{"id":6354,"date":"2018-02-24T00:18:45","date_gmt":"2018-02-23T22:18:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.theawardian.de\/?p=6354"},"modified":"2021-07-12T23:56:21","modified_gmt":"2021-07-12T21:56:21","slug":"the-post-die-verlegerin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=6354","title":{"rendered":"The Post (Die Verlegerin)"},"content":{"rendered":"<p>Die Oscar-Verleihung ist derzeit schwer zu deuten. Trotz Golden Globe, trotz BAFTA, trotz Gildenpreise kommt es besonders in der Kategorie Best Picture zu einer \u00dcberraschung nach der anderen. Mit ein Grund hierf\u00fcr ist das ver\u00e4nderte Umfeld: Sowohl die Academy als auch die Filmschaffenden haben sich ge\u00e4ndert. Meilensteine wie <b>Mad Max: Fury Road<\/b>, <b>Get Out<\/b> oder <b>Moonlight<\/b> werden nominiert, was vor zehn oder gar zwanzig Jahren bei den jeweiligen Thematiken undenkbar gewesen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Was hingegen fast ausgestorben ist, dass ist der klassische Oscar-Film: ein sicheres Auszeichnungs-Sprungbrett f\u00fcr Schauspieler, ein sachlich-glattes Drehbuch, dezent \u00fcberzogene Dramatik und eine Regie ohne Schn\u00f6rkeleien. Und weil das inzwischen so selten geworden ist, darf man ruhig mal die wenigen, noch lebenden Ausnahmen lobend hervorheben.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Kay Graham ist seit dem Suizid ihres Mannes Leiterin der Tageszeit The Washington Post. In den fr\u00fchen 1970er Jahren ist der Kampf mit der Konkurrenz hart und die finanzielle Situation alles andere als sattelfest. Mit dem Verkauf von Aktien soll die Zeitung eine ordentliche Geldspritze erhalten und ihre Zukunft gesichert werden.<\/p>\n<p>Entsprechend ung\u00fcnstig ist die politsche Lage: Amerika k\u00e4mpft immer noch gegen Vietnam und eine Ende ist nicht in Sicht. Daniel Ellsberg, der die Situation vor Ort miterlebt, hat die Schnauze voll und liefert der New York Times einen Stapel brandhei\u00dfer Dokumente, die von der Regierung erstellt wurden. Darin wird klipp und klar gesagt: Der Vietnamkrieg ist nicht mehr zu gewinnen \u2013 eine Erkenntnis, die bereits seit 6 Jahren fest steht. Doch kein Pr\u00e4sident traut sich, die Truppen nach Hause zu schicken und die Niederlage einzugestehen. So auch Richard Nixon.<\/p>\n<p>Die Times druckt eine entsprechend hei\u00dfe Serie von Artikeln, die den Missstand aufzeigt. Nixon schaltet sich ein und droht mit einer Klage \u2013 schlie\u00dflich w\u00fcrde die Times hochsensible und klasssifizierte Angaben drucken. Schnell werden Vorw\u00fcrfe wie Spionage oder Vorrat laut.<\/p>\n<p>Die Mitarbeiter der Post beobachten die Situation und sehen ihren Job als gef\u00e4hrdet. Wenn der Pr\u00e4sident einfach so ihre Arbeit behindern k\u00f6nne, dann w\u00e4re es vorbei mit der Meinungsfreiheit. Also setzt man alles dran, mit Daniel Ellsberg in Konakt zu geraten und an die Dokumente heranzukommen \u2013 was letztlich auch gelingt. Doch bis dahin ist niemandem in der Redaktion das wahre Ausma\u00df bewusst: Die Nachrichtenschreiber m\u00fcssen innerhalb eines Arbeitstages 4000 unsortierte Seiten durchforsten und daraus eine Story machen, die keine der noch in Vietnam stationierten Soldaten gef\u00e4hrdet.<\/p>\n<p>Und am Ende muss Kay Graham entscheiden, ob die Geschichte wirklich gedruckt wird \u2013 womit sie die Existenz der Washington Post aufs Spiel setzt und s\u00e4mtlichen Verantwortlichen eine Gef\u00e4ngnisstrafe droht, sofern Nixon mit seiner Klage Erfolg hat.<\/p>\n<p>Wem das hier zu viel gespoilert ist: Was zum Geier erwartet ihr denn bei so einem Film? Die Story ist von Beginn an fest und der Verlauf in Stein gemeiselt. Wer bei einem Film wie <b>The Post<\/b> \u00fcberraschende Wendungen oder hochbrisante Informationen erwartet, der ist v\u00f6llig falsch.<\/p>\n<p>Steven Spielberg zeigt (mal wieder), was f\u00fcr ein durchkalkulierter Regisseur er ist. Wer seine Arbeiten kennt (und wer tut dies nicht?), der wei\u00df sofort grob um Kameraeinstellungen, Szenenschnitt und Drehbuchdramatik Bescheid. <b>The Post<\/b> ist ein durch und durch routiniertes Werk und paradoxerweise genau deshalb so interessant. Wer die Schnauze voll hat von Twists wie in <b>Get Out<\/b> oder dem \u00dcberbord werfen moralischer Richlinien \u00e1 la <b>Three Billboards Outside Ebbing, Missouri<\/b>, der ist hier genau richtig aufgehoben.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus funktioniert der Film deshalb so gut, weil er sich kaum Fehler erlaubt. Genau wie die Mitarbeiter der Washington Post, sp\u00fcrt man hier die Professionalit\u00e4t von Spielbergs Stammteam \u2013 sei es Cutter Michael Kahn (erstmals in Kooperation mit Sarah Broshar), Kameramann Janusz Kaminski oder Komponist John Williams. Zwar wird dem Endergebnis vorgeworfen, es sei &#8222;rushed&#8220; (ergo gehetzt) entstanden. Aber irgendwie spiegelt doch auch das die Geschichte wieder.<\/p>\n<p>Dazu kommen sein alter Freund Tom Hanks, der den Chefredakteur Ben Bradlee mit einer dominanten &#8222;Wir machen das jetzt so und basta!&#8220;-Attit\u00fcde spielt und die unfehlbare Meryl Streep, die erstmals in einem Spielberg-Film spielt. Und nat\u00fcrlich legt sie wieder eine tadellose Darstellung als Kay Graham hin, die mir besonders in ihren unsicheren Momenten gef\u00e4llt. Nur Streep kann so erfahren eine unerfahrene Person mimen.<\/p>\n<p>Der Geschichte wird man sicherlich ihre k\u00fcnstlerischen Freiheiten vorwerfen, denn von der Gewichtung m\u00fcsste man das Drama eigentlich aus Sicht der New York Times zeigen \u2013 nur dann h\u00e4tte Spielberg nicht diesen Gewissensshowdown &#8222;Drucken oder nicht drucken?&#8220; zeigen k\u00f6nnen. Zudem sticht er mit seiner Hauptfigur Kay Graham ganz dezent in das Herz der MeToo-Bewegung, weil hier eine zun\u00e4chst gegen die M\u00e4nnerwelt hilflos agierende Frau am Ende die Eier in der Hose hat.<\/p>\n<p>Last but not Least mag Nixons hochstilisierung als B\u00f6sewicht (der im \u00fcbrigen nur aus der Distanz und von hinten telefonierend zu sehen ist) \u00fcberzogen sein. Aber das nimmt Spielberg l\u00e4chelnd in Kauf, um dem derzeit amtierenden Pr\u00e4sidenten Donald Trump seine Meinung zu geigen. Die Finalszene, die sich rund um Nixons ber\u00fchmt-bekanntes Schicksal dreht, ist mehr als nur ein Stinkefinger in Richtung Washington.<\/p>\n<p>Es ist jedenfalls sonnenklar, dass <b>The Post<\/b> als Best Picture nominiert ist. Zum einen gibt es in der Academy lautstarke Spielberg-Fans, die alles von dem Mann nominieren und w\u00e4hlen (laut einigen anonym gehaltenen Interviews, versteht sich). Zum anderen ist es eben ein klassischer Oscar-Film, weshalb es mich viel mehr wundert, wieso abseits der Topkategorie nur eine magere Nomnierung f\u00fcr Meryl Streep herausgesprungen ist.<\/p>\n<p>O.k: Das beste Originaldrehbuch hat keine Chance, weil in dieser Killergruppe selbst Paul Thomas Anderson f\u00fcr <b>Phantom Thread<\/b> oder Christopher Nolan f\u00fcr <b>Dunkirk<\/b> von au\u00dfen zuschauen m\u00fcssen. Aber warum nicht die hervorragende Kameraarbeit von Kaminski, die zun\u00e4chst so schn\u00f6n glatt verl\u00e4uft und mit jedem weiteren Moment genau wie die Geschichte an sich an Hektik gewinnt? Oder das Produktionsdesign, mit seinen m\u00e4chtigen Druckmaschinen und der herrlich ausgesatteten Graham-Villa? Auch Filmschnitt und Regie sind sehr stark, w\u00e4hrend mich pers\u00f6nlich nur die Musik von John Williams leicht entt\u00e4uscht.<\/p>\n<p>Meine Vermutung: <b>The Post<\/b> ist in einigen dieser Kategorien auf dem undankbaren sechsten Platz gelandet. Und umso mehr begr\u00fc\u00dfe ich das seit acht Jahren erweiterte Best-Picture-Feld, weil manchmal die Summe besser ist als ihre Einzelteile.<br \/>\n<iframe loading=\"lazy\"  id=\"_ytid_51620\"  width=\"576\" height=\"324\"  data-origwidth=\"576\" data-origheight=\"324\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/nrXlY6gzTTM?enablejsapi=1&#038;autoplay=0&#038;cc_load_policy=0&#038;cc_lang_pref=&#038;iv_load_policy=1&#038;loop=0&#038;rel=1&#038;fs=1&#038;playsinline=0&#038;autohide=2&#038;theme=dark&#038;color=red&#038;controls=1&#038;disablekb=0&#038;\" class=\"__youtube_prefs__  epyt-is-override  no-lazyload\" title=\"YouTube player\"  allow=\"fullscreen; accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen data-no-lazy=\"1\" data-skipgform_ajax_framebjll=\"\"><\/iframe><br \/>\n<b style=\"line-height: 1.5;\"><i> Oscar-Nominierungen: Bester Film, Beste Hauptdarstellerin (Meryl Streep).<\/i><\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Oscar-Verleihung ist derzeit schwer zu deuten. 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