{"id":6579,"date":"2019-02-19T05:21:32","date_gmt":"2019-02-19T03:21:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=6579"},"modified":"2021-07-12T23:59:33","modified_gmt":"2021-07-12T21:59:33","slug":"green-book","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=6579","title":{"rendered":"Green Book"},"content":{"rendered":"<p>2012 entbrannte rund um Steven Spielbergs Film <b>Lincoln<\/b> ein kleines Skand\u00e4lchen, weil er nicht der Wahrheit entspr\u00e4che. Tony Kushner habe sich erdreistet und w\u00e4hrend der entscheidenden Szene zur Abschaffung der Sklaverei zwei Stimmen gezielt vertauscht, einfach um es spannender zu machen. Letztes Jahr wiederum gab es Kritiken gegen\u00fcber <b>The Shape of Water<\/b>, denn Guillermo Del Toro habe frech bei Jean Pierre-Jeunet <b>Delicatessen<\/b> geklaut. Sprich: Alle Filme sind schei\u00dfe und verlogen.<!--more--><\/p>\n<p>F\u00fcr Frank Vallelonga, genannt Tony Lip, l\u00e4uft es nicht so gut. Eben noch arbeitet der geb\u00fcrtige Italiener in einem Nachtclub als T\u00fcrsteher, bevor der f\u00fcr mehrere Wochen wegen Renovierungen schlie\u00dfen muss. Doch wie es der Zufall will, wird er von dem Meisterpianisten Doc Don Shirley herbei zitiert. Der sucht f\u00fcr eine zweimonatige Tour durch halb Amerika einen pers\u00f6nlichen Fahrer \u2013 und habe in dem Zusammenhang mehrfach Tony empfohlen bekommen.<\/p>\n<p>Das Problem: Wir befinden uns mitten in den 1960er Jahre und Don Shirley ist Afroamerikaner. Auch Tony tr\u00e4gt einen latenten Rassismus in sich, den der bulliger Schl\u00e4ger jedoch aufgrund des verlockenden Jobangebots runter schluckt. Mithilfe des sogenannten Green Book, in dem alle f\u00fcr Farbige zugelassenen Lokalit\u00e4ten wie Hotels oder Restaurants aufgef\u00fchrt werden, begeben sich die beiden gemeinsam mit zwei weiteren Musikern auf die Reise.<\/p>\n<p>Peter Farrellys <b>Green Book<\/b> hat von Anfang an einen schlechten Stand, besonders bei der filmaffinen Internet-Community. Schnell wird dem Film der h\u00f6hnische Spitzname <b>Driving Miss Daisy 2.0<\/b> angeheftet, nur mit vertauschten Rollen: der wei\u00dfe Tony (gespielt von Viggo Mortensen) kutschiert den schwarzen Don (Mahershala Ali). Dass der Film von einem Gro\u00dfteil des Publikums gefeiert wird, zahlreiche lukrative Preise wie Best Picture beim National Board of Review oder Best Comedy\/Musical bei den Golden Globes einheimst und somit schnell als Oscar-Favorit aufsteigt, best\u00e4tigt die Bef\u00fcrchtungen der Award-Blogger umso mehr.<\/p>\n<p>Schnell wird <b>Green Book<\/b> wegen seines Magical-Negro-Images schlecht geredet, weil sichtlich Tony die zentrale Figur sei und von Don auf wundersame Wei\u00dfe von seinen rassistischen Z\u00fcgen geheilt werde. In dem Zusammenhang fallen Vergleiche zu anderen Oscar-pr\u00e4mierten Filme aus der Vergangenheit wie <b>L.A. Crash<\/b> oder <b>The Help<\/b>, die \u00e4hnliche S\u00fcnden begangen haben.<\/p>\n<p>Die Spitze des Eisbergs: Das Drehbuch stammt vornehmlich von Tony Lips Sohn Nick Vallelonga, w\u00e4hrend sich die noch lebende Familie von Don Shirley von allem Geschreibsel distanziert. Eine solche Freundschaft, wie sie der Film zeigt, habe es nie gegeben. Stattdessen w\u00e4re Tony nach 18 Monaten gefeuert worden.<\/p>\n<p>All diese Diskussionen habe ich verfolgt, bevor ich mir den Film anschauen konnte \u2013 womit schon mal einige P\u00e4ckchen sowie Vorurteile auf dem Buckel waren. Und nun muss ich Sasha Stone von Awardsdaily vollkommen recht geben, die behauptet: <b>Green Book<\/b> ist das Opfer einer der krampfhaftesten Schmutzkampagnen, die jemals beim Rennen um den Oscar gelaufen sind.<\/p>\n<p>Zuerst einmal ist <b>Green Book<\/b> allenfalls harmlos und leicht naiv, inwiefern er die Freundschaft zwischen Tony Lip und Don Shirley zeigt. Nat\u00fcrlich wird das so nicht passiert sein: Zu Beginn wirft Tony zwei Gl\u00e4ser in den M\u00fcll, nur weil zwei schwarze Installateure daran genippt haben. Keine halbe Stunde lauscht er gebannt Dons Klavierk\u00fcnsten und ist bereits wie gel\u00e4utert. Am Ende der Geschichte entpuppt er sich als kompromissloser Verteidiger Shirleys, der ihn unbedingt zu Weihnachten bei seiner rein wei\u00df-italienischen Familie einl\u00e4dt.<\/p>\n<p>Aber meine G\u00fcte: Es ist ein fucking Film! Er mag die Probleme rund um Hautfarben und Rassenhass vereinfacht darstellen \u2013 jedoch macht er sie nicht l\u00e4cherlich. <b>Green Book<\/b> m\u00f6chte ja auch gar nicht den Fokus auf irgendeine Sozialkritik legen. Stattdessen ist er eine klassische Kom\u00f6die, die von exakt vier Aspekten lebt: Drehbuch, Filmschnitt, Viggo Mortensen und Mahershala Ali. Und deshalb ist es kein Zufall, dass der Film genau in diesen Punkten Oscar nominiert ist.<\/p>\n<p>Die erste halbe Stunde war ich noch skeptisch. In der gefiel mir allenfalls Mortensens grandiose Darstellung, der vor allem mit seiner Sprache und seinen Gestiken genau den f\u00fcr diese Story n\u00f6tigen Tony Lip zeichnet. Er karikiert ihn auf eine bemerkenswert sympathische Art. Allerdings fehlte mir dar\u00fcber hinaus der Witz, der Funke.<\/p>\n<p>Der sprang erst \u00fcber, als Mahershala Ali zum Einsatz kam: Auf der einen Seite wirkt er sehr ernst, sehr sachlich und vor allem extrem exzentrisch. Auf der anderen Seite ist er der perfekte Pointengeber. Der verbale Schlagabtausch zwischen ihm und Mortensen ist Schauspiel und Kom\u00f6die pur. Allein das Minenspiel, dass Ali s\u00fcperb beherrscht, ist herrlich subtil und klar zugleich. Es macht den Unterschied aus, weshalb ich bei eigentlich abgedroschen klingenden Szenen herzhaft lachen muss.<\/p>\n<p>Dazu kommen die Dialoge, die wirklich hervorragend geschrieben sind. Sie bieten genau das richtige Material f\u00fcr die beiden Hauptdarsteller. Nat\u00fcrlich ist die Geschichte drumherum recht gew\u00f6hnlich \u2013 aber selbst ich, der innovative Filme bevorzugt, bestehe nicht auf ein neu erfundenes Rad mit der Brechstange. Mir kommt es auf die Wirkung an \u2013 und die ist im Falle von <b>Green Book<\/b> erstaunlich frisch.<\/p>\n<p>Der gut getimte Filmschnitt ist dann das I-T\u00fcpfelchen und gerade f\u00fcr so eine Kom\u00f6die entscheidend. Es bedarf sowohl eine klare, sichtbare Linie, als auch gezielt eingestreute Cuts. In beiden F\u00e4llen ist <b>Green Book<\/b> einwandfrei, weshalb mich der Aufschrei bez\u00fcglich der Filmschnitt-Nominierung am meisten wundert.<\/p>\n<p>Bez\u00fcglich Oscar-Chancen formuliere ich es mal so: Vor f\u00fcnf Jahren h\u00e4tte der Film bei gleicher Konkurrenz Best Picture gewonnen. Da gab es zwar auch schon Schmierenkampagnen \u00e4hnlicher Art \u2013 doch dieses Schlechtgerede der heutigen Tage erreicht von Jahr zu Jahr ein neues Level.<\/p>\n<p>Letztlich muss <b>Green Book<\/b> m\u00e4chtig zittern, denn seit dem Golden-Globe-Erfolg und dem (in meinen Augen gar nicht mal \u00fcberraschenden) Producer Guild Award geht es m\u00e4chtig abw\u00e4rts. Peter Farrelly ist nicht f\u00fcr die Regie nominiert und hat als j\u00fcngste Dem\u00fctigung den sicher gegelaubten Writer Guild Award f\u00fcr das Originaldrehbuch verloren \u2013 gegen einen Film, der nicht mal bei den Oscars nominiert ist! Klar gilt das somit auch f\u00fcr <b>Roma<\/b> und <b>Vice<\/b> &#8211; allerdings lebt der erstgenannte Film von ganz anderen St\u00e4rken und letzterer ist eh der gr\u00f6\u00dfte Au\u00dfenseiter des diesj\u00e4hrigen Best-Picture-Feldes. Sprich: Dieser Verlust ist das bislang bedenklichste Gegenzeichen.<\/p>\n<p>Wo also vor ein paar Wochen noch ein solider Durchmarsch f\u00fcr Film, Drehbuch und Nebendarsteller nahezu sicher war, sollte derweil nur Mahershala Ali ohne Sorgen zur Verleihung gehen.<\/p>\n<p>So oder so ist der Film ein Verlierer: Scheitert er bei den Oscars, dann hat die Kampagne wohl Erfolg gehabt und viele Academy-W\u00e4hler \u00fcberzeugt, die eigentlich total auf den Stoff abfahren. Gewinnt er, dann jault alle <b>Green-Book<\/b>-Disser auf, wie r\u00fcckst\u00e4ndig die Academy doch sei. Dabei w\u00fcrden sie einfach einen lustigen und auch laut IMDB beliebten Film w\u00e4hlen. Und das sage ich, der ihn aus ganz anderen Gr\u00fcnden den ersten Platz nicht geben w\u00fcrde \u2013 weil mir andere Filme einfach noch besser gefallen haben. So einfach ist das manchmal.<br \/>\n<iframe loading=\"lazy\"  id=\"_ytid_44728\"  width=\"576\" height=\"324\"  data-origwidth=\"576\" data-origheight=\"324\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/QkZxoko_HC0?enablejsapi=1&#038;autoplay=0&#038;cc_load_policy=0&#038;cc_lang_pref=&#038;iv_load_policy=1&#038;loop=0&#038;rel=1&#038;fs=1&#038;playsinline=0&#038;autohide=2&#038;theme=dark&#038;color=red&#038;controls=1&#038;disablekb=0&#038;\" class=\"__youtube_prefs__  epyt-is-override  no-lazyload\" title=\"YouTube player\"  allow=\"fullscreen; accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen data-no-lazy=\"1\" data-skipgform_ajax_framebjll=\"\"><\/iframe><br \/>\n<i><b>Nominiert f\u00fcr: Bester Film, Bester Hauptdarsteller (Viggo Mortensen), Bester Nebendarsteller (Mahershala Ali), Bestes Original-Drehbuch, Bester Filmschnitt<\/b><\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2012 entbrannte rund um Steven Spielbergs Film Lincoln ein kleines Skand\u00e4lchen, weil er nicht der Wahrheit entspr\u00e4che. 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