{"id":6337,"date":"2018-02-13T23:06:03","date_gmt":"2018-02-13T21:06:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.theawardian.de\/?p=6337"},"modified":"2021-07-12T23:56:10","modified_gmt":"2021-07-12T21:56:10","slug":"lady-bird","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=6337","title":{"rendered":"Lady Bird"},"content":{"rendered":"<p>Und wenn einem Indie-Regisseur nichts besseres einf\u00e4llt, dann macht er einen Coming-of-Age-Film. Was gibt es schon einfacheres und zugleich pers\u00f6nlicheres, als sein eigenes Leben zu verfilmen? Das Problem an der Idee ist der Trugschluss, dass das eigene Schicksal komprimiert auf unter zwei Stunden interessant sein k\u00f6nnte. Deshalb sind solche Werke auch nicht f\u00fcr jedermann geeignet. Es braucht schon ein sehr besonderes Talent, um mit solch einem generischen Konzept einen wirklich beeindruckend Film zu schaffen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Lady Bird ist ein klassisch-rebellisches Teenager-M\u00e4dchen, das zu Beginn der Jahrtausendwende vor ihrem High-School-Abschluss steht. Ihren geb\u00fcrtigen Namen Christine lehnt sie genauso ab wie die Wertevorstellung ihrer Mutter Marion. Diese sieht n\u00e4mlich die W\u00fcnsche ihrer Tochter, nach der Schule wegzuziehen und ein kostspieliges College zu besuchen, mit viel Argwohn und erinnert sie lieber Tagein, Tagaus an die finanzielle Situation ihrer Familie. Die meisten Streitereien entstehen durch eine extrem unterschiedliche Auffassungsgabe, welcher Weg f\u00fcr Lady Bird der richtige sei. Vater Larry wiederum w\u00fcrde gerne mehr f\u00fcr seine Tochter machen und ihr unter die Arme greifen, ist aber sichtlich kraftlos aufgrund seiner eigenen Sorgen.<\/p>\n<p>Die letzten Monate ihres High-School-Lebens verbringt Lady Bird abseits der Schule mit ihrer leicht pummelig-sch\u00fcchternen Freundin Julie und ihrem zunehmenden Interesse f\u00fcr Jungs. Im Laufe der Geschichte f\u00fchrt sie zun\u00e4chst mit dem erzkonservativ erzogenen Danny und sp\u00e4ter dem eher alterntiv-leichtlebigen Kyle eine Beziehung, die jeweils aus v\u00f6llig unterschiedlichen Gr\u00fcnden zu Bruch gehen. Gepr\u00e4gt von den Stolpersteinen des Lebens, sucht Lady Bird nach ihrem eigenen Weg und lernt zunehmend, dass nicht immer alles so ist wie es auf den ersten Blick erscheint.<\/p>\n<p>So weit, so langweilig: Wer nach dieser Zusammenfassung ein ernsthaftes Interesse an dem Film <b>Lady Bird<\/b> hat, der ist ein Indie-Liebhaber durch und durch. Den gesamten Plot gibt es schon in hundertfacher Form und am Ende wartet auch keine originelle \u00dcberraschung auf den Zuschauer. Die Geschichte verl\u00e4uft ziemlich genau so, wie man sich das von so einem Film wie <b>Lady Bird<\/b> vorstellt.<\/p>\n<p>Und nachdem das klar gestellt wurde, kommt nun der schwere Part meiner Kritik: Zu erkl\u00e4ren warum dieser Film ein Meisterwerk ist.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst einmal passt alles. Regisseurin Greta Gerwig, die ihr eigene Jugenderfahrung mit ihrer Mutter als Grundger\u00fcst f\u00fcr ihr Drehbuch genommen hat, zeigt genau die richtigen Szenen vor der richtigen Kulisse und mit den richtigen Darstellern. Wenn etwas st\u00f6rend herausragt, dann vielleicht der eine oder andere sprunghafte Schnitt. Aber ansonsten konzentriert sich Gerwig auf das N\u00f6tigste und lenkt uns mit keinerlei Schnickschnack ab. Musik, Kulisse und Kamera sind damit genauso bodenst\u00e4ndig wie erfolgreich.<\/p>\n<p>Der Film <b>Lady Bird<\/b> wirkt sehr authentisch, was f\u00fcr einen Indie-Film zun\u00e4chst nichts ungew\u00f6hnliches ist. Jedoch addiert sich diese Nat\u00fcrlichkeit genau in den richtigen Ecken mit einem bemerkenswerten Perfektionismus. Dieser hat zwei Namen: Saoirse Ronan als Lady<br \/>\nBird und Laurie Metcalf als deren Mutter.<\/p>\n<p>Die beiden sind schon jeweils f\u00fcr sich betrachtet ein echter Genuss, weil sie ihre Rollen derart lebensnah gestalten. Doch wenn die beiden miteinander oder besser gesagt gegeneinander agieren, dann gibt es kein halten mehr. \u00c4hnlich wie Emma Stone im Jahr zuvor in <b>La La Land<\/b> bewirken sie mit simplen Gestiken und leichten Stimmver\u00e4nderungen Gro\u00dfartiges. Unterm Strich empfinde ich Ronan als etwas runder und stimmiger im Gesamtkontext, w\u00e4hrend Metcalf eher aufgrund einzelner Highlights hervor sticht. Beide sind in jedem Fall Oscar-w\u00fcrdig.<\/p>\n<p>Je l\u00e4nger der Film voranschreitet, desto mehr zeigt Greta Gerwig ihr Talent als Autorin und Regisseurin. Man sp\u00fcrt regelrecht, wie sie im Laufe von gerade mal 90 Minuten dazulernt und am Ende eine starke Inszenierung nach der anderen ausspielt. Sie nimmt allt\u00e4gliche Klischees und macht sie zu etwas Besonderem. Erneut ist dies nur deshalb m\u00f6glich, weil Gerwig niemals \u00fcber- oder untertreibt. Kein Wort ist zu viel und keine Szene zu kurz. Der ganze Film liegt durchweg auf genau der richtigen Wellenl\u00e4nge.<\/p>\n<p>Gerwigs Regie ist gut vergleichbar mit der von Jason Reitman f\u00fcr <b>Juno<\/b> oder Robert Bentons <b>Kramer gegen Kramer<\/b>: Eigentlich m\u00f6chte man meinen, dass solche Filme nicht schwer zu stemmen sind. Aber wenn man sich \u00e4hnlich konzipierte Werke anschaut, dann sp\u00fcrt man: Gerade bei den einfachen Geschichten ist es so leicht etwas falsch zu machen. Doch genau wie Reitman vor gut zehn Jahren oder Benton anno 1979, macht Gerwig einfach nichts falsch.<\/p>\n<p>Ebenfalls interessant: <b>Lady Bird<\/b> ist weder Drama noch Kom\u00f6die, weil es Gerwig gar nicht um diese Art von Klassifizierung geht. Drehbuch und Regie sind mal ernst und mal lustig, je nachdem wenn es die Geschichte verlangt. Das wiederum vermittelt das Gef\u00fchl der Ehrlichkeit \u2013 etwas, was in Hollywood eigentlich gar nicht existieren darf.<\/p>\n<p>Das ist wohl auch der Grund, warum der Film laut Rottentomatoes nur zwei schlechte Kritiken (von \u00fcber zweihundert!) eingesteckt hat: Man kann <b>Lady Bird<\/b> nichts vorwerfen, au\u00dfer vielleicht, dass der Plot im Grunde nichts Neues zeigt. Aber das wird durch die beschriebene Ehrlichkeit ausgeglichen, die den Film zu einem der Glaubw\u00fcrdigsten seiner Art macht. Und weil Gerwig es dar\u00fcber hinaus schafft, dass wir uns f\u00fcr ihre aus ihrem eigenen Leben inspirierten Geschichten interessieren, steht am Ende ein Meisterwerk auf der Leinwand.<br \/>\n<iframe loading=\"lazy\"  id=\"_ytid_22795\"  width=\"576\" height=\"324\"  data-origwidth=\"576\" data-origheight=\"324\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/cNi_HC839Wo?enablejsapi=1&#038;autoplay=0&#038;cc_load_policy=0&#038;cc_lang_pref=&#038;iv_load_policy=1&#038;loop=0&#038;rel=1&#038;fs=1&#038;playsinline=0&#038;autohide=2&#038;theme=dark&#038;color=red&#038;controls=1&#038;disablekb=0&#038;\" class=\"__youtube_prefs__  epyt-is-override  no-lazyload\" title=\"YouTube player\"  allow=\"fullscreen; accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen data-no-lazy=\"1\" data-skipgform_ajax_framebjll=\"\"><\/iframe><br \/>\n<i>Anmerkung: Der Film ist ab heute im amerikanische Itunes-Store erh\u00e4ltlich und ab dem 6. M\u00e4rz auf DVD (ebenfalls in den USA). Allerdings ist der deutsche Kinostart erst am 19.April.<\/i><\/p>\n<p><b style=\"line-height: 1.5;\"><i> Oscar-Nominierungen: Bester Film, Beste Regie, Bestes Drehbuch, Beste Hauptdarstellerin (Saoirse Ronan), Beste Nebendarstellerin (Laurie Metcalf).<\/i><\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Und wenn einem Indie-Regisseur nichts besseres einf\u00e4llt, dann macht er einen Coming-of-Age-Film. Was gibt es schon einfacheres und zugleich pers\u00f6nlicheres, als sein eigenes Leben zu verfilmen? Das Problem an der Idee ist der Trugschluss, dass das eigene Schicksal komprimiert auf unter zwei Stunden interessant sein k\u00f6nnte. Deshalb sind solche Werke auch nicht f\u00fcr jedermann geeignet. 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