epilog miteinander vereinen. M\u00f6glich wird dies dank Drehbuchautor Graham Moore, der sich auf die Ereignisse konzentriert, die zum Knacken der Enigma gef\u00fchrt haben. Zwischendurch schiebt er einzelne Szenen aus anderen Jahrg\u00e4ngen ein, die Turings Verhalten und Schicksal vorher wie nachher besser beleuchten, ohne von seiner eigentlichen Leistung abzulenken. Eine chronologische Abhandlung aller Ereignisse h\u00e4tte jedenfalls einen v\u00f6llig falschen Eindruck hinterlassen und den eigentlichen Triumph zur Randnotiz verkommen lassen, weil der Film danach noch gute drei\u00dfig Minuten weiter gelaufen w\u00e4re.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"line-height: 1.5;\">Es sei auch gleich hinterher gesagt, dass sich das Drehbuch im Gegensatz zu <\/span><b style=\"line-height: 1.5;\">Die Entdeckung der Unendlichkeit<\/b><span style=\"line-height: 1.5;\"> viele k\u00fcnstlerische Freiheiten nimmt. Beispielsweise ziehen Tyldum und Moore gegen Ende eine kleine Pointe aus der Schublade, die mich sehr ber\u00fchrt hat und die sich die beiden jedoch ausgedacht haben. Die Art der Wahrheitsdehnung erinnert mich deshalb an den dramatischen H\u00f6hepunkt in Ben Afflecks <\/span><b style=\"line-height: 1.5;\">Argo<\/b><span style=\"line-height: 1.5;\">, der ebenfalls in dieser Form frei erfunden war. Aber wie sage ich so sch\u00f6n: Ein Film ist schlie\u00dflich ein Film und muss sich nicht sklavisch an die Wahrheit halten, so lange er mir nicht auf eine hinterh\u00e4ltige Weise irgendwelche falschen Eindr\u00fccke vermittelt. Die Botschaft, die Tyldum und Moore mit <\/span><b style=\"line-height: 1.5;\">The Imitation Game<\/b><span style=\"line-height: 1.5;\"> erreichen wollen, ist jedenfalls in meinen Augen gerecht daf\u00fcr, was mit Turing tats\u00e4chlich passiert ist.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"line-height: 1.5;\">Was mich eher st\u00f6rt, ist die schauspielerische Darstellung der Protagonisten: Sowohl Benedict Cumberbatch als auch Keira Knightley in der Rolle von Joan Clarke, die Turing zum Bau der Maschine verhalf und mit der er eine tiefe Freundschaft verband, wirken auf mich wie klassische Figuren in einem Drama und keine Projektionen der Realit\u00e4t. Cumberbatchs Oscar-Nominierung kann ich noch nachvollziehen, weil er einen interessanten wie eigensinnigen Charakter verk\u00f6rpert, der mich besonders zum Schluss hin zu Tr\u00e4nen r\u00fchrt. Aber Knightley geh\u00f6rt in die typische \u201cgut und passend \u2013 nicht mehr\u201c-Schublade, deren Leistung ich weniger als Auszeichnungs w\u00fcrdig betrachte.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"line-height: 1.5;\">Die wahren St\u00e4rken von <\/span><b style=\"line-height: 1.5;\">The Imitation Game<\/b><span style=\"line-height: 1.5;\"> liegen abseits des wirklich hervorragend geschriebenen Drehbuches ganz woanders. Der Filmschnitt sorgt trotz diverser Zeitspr\u00fcnge f\u00fcr eine klare \u00dcbersicht und sowohl Kamera als auch Ausstattung fangen das Flair der damaligen Tage sehr gut ein. Un\u00fcbertroffen ist Alexander Desplat, der mich mit seinem Hauptthema so sehr begeistert wie nie zuvor. Es ist prim\u00e4r triumphierend sowie aufbauend und doch gleichzeitig im Abklang tragisch und schwer. Es beginnt ungew\u00f6hnlich flott und l\u00e4uft gegen Ende regelrecht aus, passend zum \u201cRennen gegen Zeit\u201c, das Turing und seine Mannen mit den Nazis austragen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"line-height: 1.5;\">Ja, das Leben ist leider ungerecht \u2013 aber auch wenn der Film Alan Turings Geschichte gekonnt \u00fcberdramatisiert, ist das Ergebnis vielleicht die einzig angemessene Form der \u201cGerechtigkeit\u201c, jene die Filmwelt dem Mann geben kann.<\/span><br \/>\n<iframe loading=\"lazy\"  id=\"_ytid_52607\"  width=\"576\" height=\"324\"  data-origwidth=\"576\" data-origheight=\"324\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/kJ1Lm8aCUHM?enablejsapi=1&#038;autoplay=0&#038;cc_load_policy=0&#038;cc_lang_pref=&#038;iv_load_policy=1&#038;loop=0&#038;rel=1&#038;fs=1&#038;playsinline=0&#038;autohide=2&#038;theme=dark&#038;color=red&#038;controls=1&#038;disablekb=0&#038;\" class=\"__youtube_prefs__  epyt-is-override  no-lazyload\" title=\"YouTube player\"  allow=\"fullscreen; accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen data-no-lazy=\"1\" data-skipgform_ajax_framebjll=\"\"><\/iframe><br \/>\n<b style=\"line-height: 1.5;\"><i>Oscar-Nominierungen: Bester Film, Beste Regie (Morten Tyldum), Bester Hauptdarsteller (Benedict Cumberbatch), Beste Nebendarstellerin (Keira Knightley), Bestes Drehbuch (adaptiert), Bester Filmschnitt, Beste Musik, Bestes Produktionsdesign.<\/i><\/b><\/p>\n<p><b style=\"line-height: 1.5;\"><i>Alle Kritiken der Best-Picture-nominierten Filme 2014:<\/i><\/b><\/p>\n<p>&#8211; <a href=\"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=593\">Boyhood<\/a><br \/>\n&#8211; <a href=\"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=534\">The Grand Budapest Hotel<\/a><br \/>\n&#8211; <a href=\"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=883\">Die Entdeckung der Unendlichkeit<\/a><br \/>\n&#8211; <a href=\"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=910\">The Imitation Game<\/a><br \/>\n&#8211; <a href=\"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=929\">Birdman<\/a><br \/>\n&#8211; <a href=\"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=968\">Whiplash<\/a><br \/>\n&#8211; <a href=\"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=1049\">American Sniper<\/a><br \/>\n&#8211; <a href=\"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=1053\">Selma<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ist das Leben gerecht? 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