{"id":883,"date":"2015-01-18T04:29:32","date_gmt":"2015-01-18T02:29:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.theawardian.de\/?p=883"},"modified":"2021-07-12T23:26:54","modified_gmt":"2021-07-12T21:26:54","slug":"die-entdeckung-der-unendlichkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=883","title":{"rendered":"Die Entdeckung der Unendlichkeit"},"content":{"rendered":"<p>Es vergeht kein Jahr ohne Oscar-Verleihung, in der nicht mindestens ein \u201cBest Picture\u201c nominierter Film innerhalb von Sekunden Kopf sch\u00fctteln verursacht. Wie k\u00f6nne es sein, dass so ein \u201cgew\u00f6hnlicher\u201c Biopic wie<b> Die Entdeckung der Unendlichkeit<\/b> die Ehre erhalte, um den beliebten Goldjungen zu k\u00e4mpfen, w\u00e4hrend andere, doch so viel beliebtere Streifen wie <b>Interstellar<\/b> oder <b>Gone Girl<\/b> zugucken m\u00fcssen?<\/p>\n<p><span style=\"line-height: 1.5;\"><!--more-->Jeder halbwegs gebildete Mensch wei\u00df, wer Stephen Hawking ist. Seine B\u00fccher, seine Theorien und sein Bestreben, die Entstehung des Universums mittels einer einzigen Formel erkl\u00e4ren zu wollen, sind genauso bekannt, wie seine f\u00fcrchterliche Krankheit, aufgrund derer er jegliche Bewegungsmotorik und die F\u00e4higkeit zu Sprechen verlor. Obwohl Hawking von au\u00dfen wie eine leblose, nur noch dahin vegetierende H\u00fclle wirkt, steckt bis heute in seinem Kopf einer der brillantesten Geister unserer Zeit.<\/span><\/p>\n<p><b style=\"line-height: 1.5;\">Die Entdeckung der Unendlichkeit <\/b><span style=\"line-height: 1.5;\">schildert all diese Aspekte nur am Rande oder zynischer gesagt: rein der Vollst\u00e4ndigkeit halber. Denn im Kern geht es nicht nur um Stephen, sondern auch um seine erste Ehefrau Jane, auf deren Memoiren <\/span><b style=\"line-height: 1.5;\">Traveling to Infinity \u2013 My Life with Stephen<\/b><span style=\"line-height: 1.5;\"> das Drehbuch basiert. Deshalb m\u00f6chte ich den Film auch gar nicht mit dem ebenfalls j\u00fcngst fertig gestellten <\/span><b style=\"line-height: 1.5;\">The Imitation Game<\/b><span style=\"line-height: 1.5;\">, sondern lieber mit Ron Howards Klassiker <\/span><b style=\"line-height: 1.5;\">A Beautiful Mind<\/b><span style=\"line-height: 1.5;\"> vergleichen. Die Parallelen beider Geschichten sind jedenfalls au\u00dfergew\u00f6hnlich \u2013 und in einer Hinsicht schl\u00e4gt Regisseur James Marsh sein offenkundiges Vorbild.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"line-height: 1.5;\">Sehr fr\u00fch zeigt der Film die erste Begegnung zwischen Jane und Stephen, gespielt von Eddie Redmayne sowie Felicity Jones. Es ist sehr selten, dass solcher \u201cLiebe auf den ersten Blick\u201c-Moment derart gut vermittelt wird, ohne uns in eine kitschig-romantische Gef\u00fchlswelt zu kicken. Das erstaunliche daran ist, dass auch ich als Zuschauer sofort hinter die oberfl\u00e4chliche Fassade schauen kann. W\u00e4hrend Jones etwas zu \u201ch\u00fcbsch\u201c (im Sinne von \u201ctypische Filmsch\u00f6nheit\u201c) aussieht, wirkt Redmayne von der ersten Minute an wie der typisch-kauzige Physikernerd, der beileibe keinen Sch\u00f6nheitspreis gewinnen w\u00fcrde. Aber er strahlt ein unvergleichliches Charisma aus, weshalb die Szene funktioniert.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"line-height: 1.5;\">Auch danach stelle ich die Zuneigungen der beiden f\u00fcreinander zu keinem Zeitpunkt in Frage. <\/span><b style=\"line-height: 1.5;\">Achtung, Spoiler bis Ende des Absatzes f\u00fcr all jene, die sich nicht weiter mit Stephen Hawkings Privatleben besch\u00e4ftigt haben und dies gerne \u00fcber den Film tun m\u00f6chten<\/b><span style=\"line-height: 1.5;\">: Selbst nachdem die Ehe anf\u00e4ngt zu kriseln, Jane einen neuen Mann kennen lernt und Stephen sich in seine Krankenschwester verliebt, bleibt weiterhin eine tiefe Verbundenheit zwischen den Charakteren \u00fcbrig. Mir ist jedenfalls kein anderer Film bekannt, der so geschickt und so harmonisch eine Liebesgeschichte vom Kennenlernen bis zur Trennung aufzeigt. Und in der Hinsicht hat Marsh einen besseren Job als Ron Howard geleistet, der sich damals n\u00e4mlich um diesen unangenehmen Part gedr\u00fcckt und ihn einfach unter den Tisch fallen lassen hat.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"line-height: 1.5;\">Am Anfang war ich mir auch nicht sicher, warum <\/span><b style=\"line-height: 1.5;\">Die Entdeckung der Unendlichkeit<\/b><span style=\"line-height: 1.5;\"> bei den Oscars f\u00fcr den Besten Film des Jahres nominiert ist. Aber je weiter die Geschichte vorangeht, desto stimmiger und interessanter wird sie. Die mit gewaltigem Abstand beste Szene entsteht im Rahmen eines Vortrages, in dem Stephen Hawking bereits am Rollstuhl gefesselt und mit seinem Sprachcomputer ausgestattet die Fragen seiner wissbegierigen Zuh\u00f6rer beantwortet. Ohne zu viel zu verraten, brennt James Marsh dort einen magischen \u201cWas w\u00e4re wenn?\u201c-Moment auf die Leinwand, der allein Eddie Redmayne den Oscar bescheren k\u00f6nnte.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"line-height: 1.5;\">\u00dcberhaupt: Eddie Redmayne&#8230; wer h\u00e4tte das von dem Jungen gedacht? Seine Gestik und seine Mimik ist bereits zu Beginn sehr stark und wird umso beeindruckender, je weiter die Krankheit seiner Filmfigur voranschreitet. Die Leistung erinnert mich an Daniel Day-Lewis meisterhaftes Portr\u00e4t des schwer behinderten Malers Christy Brown in <\/span><b style=\"line-height: 1.5;\">My Left Foot<\/b><span style=\"line-height: 1.5;\"> \u2013 mehr Lob braucht es nicht.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"line-height: 1.5;\">Aber auch Felicity Jones f\u00e4ngt ihren Charakter hervorragend ein, deren Entwicklung vom jungen, frisch verliebten M\u00e4dchen hin zur verantwortungsbewussten, eigenst\u00e4ndigen und zugleich treuen Frau reicht. Jones schafft es jedenfalls wunderbar, sich nicht von Redmayne an die Wand zu spielen \u2013 was bei den beiden arg unterschiedlich geeichten Protagonisten alles andere als einfach gewesen sein d\u00fcrfte. Sie ist mir nur wie bereits angedeutet eine Spur zu \u201caufgeh\u00fcbscht\u201c &#8211; hier h\u00e4tte ich Marsh mehr Mut gew\u00fcnscht. Er sollte vielleicht in der Hinsicht mal bei Alexander Payne nachfragen und sich von ihm best\u00e4tigen lassen, dass auch \u201cunperfekt\u201c aussehende Frauen enorm viel Wirkung erzeugen k\u00f6nnen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"line-height: 1.5;\">Von dieser Kleinigkeit abgesehen wundert es mich jedenfalls nicht, warum James Marsh bei den BAFTAs f\u00fcr die beste Regie nominiert ist. Es ist wirklich verdammt schwer, eine Liebesgeschichte interessant und glaubw\u00fcrdig zugleich zu gestalten \u2013 warum sonst ist dieses Genre derart umstritten? <\/span><b style=\"line-height: 1.5;\">Die Entdeckung der Unendlichkeit<\/b><span style=\"line-height: 1.5;\"> zeigt mir eine der gef\u00fchlvollsten Lovestorys der Kinogeschichte, ohne den Bogen in irgendeiner Form zu \u00fcberspannen. Interessant daran ist, dass Zeitzeugen (inklusive der \u201eechte\u201c Stephen und die \u201cechte\u201c Jane) sehr von dem Werk angetan sind und von ein paar Details abgesehen die Echtheit der Geschichte unterstreichen. Vielleicht ist solch eine Vorgehensweise doch erfolgreicher, als es der eine oder andere Hollywood-Produzent wahr haben m\u00f6chte?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"line-height: 1.5;\">Die letzte Ehre geb\u00fchrt J\u00f3hann J\u00f3hannsson, dem Komponist der zauberhaften Musik und ebenfalls ein ernstzunehmender Oscar-Anw\u00e4rter. Er bleibt klassisch, setzt auf viel Piano sowie sensible Streicher. J\u00f3hannsson hat eine Regel, die viele bez\u00fcglich Filmmusik vergessen, voll im Griff: Sei nicht zu aufdringlich. Gleichwohl er die meiste Zeit \u00fcber mit seinen Kl\u00e4ngen pr\u00e4sent ist, nervt er an keiner Stelle. Die besten und passendsten Soundtracks sind schlie\u00dflich jene, die den Film unterst\u00fctzen anstatt von ihm abzulenken.<\/span><\/p>\n<p><b style=\"line-height: 1.5;\">Die Entdeckung der Unendlichkeit<\/b><span style=\"line-height: 1.5;\"> wird vermutlich einer dieser Filme sein, die in zehn Jahren kaum einer mehr in Erinnerung hat und sich jeder fragt: \u201eWarum war der denn f\u00fcr einen Oscar nominiert?\u201c &#8211; aber nicht, weil er ein solches \u201cSchicksal\u201c verdient, sondern weil bereits jetzt das Unverst\u00e4ndnis so gro\u00df ist. Dabei hat James Marsh nur eine der sch\u00f6nsten und menschlichsten Liebesgeschichten gedreht, verpackt unter dem \u201cDeckmantel\u201c eines der brillantesten Physiker. Aber wen interessiert das heutzutage, wo doch viel lieber Verrat, Twists &amp; B\u00f6sewichter gehypt werden?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"line-height: 1.5;\">Nun, ich h\u00e4tte vielleicht gerne wieder mehr davon&#8230;<\/span><br \/>\n<iframe loading=\"lazy\"  id=\"_ytid_63392\"  width=\"576\" height=\"324\"  data-origwidth=\"576\" data-origheight=\"324\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/m__CgMqa-Fo?enablejsapi=1&#038;autoplay=0&#038;cc_load_policy=0&#038;cc_lang_pref=&#038;iv_load_policy=1&#038;loop=0&#038;rel=1&#038;fs=1&#038;playsinline=0&#038;autohide=2&#038;theme=dark&#038;color=red&#038;controls=1&#038;disablekb=0&#038;\" class=\"__youtube_prefs__  epyt-is-override  no-lazyload\" title=\"YouTube player\"  allow=\"fullscreen; accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen data-no-lazy=\"1\" data-skipgform_ajax_framebjll=\"\"><\/iframe><br \/>\n<b style=\"line-height: 1.5;\"><i>Oscar-Nominierungen: Bester Film, Bester Hauptdarsteller (Eddie Redmayne), Beste Hauptdarstellerin (Felicity Jones), Bestes Drehbuch (adaptiert), Beste Musik.<\/i><\/b><\/p>\n<p><b style=\"line-height: 1.5;\"><i>Alle Kritiken der Best-Picture-nominierten Filme 2014:<\/i><\/b><\/p>\n<p>&#8211; <a href=\"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=593\">Boyhood<\/a><br \/>\n&#8211; <a href=\"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=534\">The Grand Budapest Hotel<\/a><br \/>\n&#8211; <a href=\"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=883\">Die Entdeckung der Unendlichkeit<\/a><br \/>\n&#8211; <a href=\"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=910\">The Imitation Game<\/a><br \/>\n&#8211; <a href=\"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=929\">Birdman<\/a><br \/>\n&#8211; <a href=\"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=968\">Whiplash<\/a><br \/>\n&#8211; <a href=\"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=1049\">American Sniper<\/a><br \/>\n&#8211; <a href=\"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=1053\">Selma<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es vergeht kein Jahr ohne Oscar-Verleihung, in der nicht mindestens ein \u201cBest Picture\u201c nominierter Film innerhalb von Sekunden Kopf sch\u00fctteln verursacht. 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