{"id":6327,"date":"2018-02-08T19:04:15","date_gmt":"2018-02-08T17:04:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.theawardian.de\/?p=6327"},"modified":"2021-07-12T23:56:05","modified_gmt":"2021-07-12T21:56:05","slug":"phantom-thread","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=6327","title":{"rendered":"Phantom Thread (Der seidene Faden)"},"content":{"rendered":"<p>Paul Thomas Anderson geh\u00f6rte f\u00fcr mich zu den \u201eUnantastbaren\u201c. <b>Boogie Nights, Magnolia, Punch-Drunk-Love<\/b> und <b>There Will Be Blood<\/b> geh\u00f6ren meines Erachtens zu den besten Filmes ihres jeweiligen Jahrgangs. Diese Serie riss jedoch brutalst mit <b>The Master<\/b> sowie <b>Inherent Vice<\/b> \u2013 zwei pers\u00f6nliche Entt\u00e4uschungen, mit denen ich kaum etwas anfangen konnte. Weder thematisch noch von der Inszenierung her sah ich das Besondere oder das Interessante. In beiden Filmen suchte ich verzweifelt den Paul Thomas Anderson, der f\u00fcr mich als unfehlbar galt.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Wir befinden uns in dern 1950er Jahren: Reynolds Woodcock ist ein renommierter Modedesigner und entwirft f\u00fcr die High Society allerlei Kleider f\u00fcr besondere Festlichkeiten, (beispielsweise Hochzeiten). Seine Arbeit gelingt ihm vor allem aufgrund seines Perfektionismusses und seines akribisch geplanten Tagesrhythmus, weshalb er sogar diverse K\u00f6nigsh\u00e4user bedient.<\/p>\n<p>Reynolds ist unverheiratet und f\u00fchrt lieber kurz anhaltende Beziehungen mit j\u00fcngeren Frauen. In einem Restaurant lernt er die Kellnerin Alma kennen, die nicht mal halb so alt ist wie er. Bereits bei der ersten Begegnung entsteht ein beiderseitiges Interesse, weshalb sie sich zu einem Date verabreden. Danach dauert es nicht lange, bis Alma in Reynolds Haus einzieht und ihm bei der Arbeit hilft.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Reynolds Gef\u00fchlswelt gerade zu Beginn des Filmes schwer zu durchschauen ist, gleicht Alma einem offenen Buch. Sie l\u00e4sst sich von seiner Art wieder und wieder g\u00e4ngeln und nimmt auch den Einfluss seiner dominanten Schwster Cyril in Kauf, die noch mehr auf den glatt geb\u00fcgelten Vorgang der Arbeit fixiert zu sein scheint wie er. Erst mit der Zeit versucht Alma sich zu entfalten und Reynolds aus seinem starren Lebensmuster herauszuziehen.<\/p>\n<p>Bis zu diesem Zeitpunkt f\u00fchlt sich Paul Thomas Andersons neuester Film <b>Der seidene Faden<\/b> (auf Englisch <b>Phantom Thread<\/b>) wie ein konventionelles Kost\u00fcm- und Liebesdrama an. Da ist auf der einen Seite der alte, versierte und seinen Pflichten verschriebene Reynolds und auf der anderen Seite die junge, unerfahrene und leicht manipulierbare Alma. Doch ab einem ganz bestimmten Zeitpunkt kippt das Verh\u00e4ltnis und Anderson driftet seinen Film in eine ganz andere Richtung. Und auch diese ist letztlich eine Finte, denn das Ende wird vermutlich sehr viele \u00fcberraschen. Vielleicht weniger von dem, was passiert, als der moralitsche Tonfall, der einem mitgegeben wird.<\/p>\n<p>Was mir ebenfalls sehr stark auff\u00e4llt: W\u00e4hrend zu Beginn ganz klar Reynolds die zentrale Figur des Filmes verk\u00f6rpert, driftet der Fokus immer mehr in Richtung Alma. Hier zeigt sich Andersons gro\u00dfes Talent, der seine Filme regelrecht flie\u00dfend konzipiert sowie umsetzt. Trotz diverser Zeitspr\u00fcnge wirkt nichts hektisch oder gar gesprungen. Alles entwickelt sich vollkommen nat\u00fcrlich, wobei ihm die st\u00e4ndig im Hintergrund klimpernde und zurecht f\u00fcr einen Oscar nominierte Klaviermusik von Jonny Greenwood hilft.<\/p>\n<p>Des Weiteren schafft Anderson eine tolle Atmosph\u00e4re, gleichwohl mich diese eher an die 1930er anstatt 1950er Jahre erinnert. Die gedeckten Farben, das selbst f\u00fcr einen Modedesigner eher karg eingerichtete Haus und die wenigen Landschaftsaufnahmen sind weniger bombastisch und daf\u00fcr sehr stilvoll. Zu den Ausnahmen geh\u00f6ren diverse Feierlichkeiten, in denen Reynolds und Alma ihrer reichen Kundschaft beiwohnen \u2013 und dessen Prunk auch bewusst einen Kontrast zu den Hauptcharakteren sein soll. Sie wirken deshalb viel zufriedener und ausgeglichener mit ihrem Leben, trotz einiger zum Teil sehr fragw\u00fcrdigen Eigenheiten und den unvermeidlichen Konflikten, die den Film interessant halten.<\/p>\n<p>Paul Thomas Anderson gelingt somit eine meisterhafte Gratwanderung: Auf der einen Seite sehen wir Verhalten und Taten, die wir uns von unseren engsten Freunden und Verwandten nie und nimmer w\u00fcnschen m\u00f6chten. Auf der anderen Seite hoffen wir das beste f\u00fcr Reynolds, Alma und auch Cyril. Wir m\u00f6chten, dass sich die drei mit dem gut f\u00fchlen, was sie tun und wie sie miteinander leben.<\/p>\n<p>Ein wesentlicher Punkt f\u00fcr den Erfolg des Filmes sind die Schauspieler, allen voran Daniel Day-Lewis als Reynolds Woodcock. Nur er ist in der Lage einen so schwierigen Charakter mit all seinen Facetten so perfekt zu machen. Vicky Krieps als Alma gefiel mir zun\u00e4chst \u00fcberhaupt nicht und war mir einfach zu bieder. Erst im Laufe der Geschichte stellt man fest: Das ist so gewollt und wichtig f\u00fcr die Entwicklung ihrer Figur. Und Lesley Manville als Cyril ist ein hervorragender Sidekick, mit der Betonung auf \u201eKick\u201c. Ihre Darstellung ist weniger nuanciert und daf\u00fcr stets im richtigen Moment genau der Stich von der Seite, den die Geschichte ben\u00f6tigt. Bei ihr hat es mich am meisten \u00fcberrascht, dass sie am Ende keine typische Antagonistenrolle einnimmt \u2013 was n\u00e4mlich so gut wie jeder andere Regisseur gemacht h\u00e4tte.<\/p>\n<p><b>Phantom Thread<\/b> war die gro\u00dfe \u00dcberraschung bei der Bekanntgabe der Oscar-Nominierungen. Viele hatten eine Erw\u00e4hnung f\u00fcr die Kost\u00fcme und f\u00fcr Daniel Day-Lewis erwartet, der angeblich nun in den Ruhestand geht. Fans von Greenwood hofften auf seine erste Nominierung f\u00fcr die Filmmusik. Wenige Tage zuvor mutma\u00dfte der eine oder andere Experte, dass Lesley Manville in der Kategorie f\u00fcr die beste Nebendarstellerin Einzug finden k\u00f6nnte. Aber das am Ende eine Nominierung f\u00fcr den besten Film und sogar f\u00fcr die beste Regieleistung herausspringt \u2013 damit hatte so gut wie niemand gerechnet.<\/p>\n<p>In der Tat ist es erst Andersons zweiter Film, der in den beiden h\u00f6chsten Kategorien honoriert werden k\u00f6nnte. Daf\u00fcr ist er ausgerechnet in seiner Paradedisziplin, n\u00e4mlich f\u00fcr sein Drehbuch, nicht dabei. Jedoch ist diese Kategorie in diesem Jahr extrem vollgepackt \u2013 und es ist wie gesagt ein Wunder, dass Anderson einen der hoch gehandelten Regisseure (Martin McDonagh f\u00fcr Three Billboards Outside Ebbing, Missouri) rausgekickt hat.<\/p>\n<p>Noch habe ich nicht alle nominierten Filme gesehen, weshalb ich nicht wirklich von verdient oder unverdient reden kann. Aber f\u00fcr sich betrachtet geht das Oscar-Ergebnis vollkommen in Ordnung. <b>Phantom Thread<\/b> ist auf den ersten Blick ein sehr gew\u00f6hnlicher Film mit einer auf dem Papier eher uninteressanten Handlung, der durch seine hervorragend durchdachte Inszenierung funktioniert und am Ende sogar regelrecht \u00fcberrascht.<\/p>\n<p>Anders ausgedr\u00fcckt: Ich habe meinen Paul Thomas Anderson wieder!<br \/>\n<iframe loading=\"lazy\"  id=\"_ytid_66031\"  width=\"576\" height=\"324\"  data-origwidth=\"576\" data-origheight=\"324\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/xNsiQMeSvMk?enablejsapi=1&#038;autoplay=0&#038;cc_load_policy=0&#038;cc_lang_pref=&#038;iv_load_policy=1&#038;loop=0&#038;rel=1&#038;fs=1&#038;playsinline=0&#038;autohide=2&#038;theme=dark&#038;color=red&#038;controls=1&#038;disablekb=0&#038;\" class=\"__youtube_prefs__  epyt-is-override  no-lazyload\" title=\"YouTube player\"  allow=\"fullscreen; accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen data-no-lazy=\"1\" data-skipgform_ajax_framebjll=\"\"><\/iframe><br \/>\n<b style=\"line-height: 1.5;\"><i> Oscar-Nominierungen: Bester Film, Beste Regie, Bester Hauptdarsteller (Daniel Day-Lewis), Beste Nebendarstellerin (Lesley Manville), Beste Kost\u00fcme, Beste Musik.<\/i><\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Paul Thomas Anderson geh\u00f6rte f\u00fcr mich zu den \u201eUnantastbaren\u201c. 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