{"id":6343,"date":"2018-02-20T02:25:48","date_gmt":"2018-02-20T00:25:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.theawardian.de\/?p=6343"},"modified":"2021-07-12T23:56:14","modified_gmt":"2021-07-12T21:56:14","slug":"three-billboards-outside-ebbing-missouri","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=6343","title":{"rendered":"Three Billboards Outside Ebbing, Missouri"},"content":{"rendered":"<p>Amerika ist gespalten. Die Fronten zwischen Demokraten und Republikanern sind derart festgefahren, weshalb man aus Prinzip und nicht aus \u00dcberzeugung denkt. Man w\u00e4hlt lieber einen sexistischen Rassist anstatt den Konkurrenten der anderen Partei. Soweit der Stand der Dinge in den USA.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nMildred Hayes ist am Ende. Sieben Monate ist es her, als ihre Tochter Angela vergewaltigt und ermordet wurde. Seither gibt es keine Verhaftungen, keine Verd\u00e4chtigen und mutma\u00dflich auch keine Ermittlungen. Also mietet Mildred drei unbenutzt, am Stra\u00dfenrand stehende Werbetafeln und plakatiert die S\u00e4tze \u201eRaped while Dying\u201c, \u201eAnd Still no Arrests?\u201c, \u201eHow Come, Chief Willoughby?\u201c.<\/p>\n<p>Die Aktion sorgt f\u00fcr \u00c4rger, besonders unter der hiesigen Polizei. Besonders ungehalten reagiert der latent rassistische Jason Dixon, w\u00e4hrend sein Vorgesetzter Bill Willoughby, an den die Nachrichten direkt gerichtet sind, relativ neutral bleibt. Er kann Mildred verstehen, jedoch mangels Beweisen oder Indizien eben nichts tun und bezeichnet die Tafeln deshalb als unfair. Andererseits kommt tats\u00e4chlich Bewegung in den Fall: Obwohl Willoughby nach wie vor keine Aussicht auf Kl\u00e4rung sieht, kramt er die Akte Angela Hayes aus der Schublade.<\/p>\n<p>Man kann sich sehr gut vorstellen, wie sich solch ein Plot entwickelt und wie er Enden k\u00f6nnte. Doch Regisseur und Autor Martin McDonagh geht einen Weg, mit dem viele nicht rechnen. Die zun\u00e4chst f\u00fcr den Zuschauer offensichtlichen T\u00e4ter- und Opferrollen sind am Schluss v\u00f6llig vernebelt. Bereits fr\u00fch erf\u00e4hrt man, dass Willoughby unheilbar an Krebs erkrankt ist und allein deshalb viele B\u00fcrger der Stadt auf seiner Seite und nicht auf jener von Mildred stehen. Diese wiederum wird im Laufe des Filmes immer aggressiver und \u00fcberschreitet Grenzen, die allein aus moralischer Sicht eine \u201eBestrafung\u201c erfordern. Andersherum wird Dixon immer mehr in ein positives Licht ger\u00fcckt, obwohl er zu Beginn des Filmes der perfekte Antagonist der Geschichte ist.<\/p>\n<p>Manche empfinden <b>Three Billboards Outside Ebbing Missouri<\/b> als rassistisch \u2013 und haben damit \u00fcberhaupt nicht verstanden, was McDonagh eigentlich mit dem Film sagen will.<\/p>\n<p>McDonagh wirft das \u201eZwei-Seiten-Denken\u201c gnadenlos in den M\u00fcll. Am Ende hat fast jeder Dreck am Stecken und f\u00fcr fast jeden k\u00f6nnte man eine Absolution erteilen &#8211; so wie im wahren Leben. Er zeigt das Gute und das B\u00f6se, ohne ihnen klare Namen zu geben. Zudem darf man das umstrittene Ende nicht falsch deuten: Da geht es nicht um Reue, Wiedergutmachung, Fairness oder Moral. Es geht um die Verzweiflung von Menschen, die an ihre Grenze gesto\u00dfen sind und die mal aufgrund ihrer Wut, mal aufgrund ihrer Selbstzweifel handeln. Am Ende ist es deshalb unwichtig, dass Dixon ein offener Rassist ist. Seine Figur kann man trotz seiner Pseudo-L\u00e4uterung skeptisch betrachten, ohne dass es an der Geschichte r\u00fcttelt.<\/p>\n<p>In meinen Augen ist Dixon ein Symbol daf\u00fcr, dass auch er ein Mensch ist. Auch er hat ein Recht darauf, dass ihm vielleicht irgendwann einmal verziehen wird oder er sich wohlm\u00f6glich \u00e4ndern k\u00f6nnte. Im gleichen Atemzug wird bez\u00fcglich Mildred klar gemacht, dass sie trotz ihres furchtbaren Leides, das sie als Mutter erfahren hat, kein Engel ist. Ihre Art ist schwer zu ertragen und ihre moralische Wertvorstellung \u00e4hnlich zweifelhaft wie die von Dixon. Nur eben auf einer ganz anderen Ebene.<\/p>\n<p>Aus diesem Grunde ist <b>Three Billboards Outside Ebbing, Missouri<\/b> einer der ganz gro\u00dfen Favoriten im diesj\u00e4hrigen Oscarrennen \u2013 und gleichzeitig \u00fcberrascht es mich, dass eben genau dies der Fall ist. Denn die Geschichte bewegt sich an einer Grenze, die f\u00fcr viele in Hollywood zu hei\u00df sein d\u00fcrfte \u2013 gerade in der jetzigen Zeit von #MeToo.<\/p>\n<p>Und w\u00e4hrend ich pers\u00f6nlich den interessanten Ansatz des Filmes begr\u00fc\u00dfe und Drehbuch sowie Schauspieler beklatsche, so bin ich nicht komplett \u00fcberzeugt vom Endergebnis. Martin McDonagh ist ein begnadeter Autor, zweifelsohne. Aber mich wundert es wenig, dass er bei den Oscars nicht f\u00fcr die Regie nominiert wurde. Daf\u00fcr hatte ich bei zu vielen Szenen das Gef\u00fchl, dass hier was nicht stimmt, etwas nicht passt. Der Tonfall ist hier mal zu leise, dort zu laut. Einmal ist das Gezeigte zu zahm, einmal zu sehr mit dem Holzhammer draufgehauen.<\/p>\n<p>Sch\u00f6nes Beispiel ist eine sehr fr\u00fche Szene, in der Willoughby mit Mildred redet, ihre Werbetafeln kritisiert und von seiner Krebserkrankung erz\u00e4hlt. In dem Moment dachte ich instinktiv: \u201eIst das sein ernst&#8230;?\u201c Sprich: Es mag ja sein, dass er unheilbar krank ist und aufgrund seiner jungen Frau sowie seinen kleinen T\u00f6chtern verzweifelt. Aber diese Karte in solch einer Situation gegen\u00fcber einer Mutter auszuspielen, die ihr Kind nach einer grausamen Vergewaltigung verloren hat? Das wirkte auf mich sehr befremdlich.<\/p>\n<p>Wohlgemerkt: \u201eWirkt\u201c ist das Stichwort. Der Knackpunkt ist die Darstellung, wie Woody Harrelson als Willoughby und Frances McDormand als Mildred r\u00fcber kommen. Ich hatte ungelogen das Gef\u00fchl: \u201eDer will sie doch jetzt einfach nur verarschen!\u201c &#8211; und rechnete jederzeit mit einem h\u00f6hnischen Gel\u00e4chter seitens des Sheriffs.<\/p>\n<p>Rein vom Drehbuch her betrachtet ist die Szene richtig und wichtig. Willoughbys Krebserkrankung ist ein entscheidender Plotpunkt f\u00fcr das gesamte Drama und die Entwicklung aller Charaktere. Aber McDonagh bekommt die Inszenierung nicht hin, obwohl ihm f\u00fcr diese Szene mit Frances McDormand und Woody Harrelson zwei tadellose Schauspieler zur Verf\u00fcgung stehen.<\/p>\n<p>Wenn ich diese Probleme jedoch beiseite schiebe, dann kann ich <b>Three Billboards Outside Ebbing, Missouri<\/b> nicht wirklich etwas vorwerfen. Die schauspielerische Leistung aller Beteiligten ist gro\u00dfartig (Abbie Cornishs umstrittene Akzententwicklung als Willoughbys Frau ausgenommen). Sam Rockwell wird definitiv einen Oscar f\u00fcr seine Rolle als Dixon gewinnen und McDormand hat ebenfalls extrem gute Chancen, gleichwohl sie eine st\u00e4rkere Konkurrenz zu bek\u00e4mpfen hat. Doch beide liefern Karrierebestleistungen ab und sorgen daf\u00fcr, dass ihre Charaktere jenseits des Schwarz-Wei\u00df-Denkens funktionieren.<\/p>\n<p>Wird es f\u00fcr \u201eBest Picture\u201c reichen? Die fehlende Regie-Nominierung sollte alle Beteiligten von <b>Three Billboards Outside Ebbing, Missouri<\/b> zu denken geben. Klar: <b>Argo<\/b> hat es auch geschafft \u2013 aber da glich Ben Afflecks Nicht-Nominierung als Affront. Er hat schlie\u00dflich auch jeden anderen Preis gewonnen. McDonagh hingegen nur als Autor und keinen als Regisseur.<\/p>\n<p>Es gibt zwei Gr\u00fcnde, weshalb es trotzdem klappen k\u00f6nnte: Die Academy hat sich in der Tat in den letzten zehn Jahren ver\u00e4ndert. Sie vereint viel h\u00e4ufiger Best Picture mit Best Writing anstatt mit Best Directing. Zudem spricht die Konkurrenz daf\u00fcr, denn keiner der anderen Kandidaten schreit nach einer Favoritenrolle. <b>The Shape of Water<\/b> und <b>Get Out<\/b> sind Genre-Filme. <b>Lady Bird<\/b> ist zu Indie. <b>Phantom Thread<\/b> ist zu sp\u00e4t ins Rennen eingestiegen. Und <b>Dunkirk<\/b> fehlt es an grandiosen Schauspielern.<\/p>\n<p>Es gibt allerdings auch einen Grund, der dagegen spricht und womit ich zu meinem einleitenden Absatz zur\u00fcckkehre: Der Film spaltet die Gem\u00fcter, weil ihn eben nicht jeder so versteht, wie er verstanden werden will. Das ist in einer Zeit, in der Best Picture durch das pr\u00e4ferenzielle Wahlsystem bestimmt wird, ung\u00fcnstig. Fragt <b>La La Land<\/b>, fragt <b>The Revenant<\/b>. Es k\u00f6nnte n\u00e4mlich auch ein Grund sein, warum Regie und Film in den letzten Jahren so auseinander gedriftet sind.<\/p>\n<p>Meine Bef\u00fcrchtung: <b>Three Billboards Outside Ebbing, Missouri<\/b> gewinnt und die Academy wird als rassistisch betituliert. Das hat weder die Institution noch der Film verdient. Und dabei ist er beileibe nicht mein Favorit f\u00fcr den <b>Best-Picture<\/b>-Oscar: Aber ich k\u00f6nnte damit leben, weil es unterm Strich eine gute Wahl w\u00e4re.<br \/>\n<iframe loading=\"lazy\"  id=\"_ytid_60169\"  width=\"576\" height=\"324\"  data-origwidth=\"576\" data-origheight=\"324\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/Jit3YhGx5pU?enablejsapi=1&#038;autoplay=0&#038;cc_load_policy=0&#038;cc_lang_pref=&#038;iv_load_policy=1&#038;loop=0&#038;rel=1&#038;fs=1&#038;playsinline=0&#038;autohide=2&#038;theme=dark&#038;color=red&#038;controls=1&#038;disablekb=0&#038;\" class=\"__youtube_prefs__  epyt-is-override  no-lazyload\" title=\"YouTube player\"  allow=\"fullscreen; accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen data-no-lazy=\"1\" data-skipgform_ajax_framebjll=\"\"><\/iframe><br \/>\n<b style=\"line-height: 1.5;\"><i> Oscar-Nominierungen: Bester Film, Bestes Drehbuch, Beste Hauptdarstellerin (Frances McDormand), Bester Nebendarsteller (Sam Rockwell), Bester Nebendarsteller (Woody Harrelson), Bester Schnitt, Beste Musik<\/i><\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Amerika ist gespalten. 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