{"id":6467,"date":"2018-08-08T23:32:55","date_gmt":"2018-08-08T21:32:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=6467"},"modified":"2018-08-08T23:42:13","modified_gmt":"2018-08-08T21:42:13","slug":"6467","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=6467","title":{"rendered":"Quo vadis, Oscar?"},"content":{"rendered":"<p>Eigentlich kann ich mir diesen Blogeintrag sparen \u2013 es wird eh niemand wirklich interessieren. Es geht n\u00e4mlich um die Oscars und deren mutma\u00dflich einschneidenden Ver\u00e4nderungen, die heute vom &#8222;Board of Governors&#8220; beschlossen wurden. Sie sollen gegen die \u201eschwindenden\u201c Zuschauerzahlen der letzten Jahre entgegen steuern. Doch genau wie alle zuvor getroffenen Ver\u00e4nderungen dieser Art, reagiert man einfach auf unkontrollierbare Trends. Und diesmal l\u00e4uft man ernsthaft Gefahr, eigentlich funktionierende Mechanismen zu zerst\u00f6ren.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Bislang war mir dies insofern egal, weil ich die Ver\u00e4nderungen gr\u00f6\u00dftenteils begr\u00fc\u00dfte. Die Anzahl der Best Picture-Nominierungen rauf setzen? Klasse! Mehr Frauen und Nicht-Wei\u00dfe in der Academy? Her damit! Eine Vorauswahl der m\u00f6glichen Best Original Score Nominierungen? L\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4llig!<\/p>\n<p>Doch was die Academy heute beschlossen hat, das st\u00f6\u00dft bislang auf gro\u00dfes Unverst\u00e4ndnis. Es geht um die folgenden drei Punkte:<\/p>\n<p>1) Die Oscar-Verleihung wird ab 2020 zwei Wochen fr\u00fcher als gewohnt stattfinden, ergo nicht mehr Ende sondern Anfang\/Mitte Februar. Die Idee dahinter: Den Gildenpreisen zuvor kommen und somit wieder f\u00fcr echte Spannung zu sorgen. Das Problem: Die Gilden werden zu 99% darauf reagieren und ebenfalls ihre Awardshow vorziehen \u2013 weil sie n\u00e4mlich sonst v\u00f6llig in die Bedeutungslosigkeit fallen. Das Resultat: Es wird sich nichts \u00e4ndern, au\u00dfer dass die Oscar-W\u00e4hler weniger Zeit f\u00fcr ihre Entscheidung haben und somit erst recht auf andere Preise schielen, damit man wenigsten \u00fcberhaupt &#8217;ne Meinung hat.<\/p>\n<p>2) Die Oscar-Verleihung soll k\u00fcnftig strikt auf drei Stunden begrenzt sein. Dieses Vorhaben ist ambitioniert und kommt nat\u00fcrlich nicht ohne Opfer. So werde man \u201eweniger wichtige\u201c Kategorien nicht mehr Live verk\u00fcnden, sondern w\u00e4hrend der Werbeunterbrechung abhaken und nachtr\u00e4glich in einer Zusammenfassung pr\u00e4sentieren.<\/p>\n<p>3) Es soll eine neue Kategorie geben. Der Originalwortlaut der Academy lautet &#8222;We will create a new category for outstanding achievement in popular film. Eligibility requirements and other key details will be forthcoming.&#8220;.<\/p>\n<p>Auf den ersten der drei genannten Punkte bin ich schon eingegangen, zudem er am wenigsten \u201eschlimm\u201c ist. Es wird aber eben nicht das eigentliche Problem l\u00f6sen und im schlechtesten Fall daf\u00fcr sorgen, dass nun sp\u00e4t ver\u00f6ffentlichte Filme noch weniger Chancen auf einen Sieg haben. Dazu muss der Laie wissen: Fr\u00fcher wurden die Oscars im M\u00e4rz ausgestrahlt. Seit man den Termin auf Ende Februar gelegt hat, hat so gut wie kein im Dezember ver\u00f6ffentliche Film gro\u00dfartig etwas gewonnen. Genau genommen hat&#8217;s in der Kategorie Best Picture nur einer geschafft: Clint Eastwoods Million Dollar Baby.<\/p>\n<p>Bereits der zweite Punkt ist eine schallende Ohrfeige f\u00fcr Oscar-Fans und Filmliebhaber. Nathaniel Rogers von The Film Experience trifft es auf den Punkt: <a href=\"http:\/\/thefilmexperience.net\/blog\/2018\/8\/8\/new-academy-rulings-catastrophe.html\">Die Oscar-Verleihung ist ein Event<\/a>. Sie hat treue Fans, die jede Kategorie leben. Bereits das Aussondern der Ehrenoscars sorgte leicht f\u00fcr Missmut. Aber nun eine solche Selektion? Keiner wei\u00df bislang, welche Kategorien es betrifft. Sound? Make-up? Musik? Ausstattung? Kamera? Filmschnitt?? Drehbuch??? Es ist zu bef\u00fcrchten, dass die Wichtigkeit anhand der nominierten Namen festgemacht wird \u2013 und die einzig wirklich unter Oscar-Fans umstrittene Kategorie, n\u00e4mlich Best Original Song, in jedem Fall ausgestrahlt bleibt.<\/p>\n<p>Doch nat\u00fcrlich ist der Aufschrei bez\u00fcglich &#8222;Best Popular Picture&#8220; am gr\u00f6\u00dften. Seit Jahrzehnten gibt es solche Vorschl\u00e4ge und jedes Mal wurden sie zurecht m\u00fchselig bel\u00e4chelt. Die Sache hat n\u00e4mlich einen gewaltigen Haken: Die Oscars ist kein Popularit\u00e4tswettbewerb, kein MTV Movie Award. War es nie und sollte es auch nie sein. Es geht um Filmkunst, bewusst gew\u00e4hlt und vergeben von der Branche selbst. Manchmal ist die Entscheidung politisch, ab und an hat ein Kandidat keine Chance weil er \u201eunbeliebt\u201c ist. Aber \u00f6fters als viele glauben steckt hinter der Auszeichnung viel Wert und viel Leidenschaft. Fragt mal die Jungs von Moonlight.<\/p>\n<p>Was s\u00e4mtliche Oscar-Watcher h\u00f6chst verunsichert: Was hei\u00dft \u00fcberhaupt &#8222;Outstanding achievement in popular film&#8220;? Wie werden die Nominierungen bestimmt? Gibt es daf\u00fcr Richtlinien, die sich beispielsweise die Einspielergebnisse beziehen? Falls ja: Wird dann nur die Kasse in Amerika oder weltweit gez\u00e4hlt?<\/p>\n<p>Eines ist klar: Die Academy sollte besser nicht die Academy-W\u00e4hler an die Stimmzettel lassen! Die werden den Kram Boykottieren bis zum geht nicht mehr und trotzdem kein Wonder-Woman oder Hang-Over nominieren. Muss also ein spezielles Gremium her? Oder soll das \u201eVolk\u201c entscheiden? Welches? Das amerikanische? Weltweit? Darf ich vielleicht auch mitmachen?<\/p>\n<p>Abseits von all diesen Fragezeichen, unter denen sich bislang niemand eine befriedigende Antwort vorstellen kann, sind sich viele Experten einig: Die Gefahr ist enorm, dass mit diesem Award gro\u00dfartige und zugleich popul\u00e4re Filme aus der Best-Picture-Schiene verschwinden. Herr der Ringe, Avatar, Mad Max: Fury Road in jedem Fall. Vermutlich Gladiator, Rocky, Titanic. Am Ende gar French Connection, Zauberer von Oz, Gravity<\/p>\n<p>Wo sich ebenfalls jeder zweite Oscar-Watcher einig ist: Der ganze Zug stinkt nach einer Pr\u00e4ventivma\u00dfnahme, um ein zweites Dark-Knight-Debakel zu verhindern. Der Film wurde 2008\/09 nicht nominiert, weshalb man auf die 10-Best-Picture-Idee kam. Wie gesagt: Das war in meinen Augen kein \u00fcbler Schachzug und hat Filmen wie Avatar, Inception oder Get Out den Platz gesichert.<\/p>\n<p>Nun steht Black Panther auf Lauerstellung, dessen Metacritic-Schnitt sogar h\u00f6her als der von Nolans Batman liegt. Mit &#8222;Best Popular Picture&#8220; d\u00fcrfte Black Panther drin sein und eventuell sogar gewinnen (je nachdem, wer letztlich das Sagen hat&#8230;). Aber genau so nimmt man Ryan Cooglers Ausnahmefilm die Chance, der erste \u201eBest-Picture\u201c-nominierte Superheldenfilm zu sein. Denn wieso sollte der Academy-W\u00e4hler ihn jetzt dort noch eintragen, wenn er seine &#8222;eigene&#8220; Kategorie hat?<\/p>\n<p>Die Acadamy denkt, dass sie mit diesen Ma\u00dfnahmen mehr Einschaltquoten erhalten. Das ist ein Trugschluss: Der vorgezogene Termin wird von den Gilden die entsprechende Antwort erhalten. Die auf drei Stunden gestutzte Veranstaltung d\u00fcrfte f\u00fcr den &#8222;Laien&#8220; immer noch zu lang sein, um wirklich Interesse zu wecken. Und dieser eine Best-Popular-Picture-Award wird ebenfalls zu wenig sein, um nun Fans von Kinoblockbustern zum Einschalten zu bewegen \u2013 oder d\u00fcrfen die dann nach f\u00fcnf Minuten ausschalten?<\/p>\n<p>Ohne jeden Zweifel: Die Oscars sind immer dann recht beliebt, wenn erfolgreiche Filme gro\u00df dabei sind. Siehe Titanic, siehe Gladiator, siehe Avatar. Und das wird auch so bleiben, weshalb die Einschaltquoten mal rauf, mal runter gehen. Der letzt- und diesj\u00e4hrige Einbruch kam eher durch einen anderen Faktor zustande: die politische Zweiteilung der USA. Nat\u00fcrlich finde ich pers\u00f6nlich es grandios, wenn Hollywood &#038; Co. flei\u00dfig gegen Trump wettern. Aber damit vergrault man eben dessen Anh\u00e4nger, womit auch andere Shows dieser Art derzeit k\u00e4mpfen. Das ist ein Dilemma ganz anderer Natur, gegen das Oscar nichts ausrichten kann (oder besser sollte). <\/p>\n<p>Die beschlossenen Ver\u00e4nderungen werden letztlich nur eines bewirken: Sie schaden jenen, die sich WIRKLICH f\u00fcr die Oscars interessieren. Und die f\u00fchlen sich zurecht in ihrer Leidenschaft verraten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eigentlich kann ich mir diesen Blogeintrag sparen \u2013 es wird eh niemand wirklich interessieren. Es geht n\u00e4mlich um die Oscars und deren mutma\u00dflich einschneidenden Ver\u00e4nderungen, die heute vom &#8222;Board of Governors&#8220; beschlossen wurden. Sie sollen gegen die \u201eschwindenden\u201c Zuschauerzahlen der letzten Jahre entgegen steuern. Doch genau wie alle zuvor getroffenen Ver\u00e4nderungen dieser Art, reagiert man einfach auf unkontrollierbare Trends. 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