{"id":6385,"date":"2018-03-03T21:54:42","date_gmt":"2018-03-03T19:54:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.theawardian.de\/?p=6385"},"modified":"2021-07-12T23:56:32","modified_gmt":"2021-07-12T21:56:32","slug":"dunkirk","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=6385","title":{"rendered":"Dunkirk"},"content":{"rendered":"<p>Wenn es um englischsprachige Filme geht, dann gibt es drei gro\u00dfe Bewertungsgruppen: das Publikum, die Kritiker und die Industrie. Das erste sind die Kinog\u00e4nger und IMDB-Besucher, zwischen denen sich schnell Fanbl\u00f6cke bilden. Das zweite sind die Schreiber und Pseudo-Intellektuellen (wozu auch ich geh\u00f6re ;), deren Meinung aufgrund ihres Erfahrungsschatzes und ihrem Zwang, alles zu Tode analysieren zu wollen, gepr\u00e4gt ist. Und das dritte sind die Filmschaffenden pers\u00f6nlich, zu denen auch die Oscar-Jury geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Das Faszinierende an dieser Struktur: Selten stimmen die Meinungen \u00fcberein. Und es ist sehr auff\u00e4llig, dass der Lieblingsfilm eines bestimmten Regisseurs bei den einen oft der am meisten &#8222;verhasste&#8220; bei den anderen ist.<\/p>\n<p><!--more-->Ein Strand und hunderttausende Soldaten: Das Naziregime startet in den ersten zwei Jahren des zweiten Weltkrieges voll durch und erobert mit als Erstes den Nachbarn Frankreich. Die dort ans\u00e4ssigen Soldaten stammen aus ganz Europa, aber vornehmlich aus England, und sitzen am Strand D\u00fcnkirchen fest. Gleichwohl der Kanal zur britischen Insel nicht allzu breit ist, ist es zum Schwimmen dann doch zu weit. Und s\u00e4mtliche Versuche, die Burschen per Flugzeug oder Schiff abzuholen, werden von den Jagdfliegern der Deutschen zunichte gemacht.<\/p>\n<p>Wir wissen alle, dass es letztlich doch geklappt hat. Anstatt erneut riesige Schiffe der Marine auf die Reise zu schicken, die ein allzu leichtes Ziel f\u00fcr den Gegner sind, fahren hunderte kleine Zivilboote los, um die Truppen nach und nach zu evakuieren. Parallel dazu sch\u00fctzen Flieger der Allierten den Luftraum, damit die Boote so wenig wie m\u00f6glich an der Ausf\u00fchrung der Operation gehindert werden.<\/p>\n<p>Christopher Nolan nimmt diese sehr dramatische Geschichte und macht daraus einen Film, der beinahe durch reine Interpretation entstanden ist. Kein Witz: Urspr\u00fcnglich gab es kein Drehbuch \u2013 und am Ende hielt sich Nolan an ein mageres 76-seitiges Skript.<\/p>\n<p>Das Konzept des Filmes ist umso interessanter: Er erz\u00e4hlt die Soldaten am Strand, die Fahrt eines Zivilbootes und die Luftk\u00e4mpfe der Jagdflieger. Die Strandszenen \u00fcberspannen eine Woche, die Bootszenen einen Tag und die Flugszenen eine Stunde. Und trotzdem werden die drei Gruppen parallel gezeigt, bis sie am Ende auf den gleichen Moment (n\u00e4mlich dem der erfolgreichen Evakuierung) hinauslaufen.<\/p>\n<p>Allein dieses Killerkonzept d\u00fcrfte Lee Smith den Filmschnittoscar sichern (gleichwohl er mit den Cuttern von <b>Baby Driver<\/b> eine extrem hochwertige Konkurrenz hat, deren Film allerdings im Gesamten weniger beliebt innerhalb der Academy ist). Die Idee ist typisch Nolan und sie funktioniert. Sie hebt <b>Dunkirk<\/b> von anderen Kriegsfilmen ab und garantiert, dass es gar keine ausschweifende Geschichte mit Shakespeare-w\u00fcrdigen Dialogen braucht.<\/p>\n<p>So kann sich Nolan voll und ganz auf das konzentrieren, was er am besten kann: Regie f\u00fchren. Er klebt eine beklemmende und dramatische Szene nach der anderen zusammen und l\u00e4sst den Zuschauer \u00e4hnlich wie Alfonso Cuarons <b>Gravity<\/b> kaum Luft zum Atmen.<\/p>\n<p>Man sp\u00fcrt die Angst der hilflosen Soldaten, die Nervosit\u00e4t der zivilen Bootsfahrer und das Adrenalin der Jagdflieger. Und all das schafft Nolan, ohne auch nur einen einzigen Nazi-Soldaten direkt zu zeigen! Man sieht die Gegner nur von Weitem, wie sie mit ihren Bombern zum Sturzflug ansetzen, oder ganz zum Schluss als dunkle Silhouetten. Das ist meisterhaft und deswegen hat Christoper Nolan seine erste Nominierung f\u00fcr die Beste Regie mehr als redlich verdient.<\/p>\n<p>Doch wo kurioserweise die Academy endlich Nolans Regieleistungen honoriert und die Kritiker <b>Dunkirk<\/b> als seinen besten Film bezeichnen, da sind die alten Fans von <b>The Dark Knight<\/b> bis <b>Interstellar<\/b> fast schon entt\u00e4uscht. Laut IMDB ist <b>Dunkirk<\/b> Nolans drittschlechtester Film \u2013 nur sein Debut <b>Following<\/b> sowie <b>Insomnia<\/b> liegen weiter unten. Zugegeben: Die Durchschnittswertung kommt immer noch auf eine stolze 8.0 (derzeit, jedenfalls), weil Nolans Filme allgemein erstaunlich gut auf IMDB abschneiden. Doch trotzdem wirkt es kurios, dass jetzt, wo ihn seinesgleichen wie Kritiker abfeiern, einige seiner Fans sich vor den Kopf gesto\u00dfen f\u00fchlen.<\/p>\n<p>Der Grund hierf\u00fcr ist eben das Konzept, das komplett auf Drehbuchst\u00e4rken pfeift. Nolan fixiert sich genau wie Cuaron auf eine gro\u00dfartige Inszenierung. Der Rest ist ihm egal \u2013 aber eben nicht dem Publikum.<\/p>\n<p>Was auch nicht vernachl\u00e4ssigt werden darf, ist das Format: <b>Dunkirk<\/b> wurde prim\u00e4r auf die riesige Leinwand der IMAX-Kinos zugeschnitten, was man besonders bei den Flugszenen merkt. Dort m\u00f6chte Nolan den Flug im freien Himmel vermitteln, wof\u00fcr entsprechend Platz ben\u00f6tigt wird. Zum Gl\u00fcck hat er mit Hoyte van Hoytema den richtigen Kameramann gefunden, der die Szenerie eher mit gedeckten anstatt satten Farben einf\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Nehmt noch Hans Zimmers wummernden Soundtrack hinzu und ihr habt das beste Style-over-Substance-Werk des Jahres. Was positiv gemeint ist, denn ein Kinofilm muss nicht immer mit einem originellen oder hochklassigen Drehbuch aufwarten. <b>Dunkirk<\/b> m\u00f6chte ansatzweise den Eindruck vermitteln, wie sich die Soldaten oder die Steuerm\u00e4nner der Boote damals gef\u00fchlt haben.<\/p>\n<p>Und deshalb gebe ich Christopher Nolan recht, wenn er am liebsten einen rein improvisierten Film gemacht h\u00e4tte. Er mag damit seine Fans entt\u00e4uschen, die ihn wegen seiner komplex strukturierten Geschichten lieben. Doch er selbst zeigt mit dieser Neuausrichtung viel Mut und ist dem Ziel, ein auf Dauer unvergesslicher Regisseur zu sein, ein geh\u00f6riges St\u00fcckchen n\u00e4her gekommen.<br \/>\n<iframe loading=\"lazy\"  id=\"_ytid_43906\"  width=\"576\" height=\"324\"  data-origwidth=\"576\" data-origheight=\"324\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/F-eMt3SrfFU?enablejsapi=1&#038;autoplay=0&#038;cc_load_policy=0&#038;cc_lang_pref=&#038;iv_load_policy=1&#038;loop=0&#038;rel=1&#038;fs=1&#038;playsinline=0&#038;autohide=2&#038;theme=dark&#038;color=red&#038;controls=1&#038;disablekb=0&#038;\" class=\"__youtube_prefs__  epyt-is-override  no-lazyload\" title=\"YouTube player\"  allow=\"fullscreen; accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen data-no-lazy=\"1\" data-skipgform_ajax_framebjll=\"\"><\/iframe><br \/>\n<b style=\"line-height: 1.5;\"><i> Oscar-Nominierungen: Bester Film, Beste Regie, Bester Filmschnitt, Bester Tonschnitt, Beste Tonabmischung, Beste Musik, Beste Kamera, Bestes Produktionsdesign.<\/i><\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn es um englischsprachige Filme geht, dann gibt es drei gro\u00dfe Bewertungsgruppen: das Publikum, die Kritiker und die Industrie. 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