{"id":6524,"date":"2018-12-19T01:25:47","date_gmt":"2018-12-18T23:25:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=6524"},"modified":"2021-07-12T23:59:14","modified_gmt":"2021-07-12T21:59:14","slug":"6524","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=6524","title":{"rendered":"Roma"},"content":{"rendered":"\n<p><p>Wir alle haben uns schon einmal bei dem Gedanken ertappt, das eigene Leben sei spannend genug f\u00fcr ein Buch oder einen Film. Da mag sogar was dran sein \u2013 doch in Wahrheit bedarf es viel Kunst und einiges an Handwerk, um den Stoff ansprechend f\u00fcr einen Au\u00dfenstehenden zu gestalten.<\/p> <!--more--><\/p>\n\n\n\n<p>Ein Haus in Mexico City, irgendwann im Jahre 1970: Cleo arbeitet als Hausm\u00e4dchen und k\u00fcmmert sich liebevoll um die vier Kinder ihrer Arbeitgeberin Sofia. Deren Mann Antonio ist kaum noch zu Hause und schnell wird klar, dass es nicht gut um die Ehe bestellt ist. Cleo wiederum hat einen mehr oder weniger festen Freund namens Ferm\u00edn, mit dem sie ins Kino geht oder ein paar St\u00fcndchen in einem gemieteten Hotelzimmer verbringt.Allerdings muss auch sie feststellen, dass M\u00e4nner ein kleines Problem mit dem W\u00f6rtchen Verantwortung haben.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas langweilst du uns mit so einem Mist? Da ist ja jedes Tagebuch einer 15-j\u00e4hrigen spannender&#8230;\u201c -In der Tat klingt eine Zusammenfassung der Ereignisse, die in <strong>Roma&nbsp;<\/strong>erz\u00e4hlt werden, sehr d\u00fcnn. Alfonso Cuar\u00f3n zeigt eine gew\u00f6hnliche Geschichte, die ihr in der Form schon tausend Mal geh\u00f6rt habt. Der Film wird vornehmlich aus der Sicht von Cleo erz\u00e4hlt und beinhaltet sowohl Alltagsarbeiten wie Aufr\u00e4umen oder das zu Bett bringen der Kinder als auch dramatische Ereignisse, von denen ich nat\u00fcrlich nichts verraten werde.  <\/p>\n\n\n\n<p>Niemand sollte gro\u00dfe \u00dcberraschungen erwarten. Trotzdem schafft es Cuar\u00f3n, mich bereits mit der ersten Einstellung zu fesseln: Man sieht einen nackten Steinboden, \u00fcber den mehrfach ein Schwall Putzwasser flie\u00dft. Im Wasser spiegelt sich ein Flugzeug, das die Stadt \u00fcberfliegt. Allein dieses Bild ist so gro\u00dfartig in Szene gesetzt, dass man regelrecht den Geruch der Stra\u00dfe riecht und sich selbst den Putzeimer schleudern sieht. <\/p>\n\n\n\n<p>Letztlich ist es ein Appetithappen f\u00fcr all das, was noch kommt &#8211; denn 99% s\u00e4mtlicher Kameraeinstellungen gleichen kleinen Kunstwerken. Egal ob Raumaufteilung, Ausstattung oder irgendwelche Personen, die sich mal im Hinter-, mal im Vordergrund bewegen: Hinter jeder Szene steckt eine gewaltige Ausstrahlung. Noch nie hat es sich so sehr ausgezahlt, dass der Regisseur gleichzeitig als Kameramann t\u00e4tig gewesen ist. So sp\u00fcrt man regelrecht, welch Visionen Cuar\u00f3n im Kopfe hatte und wie er sie1:1 umsetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Deshalb vergesst ihr schnell, dass ihr einen mexikanischen Film mit einem Sprachenmischmasch aus spanisch und mixtekisch (!) h\u00f6rt und alles in Schwarz-Wei\u00df gedreht ist.Allein der letztgenannte Umstand ist f\u00fcr mich der ultimative Beweis f\u00fcr die Weitsichtigkeit von Cuar\u00f3n. Schlie\u00dflich musste er sich vor Ort ganz genau im Klaren sein, wie die in der Realit\u00e4t bunt strahlende Szenerie auf Graustufen auszuschauen hat. <\/p>\n\n\n\n<p>Im Gegensatz zu Cuar\u00f3ns anderen Meisterwerken wie <strong>Children of Men<\/strong> oder <strong>Gravity<\/strong> verzichtet der geb\u00fcrtige Mexikaner auflange Takes mit abenteuerlichen Kameraschwenks. Stattdessen springt er von einer festen Einstellung zur anderen und bewegt das Bild meist langsam sowie horizontal von einer Seite zur n\u00e4chsten. Dadurch strahlt der Film im Gesamten eine herrliche Ruhe aus, deren Lebendigkeit durch die Kulisse entsteht. Egal ob \u00fcber die Stra\u00dfe eine Marschkapelle stolziert, eine Bar voll mit schwatzenden G\u00e4sten besetzt ist oder im Hintergrund eine menschliche Kanonenkugel durch die Luft fliegt: Es wirkt stets unglaublich real und abartig atmosph\u00e4risch. <\/p>\n\n\n\n<p>Wie pers\u00f6nlich dieser Film ist, zeigt Cuar\u00f3ns vielschichtiges Aufgabengebiet: 90% der im Film geschilderten Szenen sind Teil seiner Erinnerung und bilden eine Hommage an sein eigenes, liebenswertes Kinderm\u00e4dchen. Zudem tr\u00e4gt er einen Gro\u00dfteil der Kulisse selbst zusammen, in dem er sie von seiner Verwandtschaft leiht und f\u00fcr den Schwarz-Wei\u00df-Dreh modifiziert. Und wie gewohnt taucht Cuar\u00f3ns Name auch noch beim Schnitt auf! Ich kann mich jedenfalls an keinen anderen Film eines modernen, versierten Regisseurs erinnern, wo der Auteur derart viele Jobs \u00fcbernommen hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Schauspieler sind durch die Bank weg Unbekannte, jedenfalls f\u00fcr den Durschnitts-Amerikaner und Europ\u00e4er. Zumindest gibt es derzeit von niemanden einen englischsprachigen Wikipedia-Eintrag (mit Ausnahme eines Wrestlers mit dem h\u00fcbschen Namen Latin Lover, der auch nur eine sehr kleine Rolle hat). Das hilft der Nat\u00fcrlichkeit weiter auf die Spr\u00fcnge und erneut ist es Cuar\u00f3ns Verdienst, das hier niemand zum unglaubw\u00fcrdigen Laien verkommt \u2013 nicht einmal die Kinder. <\/p>\n\n\n\n<p>Besonders hervorzuheben ist Yalitza Aparicio, auf der die schwere B\u00fcrde lastet, ein gew\u00f6hnliches Kinderm\u00e4dchen au\u00dfergew\u00f6hnlich erscheinen zu lassen. Ebenfalls stark ist Marina de Tavira als Sofia, die zun\u00e4chst v\u00f6llig \u00fcberfordert mit ihrem immer distanzierter agierenden Mann wirkt und St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck die n\u00f6tige Selbstst\u00e4ndigkeit erreicht, die sie f\u00fcr sich und ihre Kinder ben\u00f6tigt. Man merkt, dass sie ebenfalls einen besonderen Platz in Cuar\u00f3ns Herzen einnimmt und sichtlich ein Abbild seiner eigenen Mutter darstellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Somit gelingt Alfonso Cuar\u00f3n dieses seltene Kunstst\u00fcck, eine Geschichte aus einem eigenen Leben zu pr\u00e4sentieren und nebenbei die versammelte Film-Konkurrenz des Jahrgangs 2018 zu deklassieren. Nat\u00fcrlich werden trotzdem viele \u00fcber den im Kern d\u00fcnnen Inhalt mosern und den Regisseur als visuellen Blender abstempeln. Aber wer genau wie ich die Inszenierung  \u00fcber das Drehbuch stellt, der wird&nbsp;<strong>Roma<\/strong>&nbsp;fortan zu seinen absoluten Lieblingsfilmen z\u00e4hlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei all dieser Gr\u00f6\u00dfe steckt&nbsp;<strong>Roma<\/strong>&nbsp;freilich mitten in der Oscar-Diskussion. Und so sehr ich mir hier einen Erfolg in den Kategorien Bester Film,Beste Regie, Bester Schnitt und Beste Kamera w\u00fcnsche, so wird es allenfalls letzteren Preis geben. <\/p>\n\n\n\n<p>Zum einen ist der Film zu ruhig f\u00fcr den gemeinen Academy-W\u00e4hler. Zum zweiten w\u00e4re es der erste fremdsprachige Best Picture-Gewinner \u00fcberhaupt. Und zum dritten hei\u00dft der weltweite Distributor Netflix. Der Vorteil: Ihr k\u00f6nnt ihn hier und jetzt auf eurem eigenen Fernseher sehen (der f\u00fcr diese Bildgewalt nicht gro\u00df genug sein kann). Der Nachteil: Einige Hollywood-Insider haben es gar nicht gern, dass der Streaming-Dienst \u00fcberhaupt beim Oscar-Rennen mitmischen will. Schlie\u00dflich sei der Preis f\u00fcr das beste Kinowerk gedacht. Zwar erf\u00fcllt Netflix alle erforderlichen Kriterien, damit ihre Filme qualifiziert sind.Allerdings beschr\u00e4nkt sich dies auf eine Vorf\u00fchrung f\u00fcr ein paar Wochen und dies in sehr wenigen Kinos. Schlie\u00dflich boykottierenderen Betreiber ebenfalls den Streaming-Wahn und sehe ihre Existenz bedroht.<\/p>\n\n\n\n<p>Es w\u00e4re jedenfalls in meinen Augen jammerschade, wenn das am Ende der ausschlaggebende Grund w\u00e4re und Cuar\u00f3n tats\u00e4chlich seinen zweiten, eigentlich hochverdienten Regie-Oscar \u201everliert\u201c. Scllie\u00dflich d\u00fcrfte <strong>Roma<\/strong> auf Dauer ein Eintrag in die Geschichtsb\u00fccher nicht mehr zu nehmen sein.<\/p>\n\n\n\n<p><i>Der Film steht seit dem 14. Dezember f\u00fcr alle Netflix-Abonennten zur <a href=\"https:\/\/www.netflix.com\/watch\/80240715\">Verf\u00fcgung<\/a>.<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir alle haben uns schon einmal bei dem Gedanken ertappt, das eigene Leben sei spannend genug f\u00fcr ein Buch oder einen Film. 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