{"id":733,"date":"2014-11-09T06:41:02","date_gmt":"2014-11-09T04:41:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.theawardian.de\/?p=733"},"modified":"2021-07-12T23:26:29","modified_gmt":"2021-07-12T21:26:29","slug":"interstellar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=733","title":{"rendered":"Interstellar"},"content":{"rendered":"<p>Hype ist etwas gef\u00e4hrliches: Unberechtigt sorgt er mittelfristig f\u00fcr Entt\u00e4uschungen und langfristig f\u00fcr Schaden. Berechtigt hilft er kaum, etwas Grandioses noch grandioser zu machen. Hype ist nur dazu da, Vorfreude zu sch\u00fcren.<\/p>\n<p><!--more-->Wie oft habe ich mir im Nachhinein gedacht: \u201cH\u00e4tte ich blo\u00df keine Erwartungen gehabt.\u201c Ich bin immer noch felsenfest davon \u00fcberzeugt, dass <b>Titanic<\/b> deshalb einer meiner absoluten All-Time-Favorites geblieben ist, weil ich vor meinem damaligen Kinobesuch NICHTS wusste \u2013 au\u00dfer, dass das Schiff unter geht und wer die Musik komponiert hat.<\/p>\n<p>Ich habe mich sehr auf <b>Interstellar<\/b> gefreut. Ein Film von Christopher Nolan, der mich bislang immer unterhalten (<b>The Following, Insomnia, Batman Begins, The Dark Knight Rises<\/b>) bis begeistern (<b>Memento, The Prestige, The Dark Knight, Inception<\/b>) konnte. Dazu ein klassisches Science-Fiction-Szenario, mit einer vielleicht altbackenen, aber dadurch auch vertrauten Aura. Zu guter Letzt ein Trailer, der mich sofort am Haken hatte \u2013 was in meinem Falle eher selten passiert. Nein: Ich m\u00fcsste l\u00fcgen, wenn ich meine Erwartungen bez\u00fcglich <b>Interstellar<\/b> runter spielen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Cooper (gespielt von Matthew McConaughey) lebt mit seinen beiden Kindern in einer trostlosen Zukunft. Die Erde ist am Ende und die schrumpfende Menschheit steckt s\u00e4mtliche ihre Energien in die Farmerei, um trotz der stetig wiederkehrenden Staubst\u00fcrme noch m\u00f6glichst viele Essensrationen zu erzeugen. Der Hunger nach neuer Technologie und das Bestreben nach Wachstum weicht immer mehr dem Zwang, ums nackte \u00dcberleben k\u00e4mpfen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Gleichwohl arbeitet die NASA im Geheimen an einem ehrgeizigen Raumfahrtprojekt, das die Umsiedlung der noch lebenden Menschen auf einen anderen Planeten vorsieht. M\u00f6glich sei das Unterfangen dank eines Wurmlochs, welches urpl\u00f6tzlich vor 50 Jahren in der N\u00e4he des Saturns erschienen sei. Ein Dutzend Astronauten seien bereits hindurch geflogen, um zw\u00f6lf potenziell geeignete Planeten zu erforschen. Doch leider gibt es keinerlei verl\u00e4ssliche R\u00fcckmeldung, wer erfolgreich gewesen sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Gemeinsam mit einem kleinen Team soll Cooper ebenfalls durch das Wurmloch fliegen und anhand weniger Daten, die die besagten Astronauten senden konnten, entscheiden, welcher Planet letztlich zur Rettung der Menschheit in Frage k\u00e4me. Weil die Mission Jahrzehnte in Anspruch nimmt und zudem aufgrund der Relativit\u00e4tstheorie die Zeit f\u00fcr das Team bedeutend schneller verl\u00e4uft, gibt es einen Plan A und einen Plan B: Plan A beinhaltet eine R\u00fcckkehr Coopers, in der Hoffnung, dass die NASA mit ihrer Technologie so weit Fortschritte machen konnte, um riesige, bemannte Archen ebenfalls durch das Wurmloch schleusen zu k\u00f6nnen. Plan B wiederum ist bedeutend simpler wie brutaler: Das Team reist mit mehreren Containern, in denen befruchtete Eizellen gelagert sind. So soll abseits der Erde eine neue Kolonie von Menschen gegr\u00fcndet werden, damit die Rasse zumindest nicht aussterbe. Gleichzeitig w\u00fcrde dies bedeutend, das alle Zur\u00fcckgebliebenen dem Tode geweiht w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Cooper sieht sich einerseits bereit, weil er vor seinem Zwangsleben als Farmer zu den besten Piloten der Erde geh\u00f6rte und er zudem keinen Bock darauf hat, auf einem toten Planeten zu verrecken. Andererseits m\u00f6chte er ungern seine Kinder im Stich lassen: Allen voran seine Tochter Murph leidet immens unter der Aussicht, ihren Vater vielleicht nie wieder zu sehen. Dabei ist es ihre Aufgewecktheit und ihre Beobachtungsgabe, die ihn \u00fcberhaupt erst zu der Mission f\u00fchren.<\/p>\n<p>Was ich damit meine? Das m\u00fcsst ihr euch selbst anschauen, denn es w\u00e4re in meinen Augen t\u00f6dlich, mehr im Vorfeld zu wissen. <b>Interstellar <\/b>ist kein Film mit gro\u00dfen \u00dcberraschungen, ganz im Gegenteil \u2013 den vielleicht gr\u00f6\u00dften Twist riecht man Meilenweit gegen den Wind. Aber er lebt von einer packenden Entwicklung, in denen die Welt der Wissenschaft mit dem Wunder der Liebe eine einzigartige Symbiose bilden.<\/p>\n<p>\u201eBitte&#8230;was?\u201c &#8211; Ihr habt richtig gelesen: Liebe. Der Plot zwischen Cooper und seiner Tochter ist kein Mittel zum Zweck, die Tr\u00e4nendr\u00fcsen des Zuschauers auf Hochtouren zu bringen. Durch den Kniff mit der angedeuteten Zeitdilatation altert Cooper so gut wie gar nicht auf seiner Reise. Murph hingegen sehen wir parallel dazu in verschiedenen Lebensstadien. Die Beziehung zwischen den beiden ist ein essentieller Ankerpunkt f\u00fcr den Verlauf der Mission, allein aufgrund Coopers Motivation, sein Versprechen einzuhalten: dass er wieder zur\u00fcckkommen werde.<\/p>\n<p>Ich habe im Vorfeld keine Kritiken \u00fcber <b>Interstellar<\/b> gelesen und wusste nur, dass es ein typischer \u201eLove it or hate it\u201c-Fall sei. Die Kommentare, die ich mir im Nachhinein angeschaut habe, lassen mich mal wieder ratlos stehen: Die einen beschweren sich, der Film sei zu wissenschaftlich, zu kompliziert, zu abgehoben. Die anderen meckern \u00fcber die emotionale Komponente und die fehlende Action. Besonders verhasst scheint das zweite Drittel zu sein, weil sich dort die Ereignisse aufgrund \u201eirrationaler\u201c Entscheidungen \u00fcberschlagen. Dabei ist es pure Menschlichkeit, was dort passiert.<\/p>\n<p>Meine Erfahrungen waren anders \u2013 und beinahe magisch. Die Erwartungen, die ich im Vorfeld hatte, waren von der ersten Minute an wie weggeblasen. Ich saugte Szene f\u00fcr Szene auf und war mir nie ganz sicher, in welche Richtung das ganze laufen w\u00fcrde. Damit meine ich weniger den Fortgang der Geschichte, als die Art der Atmosph\u00e4re: M\u00f6chte mich <b>Interstellar <\/b>aufbauen? Beklemmen? Gruseln? Deprimieren? Inspirieren? Motivieren? Um genau zu sein habe ich kaum gedacht, sondern mich einfach treiben lassen. Das schaffen nur verdammt wenige Filme bei mir.<\/p>\n<p>Der einzige Moment, der mich etwas raus gerissen hat, passiert gegen Ende: Dort springt Nolan alle paar Sekunden zwischen Cooper und Murph, was Plot-technisch auch Sinn macht. Jedoch hat Nolan hier einen kleinen Nebenplot rein des Dramas wegen eingebaut, der letztlich unn\u00f6tig wirkt (Stichwort: \u201eDu musst rauskommen, Murph!\u201c). Davon abgesehen f\u00e4llt es mir schwer, die Fehler und Schw\u00e4chen von <b>Interstellar<\/b> ernst zu nehmen. Nat\u00fcrlich ist das alles nicht perfekt wissenschaftlich belegbar, einiges wirkt dezent verkrampft konstruiert und viele Kernelemente sind typische Ausgeburten der Filmindustrie. Aber es ist vollkommen unwichtig, wie logisch das gezeigte letztlich ist, wenn die Glaubw\u00fcrdigkeit stimmt. Und in der Hinsicht habe ich <b>Interstellar<\/b> nichts vorzuwerfen.<\/p>\n<p>Es ist ein klassischer Film, der einen relativ komplizierten Vorgang auf eine relativ simple Weise veranschaulicht. Die Vergleiche mit <b>2001<\/b>, die ebenfalls die Runde im Internet machen, stimmen deshalb nur bedingt: Manche Szenen und Ereignisse in <b>Interstellar<\/b> erinnern in der Tat fatal an Kubricks Klassiker, aber sie hinterlassen bei weitem nicht die gleiche Ambivalenz. Der rudiment\u00e4re Handlungsverlauf ist klar erkennbar und von Anfang bis Ende leicht nachvollziehbar. Erst im Detail betrachtet bleiben viele Fragen offen, was aber in meinen Augen auch v\u00f6llig o.k. ist. Denn so bleibt gen\u00fcgend Spielraum f\u00fcr ein weiteres Anschauen und nicht zuletzt f\u00fcr die eigenen Tr\u00e4ume, die dieser Film eindeutig anregen will.<\/p>\n<p>Christopher Nolan ist deshalb in meinen Augen eine grandiose Gratwanderung gelungen, gest\u00fctzt von einem starken Schauspielerensemble, einer brillanten Kameraarbeit und perfekten Tontechnikern. \u00dcber all dem thront die majest\u00e4tische Musik eines Hans Zimmers, die ohne jeden Zweifel zu seinen besten Werken geh\u00f6rt. Der Mann war schon immer dann am besten, wenn er mit seinen minutenlangen Suites eine immer m\u00e4chtiger werdende Steigerung vollbrachte. Doch f\u00fcr <b>Interstellar<\/b> hat Zimmer ein Instrument aus dem Schrank gepackt, das seinem Stil einen satten Kick nach vorne gibt: die Orgel. Allein das Hauptthema ist gigantisch und symbolisiert die pure Gr\u00f6\u00dfe, die hinter dem Film steckt.<\/p>\n<p>Hype ist nie gut, auch nicht f\u00fcr einen Film wie <b>Interstellar<\/b>. Wer nach meiner Einleitung instinktiv dachte, ich w\u00e4re ihm erlegen und nun entt\u00e4uscht, der irrt gewaltig. Es ist einfach so derart selten geworden, sich treiben zu lassen und ohne gro\u00dfes Nachdenken das anzunehmen, was man gegeben bekommt. Und allein weil Christopher Nolan mir dieses Gef\u00fchl vermittelt hat, muss er verdammt nochmal was richtig gemacht haben.<br \/>\n<iframe loading=\"lazy\"  id=\"_ytid_93297\"  width=\"576\" height=\"324\"  data-origwidth=\"576\" data-origheight=\"324\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/9wKI7qNZGno?enablejsapi=1&#038;autoplay=0&#038;cc_load_policy=0&#038;cc_lang_pref=&#038;iv_load_policy=1&#038;loop=0&#038;rel=1&#038;fs=1&#038;playsinline=0&#038;autohide=2&#038;theme=dark&#038;color=red&#038;controls=1&#038;disablekb=0&#038;\" class=\"__youtube_prefs__  epyt-is-override  no-lazyload\" title=\"YouTube player\"  allow=\"fullscreen; accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen data-no-lazy=\"1\" data-skipgform_ajax_framebjll=\"\"><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hype ist etwas gef\u00e4hrliches: Unberechtigt sorgt er mittelfristig f\u00fcr Entt\u00e4uschungen und langfristig f\u00fcr Schaden. Berechtigt hilft er kaum, etwas Grandioses noch grandioser zu machen. Hype ist nur dazu da, Vorfreude zu sch\u00fcren.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11,1,14],"tags":[],"class_list":["post-733","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-movie","category-allgemein","category-kritik"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theawardian.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/733","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theawardian.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theawardian.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theawardian.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theawardian.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=733"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/www.theawardian.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/733\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6939,"href":"https:\/\/www.theawardian.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/733\/revisions\/6939"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theawardian.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=733"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theawardian.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=733"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theawardian.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=733"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}