{"id":6350,"date":"2018-02-22T00:05:10","date_gmt":"2018-02-21T22:05:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.theawardian.de\/?p=6350"},"modified":"2021-07-12T23:56:18","modified_gmt":"2021-07-12T21:56:18","slug":"get-out","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=6350","title":{"rendered":"Get Out"},"content":{"rendered":"<p>Am 25. M\u00e4rz 1991 k\u00fcndigte Billy Crystal w\u00e4hrend der 63sten Oscar-Verleihung Jodie Foster und Anthony Hopkins an, um einen Preis zu verleihen. Dabei bemerkte Crystal, dass beide wohl n\u00e4chstes Jahr f\u00fcr ihre Leistung in <b>Das Schweigen der L\u00e4mmer<\/b> nominiert werden w\u00fcrden \u2013 was sich nicht nur bewahrheitete, sondern auch in zwei Siegen plus einem Best-Picture-Durchmarsch resultierte.<\/p>\n<p>Der Grund, warum Billy Crystal diese k\u00fchne Vorhersage treffen konnte: <b>Das Schweigen der L\u00e4mmer<\/b> lief bereits im Februar in den Kinos, also einen Monat vor der besagten Oscar-Verleihung, die eigentlich das Jahr zuvor auszeichnet. Dabei haben Filme mit einem so fr\u00fchen Release-Termin kaum eine Chance auf eine Nominierung. Nehmen wir noch den Umstand hinzu, dass <b>Das Schweigen der L\u00e4mmer<\/b> im Kern ein Horrorfilm ist, und die Anomalie ist perfekt.<\/p>\n<p><!--more-->Chris Washington und Rose Armitage sind ein junges, verliebtes P\u00e4rchen. Eigentlich nichts besonderes \u2013 und heutzutage st\u00f6rt es doch auch niemanden mehr, wenn er eine schwarze und sie eine wei\u00dfe Hautfarbe hat. Oder? Und was sollte also so schlimm daran sein, wenn beide zu ihrem Heimatort fahren und er ihre Eltern kennenlernt?<\/p>\n<p>Chris ist trotzdem skeptisch, ob der Besuch eine so gute Idee sei. Zu unberechenbar sind die Erfahrungen, die er bislang mit Wei\u00dfen gemacht hat \u2013 was wenn ausgerechnet die Eltern seiner Freundin gegen ihn sind, nur weil er Schwarz ist? In seinen Gedanken kreist die Angst vor einem unerwarteten Konfllikt, dem vielleicht er, aber nicht sie gewachsen ist. Sein bester Freund Rod warnt ihn gar ausdr\u00fccklich und schwadroniert von irgendwelchen Verschw\u00f6rungstheorien. Aber weil Rose dr\u00e4ngt und die Beziehung mit ihr recht gut l\u00e4uft, willigt er letztlich ein.<\/p>\n<p>Vor Ort wird Chris wohlwollend empfangen, allerdings nicht ohne peinliche Zwischenf\u00e4lle. Spr\u00fcche wie \u201eIch h\u00e4tte Obama auch ein drittes Mal gew\u00e4hlt, wenn ich gedurft h\u00e4tte\u201c offenbaren ein verqueres Denken, dass im Grunde nichts anderes als freundlich gesinnter Rassismus ist. Ebenfalls unsch\u00f6n: Auf der Hinfahrt wird das Paar von einem Polizisten angehalten. Und obwohl Rose hinter dem Steuer sitzt, soll Chris seine Papiere vorzeigen.<\/p>\n<p>Es ist nicht so, dass Chris mit all dem ein ernsthaftes Problem hat. Er kennt die Welt und wei\u00df ganz genau, dass Schwarze noch lange nicht gleich behandelt werden wie Wei\u00dfe. Die meisten Vorf\u00e4lle l\u00e4chelt er verlegen weg \u2013 doch was ihn tats\u00e4chlich st\u00f6rt, dass ist das Verhalten seiner \u201eBr\u00fcder\u201c und \u201eSchwestern\u201c vor Ort. Egal ob G\u00e4rtner, Haush\u00e4lterin oder Nachbar: Alle afroamerikanischen Bewohner der Stadt grinsen debil, sind auffallend freundlich und benehmen sich \u00fcberhaupt nicht so, wie Chris es von seinen \u201eEigenen\u201c gewohnt ist.<\/p>\n<p>Die merkw\u00fcrdigen Vorkommnisse h\u00e4ufen sich und gipfeln w\u00e4hrend einer Gartenparty, bei der einer der schwarzen Nachbarn von einem Fotoblitz geblendet wird. Sein Gesichtsausdruck ver\u00e4ndert sich, und gefriert zur Panik. Er geht direkt zu Chris und wiederholt nur zwei Worte: \u201eGet Out!\u201c&#8230; bis er sich kurz darauf wieder f\u00e4ngt und sein friedlich-debiles Verhalten von zuvor zum Vorschein kommt.<\/p>\n<p><b>Get Out<\/b> ist ein Meilenstein der Film- und Erz\u00e4hlkunst durch und durch. Er ist hochgradig clever und spielt auf abenteuerliche Weise mit alten sowie neuen Elementen. Was Regisseur und Autor Jordan Peele hier f\u00fcr eine Genre-Gratwanderung begeht, sucht seinesgleichen. Allein diese Frage: Was ist <b>Get Out<\/b>? Ein Horrorfilm? Ein Thriller? Eine Kom\u00f6die, wie es f\u00fcr die Golden Globes klassifiziert wurde? Oder gar eine Art Dokumentation, wie Peele selbst scherzhaft sagt, die zynisch den Post-Obama-Rassismus aufzeigt?<\/p>\n<p>Jordan Peele nutzt gnadenlos die Hautfarbe seines Protagonisten und haut dem Zuschauer einen Holzhammer nach dem anderen auf den Kopf, der ihm zeigen soll: Es ist noch so ein verdammt weiter weg bis zur Gleichberechtigung. Wohlgemerkt gilt das bereits f\u00fcr die erste H\u00e4lfte des Filmes, in der die Bewohner der Stadt bereits die Oberfl\u00e4chlichkeit in Person sind, die mit ihren dummen Spr\u00fcchen angeben wollen und sich dabei nur blo\u00df stellen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Wei\u00dfe den Film eher ernst nehmen und sowohl die Nebendarsteller der Geschichte als auch sich selbst in Frage stellen, lachen sich Schwarze halb kaputt \u2013 einfach weil sie jene f\u00fcr Unwissende grotesk erscheinenden Situationen komplett nachempfinden k\u00f6nnen und vielleicht gar selbst erlebt haben.<\/p>\n<p>Get Out hat gleich zwei Twists auf Lager, von denen mich der eine gest\u00f6rt hat (weil er zu offensichtlich ist) und der andere einfach so unbeschreiblich bizarr daherkommt, dass man ihn einfach lieben muss. Aber um ehrlich zu sein ist es gar nicht mal so sehr das Drehbuch, dass mir derart gef\u00e4llt und von vielen als das Highlight des Filmes angesehen wird: Es ist Peeles Regieleistung, die f\u00fcr ein paar unbeschreiblich gut gemachte Schl\u00fcsselszenen sorgt.<\/p>\n<p>Aus Spoiler-Gr\u00fcnden rede ich etwas um den hei\u00dfen Brei \u2013 aber wer den Film bereits gesehen hat, der wird sicherlich etwas mit den Stichw\u00f6rtern Sunken Place und H\u00e4nde hoch anfangen k\u00f6nnen. Da stimmt alles: Kamera, Schnitt, Schauspieler, Atmosph\u00e4re, Farben, Licht, Blickwinkel, Ton, etc. Peele macht aus einfachen Momenten unvergessliche Kinominuten, weil alles bis ins Kleinste durchdacht und doch niemals verkrampft wirkt. Er kombiniert total simple, nat\u00fcrliche Ideen mit grotesken Plotausw\u00fcchsen zu einer homogenen Einheit.<\/p>\n<p>So sehr ich mich \u00fcber die Oscar-Nominierungen f\u00fcr Film, Regie, Drehbuch und Daniel Kaluuya als besten Hauptdarsteller freue, so unbegreiflich ist aus meiner Sicht, wieso nicht mehr herausgesprungen ist. Der Film h\u00e4tte mindestens eine Erw\u00e4hnung f\u00fcr den Schnitt, beide Tonkategorien (ich sage nur L\u00f6ffel und Tasse) und Catherine Keener f\u00fcr ihre Rolle als Roses Mutter verdient gehabt.<\/p>\n<p>Aber ich will nicht undankbar sein, denn selbst die Nominierung von Jordan Peele als Regisseur war nicht sicher und hat mir bereits jetzt die diesj\u00e4hrige Oscar-Verleihung perfekt gemacht. Ich wei\u00df, dass er nicht gewinnen wird \u2013 es ist bereits so selten, dass ein im Februar ver\u00f6ffentlichter Horrorfilm \u00fcberhaupt in dieser Form bei den Academy Awards ber\u00fccksichtigt wird.<\/p>\n<p>Was den Film an sich anbelangt&#8230; also, ich m\u00f6chte nicht tr\u00e4umen. Nicht wirklich. Aber&#8230; es gibt in der Tat diese eine M\u00f6glichkeit, das <b>Get Out<\/b> allen Ernstes den Oscar f\u00fcr Best Picture und Best Screenplay gewinnt. Dazu muss alles andere stimmen: <b>Three Billboards Outside Ebbing, Missouri<\/b> muss so umstritten sein, wie es viele Oscarwatcher vermuten. <b>The Shape of Water<\/b> muss an seinem Genre zerschellen und aufgrund der fehlenden Screen-Actor-Nominierung f\u00fcr das beste Schauspielerensemble scheitern. <b>Lady Bird<\/b> darf nicht durch die #MeToo-Welle zur \u00dcberholspur \u00fcbergehen. Und das Genre von <b>Dunkirk<\/b> muss in der Tat f\u00fcr die Academy so ausgelutscht sein, weshalb sie solch einen Film nicht noch einmal honorieren m\u00f6chten.<\/p>\n<p><b>Get Out<\/b> muss dagegen genau das halten, was es seit fast einem Jahr erreicht hat: in Erinnerung bleiben. Er ist mehr als ein Horrorfilm und genau die Art von Gesellschaftskritik, die derzeit von der Academy geliebt wird. Wie Oscarbloggerin Sasha Stone treffend auf ihrem Blog Awardsdaily feststellt, muss es einen Grund geben, warum ausgerechnet dieser Film nach all der Zeit noch derart im Gespr\u00e4ch ist. Die Tatsache, dass er tats\u00e4chlich den Sprung ins Best-Picture-Feld geschafft hat, ist ein eindeutiges Zeichen. Fragt <b>Das Schweigen der L\u00e4mmer<\/b>.<br \/>\n<iframe loading=\"lazy\"  id=\"_ytid_35410\"  width=\"576\" height=\"324\"  data-origwidth=\"576\" data-origheight=\"324\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/sRfnevzM9kQ?enablejsapi=1&#038;autoplay=0&#038;cc_load_policy=0&#038;cc_lang_pref=&#038;iv_load_policy=1&#038;loop=0&#038;rel=1&#038;fs=1&#038;playsinline=0&#038;autohide=2&#038;theme=dark&#038;color=red&#038;controls=1&#038;disablekb=0&#038;\" class=\"__youtube_prefs__  epyt-is-override  no-lazyload\" title=\"YouTube player\"  allow=\"fullscreen; accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen data-no-lazy=\"1\" data-skipgform_ajax_framebjll=\"\"><\/iframe><br \/>\n<b style=\"line-height: 1.5;\"><i> Oscar-Nominierungen: Bester Film, Beste Regie, Bestes Drehbuch Bester Hauptdarsteller (Daniel Kaluuya).<\/i><\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 25. 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