{"id":593,"date":"2014-07-31T06:08:36","date_gmt":"2014-07-31T04:08:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.theawardian.de\/?p=593"},"modified":"2021-07-12T23:24:44","modified_gmt":"2021-07-12T21:24:44","slug":"boyhood","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=593","title":{"rendered":"Boyhood"},"content":{"rendered":"<p>Ich hatte wahrlich keine normale Kindheit, weshalb ich manchmal das Gef\u00fchl habe, gar nichts vom Leben zu wissen. Vielleicht geht es auch allen anderen so, nur dass es kaum jemand zugeben m\u00f6chte. Doch jedes Mal, wenn ich die Kindheitsgeschichten anderer h\u00f6re, werde ich wehm\u00fctig. Weil mich das Gef\u00fchl beschleicht, etwas verpasst zu haben.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nRichard Linklater plant weit voraus. Bereits in seiner <b>Before Sunrise\/Sunset\/Midnight<\/b>-Trilogie bewies der Regisseur ungeheuer viel Geduld und ein Fingerspitzengef\u00fchl f\u00fcr glaubw\u00fcrdige Charakterentwicklung. So erz\u00e4hlt er die Geschichte eines Mannes und einer Frau, die sich treffen, lieben lernen und am Ende verheiratet sind. Das Besondere daran? Die Filme entstanden in einem Abstand von jeweils 9 (!) Jahren. Der Effekt, die altbekannten Gesichter nach so einem langen Zeitraum gereifter, erwachsener und gezeichneter zu sehen, wirkte von mal zu mal faszinierender.<\/p>\n<p>Linklaters neuestes Projekt <b>Boyhood<\/b> war lange Zeit nur absoluten Filmfreaks ein Begriff. Vor exakt zw\u00f6lf Jahren kam der Mann auf eine wahnwitzige Idee: Er castete einen sechsj\u00e4hrigen Jungen (Ellar Coltrane), suchte sich eine passende Filmmutter (Patricia Arquette) sowie einen Filmvater (Ethan Hawke) und addierte zus\u00e4tzlich eine etwas \u00e4ltere Schwester (seine Tochter Lorelei Linklater, die auf eigenes Dr\u00e4ngen im Film mitwirken wollte). Die f\u00fcnf trafen sich jedes Jahr f\u00fcr ein paar Drehtage und konzentrierten sich darauf, die stetige Entwicklung des Jungen festzuhalten. Das Ergebnis ist ein fast dreist\u00fcndiges Meisterwerk, das derzeit alle Rekorde auf Metacritic &amp; Co. sprengt.<\/p>\n<p>Auch ich fand die Idee auf Anhieb ambitioniert wie faszinierend, fragte mich aber gleichzeitig: Ist das wirklich den Aufwand wert? Muss man wirklich einen Jungen quasi in \u201cEchtzeit\u201c zum Mann heranwachsen sehen? H\u00e4tte es eine konventionelle Technik mit einer handvoll unterschiedlicher Schauspieler, z.B. verschieden alter Br\u00fcder, nicht gereicht? Die Antwort, nachdem ich <b>Boyhood<\/b> gesehen habe, lautet eindeutig: Nein, h\u00e4tte es nicht.<\/p>\n<p>Es ist nicht nur Mason, der von Jahr zu Jahr w\u00e4chst, seine Frisur ver\u00e4ndert oder in Stimmbruch ger\u00e4t. Sein ganzes Umfeld hinterl\u00e4sst eine Zeitkapsel, als ob sie alle zw\u00f6lf Monate ein paar Schnappsch\u00fcsse aufgenommen habe. Am Anfang schimpft der Vater noch \u00fcber Bush, sp\u00e4ter stellt er mit seinen Kindern Obama\/Biden-Plakate auf. Der Junge besucht eine Harry-Potter-Themenparty, spielt mit den immer neusten Videospielkonsolen und macht gegen Ende Witze \u00fcber die NSA. Die Schwester, die Mutter und der Vater werden sichtlich \u00e4lter, ohne das st\u00f6rend-k\u00fcnstliches Makeup zum Einsatz kommen musste. Es ist alles so unheimlich nat\u00fcrlich, weil wir so etwas von anderen Filmen schlicht nicht gewohnt sind. Man muss sich das nur vor Augen halten: Selbst ein Gro\u00dfteil der langlebigsten TV-Serien umspannen einen k\u00fcrzen Zeitrahmen!<\/p>\n<p>Urspr\u00fcnglich wollte Linklater den Film 12 Years nennen, jedoch entschied er sich aufgrund der potenziellen Verwechslungsgefahr mit dem Oscar pr\u00e4mierten <b>12 Years a Slave<\/b> dagegen. Was auch gut so ist, denn <b>Boyhood<\/b> ist so oder so der viel bessere Titel. Masons Leben wird in solch einer Dichte beschrieben, man meint nach dem Abspann die zw\u00f6lf Jahre im Gesamten zu kennen. Wir sehen eigentlich einen ganz normalen Jungen, der zum Teenager heranw\u00e4chst und schlussendlich als junger, eigenst\u00e4ndiger Mann gereift ist. Geht es am Anfang noch um seine Umwelt und wie er sie wahrnimmt, steuert der Film immer mehr auf sein eigenes Handeln und sein eigentliches Leben hin. Sp\u00e4testens, wenn ihr ihn zum ersten Mal mit sechzehn Jahren Auto fahren seht, erinnert ihr euch unweigerlich zur\u00fcck: \u201cVerdammt&#8230; das war doch eben noch der kleine Junge, der Gedankenverloren auf der Wiese lag und ohne Sorgen den Wolkenhimmel betrachtete.\u201c<\/p>\n<p>Jeder kennt den Spruch \u201cSie werden so schnell erwachsen.\u201c: Linklater gibt dieses Gef\u00fchl jedem Zuschauer zu sp\u00fcren, egal ob er eigene Kinder hat oder nicht. Des Weiteren macht er Mason zu etwas Besonderem, obwohl er im Grunde genommen ein Junge unter Vielen ist. Innerhalb von drei Stunden vermittelt er mir im Ansatz das Gef\u00fchl, wie es w\u00e4re, selbst Vater zu sein und warum die eigenen Kinder IMMER etwas besonderes sind.<\/p>\n<p>Die ganze Nat\u00fcrlichkeit, unter welcher der Film entstanden ist, schl\u00e4gt auf die gesamte Schauspielerriege \u00fcber. Bereits die beiden Kinder erlauben sich nicht eine Unsicherheit, nicht eine Peinlichkeit, nicht eine Ungereimtheit. Doch Ethan Hawke und insbesondere Patricia Arquette legen die Performance ihrer Karrieren auf die Leinwand. Beide gehen ihre Aufgaben als Elternteile v\u00f6llig unterschiedlich an: W\u00e4hrend er speziell am Anfang der Tr\u00e4umer und Lebemann ist, der seinen Kindern sowohl den Spa\u00df am Leben als auch die Gefahren diese Welt zeigt, wird sie in die Rolle der strengen Mutter gezw\u00e4ngt, die regelm\u00e4\u00dfig auf den Tisch hauen muss. Ihr Charakter ist der Tragischste, weil sie einerseits alles daf\u00fcr tut, dass ihre Kinder beh\u00fctet und versorgt sind, und andererseits sich selbst derart vernachl\u00e4ssigt, weshalb sie ein paar f\u00fcrchterliche Fehlentscheidungen trifft.<\/p>\n<p>Was mir ebenfalls extrem gut gefiel: W\u00e4hrend anfangs Masons Schwester fast in jeder Szene pr\u00e4sent ist, taucht sie mit jedem weiteren Jahr immer seltener auf. Kein Wunder, denn der Film wird schlie\u00dflich zu 99% aus Sicht des Jungen gezeigt. Die Schwester ist zu Beginn seines Lebens ein zentraler Angelpunkt, der sich immer weiter von ihm entfernt, je eigenst\u00e4ndiger und erwachsener auch sie wird.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcsste jedenfalls zu gerne, wie weit das Drehbuch im Vorfeld feststand. In der <b>Before<\/b>-Trilogie lies Linklater viele Dialoge von seinen Darstellern improvisieren, weshalb ich hinter <b>Boyhood<\/b> eine \u00e4hnliche Agenda vermute. Doch hatte er bereits vor zw\u00f6lf Jahren die Idee im Kopf, dass Mason sich zunehmend f\u00fcr Fotografie interessieren werde? Oder entschied er sich erst im Laufe von Ellar Coltranes Entwicklung zu diesem Schritt? Und welche anderen Einfl\u00fcsse abseits einiger offensichtlicher Trends sowie politischer Ereignisse hat er im Laufe der Zeit \u00fcbernommen?<\/p>\n<p>All diese Fragen habe ich Richard Linklater zu verdanken, der einen der \u201cperfektesten\u201c Filme \u00fcberhaupt gedreht hat. Abseits des Makels, dass seine eigene Tochter weder Coltrane noch Hawke oder Arquette irgendwie \u00e4hnlich sieht, ist mir jedenfalls keine Unstimmigkeit aufgefallen. Das ist umso wahnsinniger, wenn man sich erneut die Zeitspanne vor Augen h\u00e4lt und einem all die Dinge in den Sinn kommen, die zum Scheitern des Projektes h\u00e4tten f\u00fchren k\u00f6nnen. Doch Linklaters Idee strahlte mutma\u00dflich von Beginn so viel Herz und Selbstverst\u00e4ndlichkeit aus, weshalb <b>Boyhood<\/b> einfach nicht schief gehen konnte.<\/p>\n<p>Das letzte Wort geb\u00fchrt der Musik: Jeder wei\u00df, ich bevorzuge ganz klar eigens f\u00fcr den Film komponierte Soundtracks. Bei lizensierten Songs habe ich immer das Gef\u00fchl, dass sie angetackert sind und einfach nicht passen. Doch zwei der letzten Lieder, die in <b>Boyhood<\/b> zu h\u00f6ren sind, haben mir den emotionalen Knockout verpasst: Hero von Family of the Year und Deep Blue von Arcade Fire. Der erste wird in der vielleicht wehm\u00fctigsten Szene des gesamten Filmes gespielt, der andere ert\u00f6nt gleich zu Beginn des Abspanns. Die Wirkung ist pure Magie. Und ich bin mir sicher, dass nicht die Musik den Film aufwertet \u2013 sondern genau anders herum.<\/p>\n<p>Ich hatte alles andere als eine normale Kindheit. <strong>Boyhood<\/strong> vermittelt mir wie kein Film zuvor, was ich verpasst haben k\u00f6nnte. Und es ist ein wundervolles Gef\u00fchl, all das in 160 Minuten kennengelernt zu haben.<br \/>\n<iframe loading=\"lazy\"  id=\"_ytid_87644\"  width=\"576\" height=\"324\"  data-origwidth=\"576\" data-origheight=\"324\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/Y0oX0xiwOv8?enablejsapi=1&#038;autoplay=0&#038;cc_load_policy=0&#038;cc_lang_pref=&#038;iv_load_policy=1&#038;loop=0&#038;rel=1&#038;fs=1&#038;playsinline=0&#038;autohide=2&#038;theme=dark&#038;color=red&#038;controls=1&#038;disablekb=0&#038;\" class=\"__youtube_prefs__  epyt-is-override  no-lazyload\" title=\"YouTube player\"  allow=\"fullscreen; accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen data-no-lazy=\"1\" data-skipgform_ajax_framebjll=\"\"><\/iframe><br \/>\n<b style=\"line-height: 1.5;\"><i>Alle Kritiken der Best-Picture-nominierten Filme 2014:<\/i><\/b><\/p>\n<p>&#8211; <a href=\"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=593\">Boyhood<\/a><br \/>\n&#8211; <a href=\"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=534\">The Grand Budapest Hotel<\/a><br \/>\n&#8211; <a href=\"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=883\">Die Entdeckung der Unendlichkeit<\/a><br \/>\n&#8211; <a href=\"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=910\">The Imitation Game<\/a><br \/>\n&#8211; <a href=\"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=929\">Birdman<\/a><br \/>\n&#8211; <a href=\"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=968\">Whiplash<\/a><br \/>\n&#8211; <a href=\"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=1049\">American Sniper<\/a><br \/>\n&#8211; <a href=\"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=1053\">Selma<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich hatte wahrlich keine normale Kindheit, weshalb ich manchmal das Gef\u00fchl habe, gar nichts vom Leben zu wissen. 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