{"id":6595,"date":"2019-02-24T01:01:31","date_gmt":"2019-02-23T23:01:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=6595"},"modified":"2021-07-12T23:59:47","modified_gmt":"2021-07-12T21:59:47","slug":"the-favourite","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=6595","title":{"rendered":"The Favourite"},"content":{"rendered":"<p>Kost\u00fcm- und Historienfilme stehen mehr denn je vor einem Problem: Was sollen sie noch zeigen, was noch nicht gezeigt wurde? Der neue <b>Mary Queen of Scots<\/b> mit Saoirse Ronan und Margot Robbie ist eigentlich ein guter Film \u2013 doch im gleichen Zuge auch total belanglos. Kaum ein Genre f\u00fchlt sich mehr ausgereizt an. Schlie\u00dflich k\u00f6nnen wir ja keine Geschichte erfinden&#8230;<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\nWir befinden uns im fr\u00fchen 18. Jahrhundert: K\u00f6nigin Anne regiert England mehr schlecht als recht. Sie ist gesundheitlich arg angeschlagen, h\u00f6chst launisch und wirkt eigentlich nur noch wie eine wirre, alte Frau. Das ist ihrer \u201ebesten Freundin\u201c Sarah Churchill nur recht: So kann sie ihr unterbewusst Ratschl\u00e4ge einfl\u00fcstern und das Land in ihrem eigenen Interesse steuern.<\/p>\n<p>Sarah begeht jedoch einen Fehler, indem sie ihre verarmte Cousine Abigail Masham an den Hof holt. Die bekommt Wind von der engen Beziehung zwischen Sarah und K\u00f6nigin Anne und versucht ihrerseits eine \u00e4hnliche Position einzunehmen. Oder vielleicht gar eine bessere&#8230;? Dieser Plotaufh\u00e4nger ist bereits spannend genug und trieft nur so vor fiesen Intrigen.<\/p>\n<p><b>The Favourite<\/b> ist alles andere als ein gew\u00f6hnlicher Kost\u00fcmfilm. Das macht bereits der Name des Regisseurs klar, der da hei\u00dft Yorgos Lanthimos. Wer den Griechen nicht kennt, der schaue sich mal seine vorhergehende Werke von <b>Dogtooth<\/b> \u00fcber <b>The Lobster<\/b> bis hin zu <b>The Killing of a Sacred Deer<\/b> an. Das sind allesamt au\u00dfergew\u00f6hnliche Filme, die auf originelle Weise Wirklichkeit mit Surrealit\u00e4t vermengen.<\/p>\n<p>Auch in <b>The Favourite<\/b> fallen mir sofort skurrile Elemente auf \u2013 allen voran die Kameraarbeit. Die f\u00e4ngt teilweise einen derart weiten Blickwinkel ein, man meint den Film aus den Augen eines Fisches zu sehen. Und auch die Kost\u00fcme sind teilweise viel zu pomp\u00f6s und zu verspielt, was der Geschichte etwas Fantastisches vermittelt.<\/p>\n<p>Gleichzeitig h\u00e4lt sich Lanthimos zur\u00fcck und bleibt auf dem Boden der Glaubw\u00fcrdigkeit \u2013 vermutlich weil er erstmals nicht am Drehbuch mitwirkte. Die Dialoge (geschrieben von Deborah Davis und Tony McNamara) sind weniger bizarr und mehr eine Karikatur der realen Pers\u00f6nlichkeiten. Das kommt besonders bei K\u00f6nigin Anne zum Vorschein, die herrlich wehleidig, missmutig, kindisch und falsch r\u00fcber kommt.<\/p>\n<p>Zudem ist die Sprache erstaunlich modern, herrlich witzig und trotzdem passt sie zum gesamten Tonfall. Man meint, unsere heutige Generation w\u00e4re per Zeitmaschine ins alte England gekickt und d\u00fcrfte Monarchie spielen.<\/p>\n<p>Der Film hat zudem das Gl\u00fcck, mit Olivia Colman, Emma Stone und Rachel Weisz ein tief beeindrucktes Dreiergespann zu haben. Die drei Frauen konnten sich zurecht aussuchen, ob sie bei den Oscars als Haupt- oder als Nebendarsteller nominiert werden m\u00f6chten: Sie w\u00e4ren so oder so erfolgreich durch gerutscht. Colman ist die Verr\u00fcckte und Egozentrische. Weisz mimt die Korrupte und Machthungrige. Stone schafft die Clevere und die Hinterh\u00e4ltige. Egal wer in welcher Szene mit wem etwas zu tun hat: Es funktioniert, es ist dynamisch und es ergibt bis zum dezent deprimierenden Ende Sinn.<\/p>\n<p>Ironischerweise ist diese konstant hohe St\u00e4rke der Darsteller das gr\u00f6\u00dfte Problem,wenn es um einen potenziellen Oscar-Gewinn geht. So haben sich die Damen im Vorfeld darauf verst\u00e4ndigt: Colman kampiert f\u00fcr die Hauptdarsteller-Kategorie, w\u00e4hrend sich Weisz und Stone mit der Nebendarsteller-Sparte begn\u00fcnge. Das ist auch verst\u00e4ndlich, denn wenn alle drei in einem Feld gelandet w\u00e4ren, dann w\u00e4ren die Siegchancen noch geringer.<\/p>\n<p>Nun hat man wohl auf die falschen Pferde gesetzt: Colman entpuppt sich im Nachhinein als der gro\u00dfe Liebling und h\u00e4tte in jedem Fall bei der gegebenen Konkurrenz den Nebendarsteller-Oscar gewonnen. Aber bei den Hauptdarstellern m\u00f6chte niemand gegen die \u00fcberf\u00e4llige Glenn Close f\u00fcr <b>The Wife<\/b> setzen.<\/p>\n<p>Andersherum nehmen sich Weisz und Stone tats\u00e4chlich die Butter vom Brot, weil eine Entscheidung zwischen den beiden richtig schwer f\u00e4llt. Bei den BAFTAs hat immerhin erstere gesiegt \u2013 aber prim\u00e4r deshalb, weil Regina King f\u00fcr <b>If Beale Street Could Talk<\/b> gar nicht erst nominiert ist. Somit droht ein Leerlauf, gleichwohl ich schon glaube: Die Rachel, die Weisz kann das schaffen.<\/p>\n<p>Ansonsten d\u00fcrfte es bei Ausstattung und Kost\u00fcme an Oscars regnen. F\u00fcr beste Regie ist kein Platz neben Alfonso Cuaron \u2013 und was ist dann mit bester Film? Nun, mit den meisten Nominierungen des Jahres steht man immer gut da. Besonders bemerkenswert ist jene f\u00fcr den Schnitt, den Filme dieser Art eher selten erhalten. Aber all die Tr\u00e4ume sind mit den BAFTAs geplatzt, wo es einerseits f\u00fcnf Auszeichnungen gab und andererseits dann doch <b>Roma<\/b> Best Picture einheimste.<\/p>\n<p>Ja, die BAFTAs sind nicht die Oscars \u2013 und ebenfalls richtig: Gerade in den letzten Jahren stimmen deren Top-Preise nicht \u00fcberein. Aber schaut euch mal ein paar Gewinner in der Vergangenheit an: <b>Atonement<\/b>&#8230; <b>The Queen<\/b>&#8230; <b>The Full Monty<\/b>. Zudem Nominierungen f\u00fcr <b>An Education<\/b>, <b>Tinker, Tailer, Soldier, Spy<\/b> oder <b>Darkest Hour<\/b> &#8211; die Briten m\u00f6gen IHRE Filme wirklich besonders gerne. Doch trotzdem scheitert der Favorit <b>The Favourite<\/b>. Bl\u00f6d gelaufen.<\/p>\n<p>Und was sagt der Herr Awardian pers\u00f6nlich? Nun, <b>The Favourite<\/b> ist \u00fcber weite Strecken ein sehr guter Film, der vor allem aufgrund seines Humors funktioniert. Erst gegen Ende f\u00e4hrt er immer weiter zur\u00fcck \u2013 was auch perfekt zur Geschichte und zur Entwicklung der Charaktere passt.<\/p>\n<p>Deshalb gibt es f\u00fcr mich einen Punkt, an dem das Zuschauen eher anstrengend ist \u2013 was Lanthimos wohl auch m\u00f6chte. <b>The Favourite<\/b> funktioniert also genau so wie geplant. Doch mich pers\u00f6nlich nervt es trotzdem, dass aus Spa\u00df Verbitterung entsteht. In solchen Momenten kann ich dann schon die alten Greise der Academy verstehen, die ein 08\/15-Feel-Good-Movie vorziehen&#8230;<\/p>\n<p><i><b>Nominiert f\u00fcr: Bester Film, Beste Regie, Beste Hauptdarstellerin (Olivia Colman), Beste Nebendarstellerin (Rachel Weisz), Beste Nebendarstellerin (Emma Stone), Bestes Original-Drehbuch, Bester Filmschnitt, Beste Kamera, Beste Kost\u00fcme, Bestes Produktionsdesign.<\/b><\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kost\u00fcm- und Historienfilme stehen mehr denn je vor einem Problem: Was sollen sie noch zeigen, was noch nicht gezeigt wurde? Der neue Mary Queen of Scots mit Saoirse Ronan und Margot Robbie ist eigentlich ein guter Film \u2013 doch im gleichen Zuge auch total belanglos. Kaum ein Genre f\u00fchlt sich mehr ausgereizt an. 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