{"id":541,"date":"2014-04-21T20:04:39","date_gmt":"2014-04-21T18:04:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.theawardian.de\/?p=541"},"modified":"2021-07-12T23:22:26","modified_gmt":"2021-07-12T21:22:26","slug":"her","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=541","title":{"rendered":"Her"},"content":{"rendered":"<p>In meinen Augen sind mit die besten Filme diejenigen, die auf den ersten Blick v\u00f6llig banal klingen und einen beim Ansehen trotzdem faszinieren. Filme, deren grundlegende Pr\u00e4misse abgedroschen sein mag und die aufgrund einer cleveren Regie oder eines durchdachten Drehbuches mich von Anfang bis Ende interessieren. Zu den Paradebeispielen geh\u00f6ren Robert Bentons <b>Kramer gegen Kramer<\/b> oder Robert Redfords <b>Eine ganz normale Familie<\/b>, beides gro\u00dfe Oscargewinner, denen leider ein schlechter Ruf anhaftet. Spike Jonzes <b>Her<\/b> wird vermutlich nicht das gleiche Schicksal erleiden \u2013 zum einen, weil der Film \u201cnur\u201c den Academy Award f\u00fcr das beste Drehbuch ergattert hat und zum anderen weil das Thema gezielt die derzeit herrschende IMDB-Generation ansprechen d\u00fcrfte.<\/p>\n<p><!--more-->Theodore Twombly (Joaquin Phoenix) ist ein sch\u00fcchterner, introvertierter Mann, der wie so viele in der heutigen Zeit mit seiner Einsamkeit k\u00e4mpft. Nachdem sich seine Frau Catherine von ihm getrennt hat und die Scheidung bevorsteht, w\u00fcnscht er sich einerseits eine neue Beziehung, wei\u00df aber andererseits nicht, wie und vor allem wo er eine solche finden k\u00f6nnte. Das er eigentlich mehr Gef\u00fchle besitzt, als er nach au\u00dfen hin zeigt, beweist allein sein Job: Dort schreibt er auf Auftrag \u201cpers\u00f6nliche\u201c wie \u201ceinf\u00fchlsame\u201c Briefe f\u00fcr Personen, die selbst dazu nicht imstande sind.<\/p>\n<p>Aus einer Laune heraus besorgt er sich eine K.I., die sich angeblich seinen Bed\u00fcrfnissen anpasse und sich im Laufe der Zeit von alleine weiter entwickele. Verl\u00e4uft die Installation noch etwas befremdlich, so wird Theodore kurz darauf von einer liebreizenden Frauenstimme begr\u00fc\u00dft. Ihre lockere wie eing\u00e4ngige Art sorgt sofort f\u00fcr Erstaunen und Faszination &#8211; man sp\u00fcrt richtig, wie es in Theodore spontan \u201cKlick\u201c macht.<\/p>\n<p>Die K.I. (gesprochen von Scarlett Johansson) nennt sich Samantha und evaluiert rasch zu einem unverr\u00fcckbaren Teil von Theodores Leben. Die beiden entwickeln eine immer enger werdende Freundschaft, die in aufrichtigen Liebesgef\u00fchlen gipfelt \u2013 angeblich von beider Seiten. Doch man muss kein Wahrsager sein um zu erahnen, dass das auf Dauer nicht gut gehen kann. In der Tat hatte ich genau deswegen Vorbehalte bez\u00fcglich des Filmes, weil ich mir beim besten Willen nicht vorstellen konnte, wie Spike Jonze solch einen Plot glaubw\u00fcrdig zu Ende bringen k\u00f6nnte, ohne das es f\u00fcr den Protagonisten zu einer Katastrophe f\u00fchre. Aber weil Jonze genau das geschafft hat, hat er den Oscar zurecht gewonnen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich kann ich den \u201cKniff\u201c nicht verraten, denn daf\u00fcr m\u00fcsste ich den gesamten Film spoilern. Ich kann nur andeuten, dass der Fortgang der Geschichte oftmals \u00fcberrascht und trotzdem wie selbstverst\u00e4ndlich wirkt. Das einzige, was mich im Nachhinein irritiert: Warum wurde <b>Her<\/b> von solch Awardshows wie den Golden Globes in die Comedy-Schublade gesteckt? Wirklich zum Lachen war mir nie zu Mute, daf\u00fcr philosophiert er \u00fcber eine ernstzunehmende wie traurige Zukunftspersektive, die unserer immer arbeitsw\u00fctigeren Gesellschaft droht.<\/p>\n<p>Diese Mission hat Jonze jedenfalls erf\u00fcllt: Das ich mir nach <b>Her<\/b> keine K.I. als Partner w\u00fcnsche. Der clever in Szene gesetzte \u201cHaken\u201c an solch einer Beziehung geh\u00f6rt zu den gro\u00dfen St\u00e4rken des Filmes und sollte sp\u00e4testens dann alle Bef\u00fcrworter, die bis dahin ernsthaft mit Theodore h\u00e4tten tauschen wollen, vor den Kopf sto\u00dfen. Gleichzeitig verliert sich die Geschichte in keiner irreparablen Katastrophe, sondern endet mit einem erstaunlich offenen Ende, das einen ganzen Sack voller glaubw\u00fcrdiger Perspektiven auf den Tisch legt.<\/p>\n<p>Wer jedenfalls denkt, Spike Jonze w\u00fcrde hier eine Zukunftsvision zwischen Mensch und Maschine zelebrieren wollen, der hat nicht richtig hin geschaut. Nat\u00fcrlich geht Jonze erstaunlich offen mit dem Thema um und zeigt die meiste Zeit \u00fcber einen Theodore, der wahnsinnig gl\u00fccklich mit dieser Art der Beziehung ist und daf\u00fcr eigentlich \u201cnur\u201c von seiner getrennt lebenden Frau verurteilt wird. Zudem ist die Entwicklung seitens Samantha erschreckend glaubw\u00fcrdig \u2013 ich nehme es der K.I. jedenfalls ab, dass sie in der Tat so etwas wie Gef\u00fchle versp\u00fcrt. Aber ich denke nicht, dass Jonze sich so eine Zukunft ernsthaft w\u00fcnscht. Er zeigt einfach deren M\u00f6glichkeit und entwickelt ohne moralische Zeigefinger seine Sicht der Dinge, was daraus entstehen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Ein weiterer Punkt, der mir an <b>Her<\/b> gef\u00e4llt, ist die Einzigartigkeit, die der Film ausstrahlt. Zun\u00e4chst ist es ein echtes Kunstst\u00fcck, den Plot gerade mal zehn Jahre in die Zukunft zu platzieren und mir exakt dieses Gef\u00fchl zu vermitteln \u2013 also das hier eine Zeitepoche gezeigt wird, die noch nicht da, aber in greifbarer N\u00e4he ist. Absolut fantastisch ist in dem Zusammenhang die Kulisse, die von leicht modernisierten Ikea-M\u00f6beln bis hin zu neckischen, wie technisch glaubhaft dargestellten Elektronikgadgets lebt. Nichts gegen Catherine Martins ausschweifende Bauten f\u00fcr <b>The Great Gatsby<\/b>, doch ich h\u00e4tte den Oscar f\u00fcr das beste Produktionsdesign lieber K.K. Barrett und Gene Serdena f\u00fcr diese subtile Zukunftsvision gegeben.<\/p>\n<p>Der Soundtrack, komponiert von der Indie-Rockband Arcade Fire und dem kanadischen K\u00fcnstler Owen Pallett, ist \u00e4hnlich ungew\u00f6hnlich und funktioniert genau aus diesem Grunde. Die Mischung aus ruhigen Klavierst\u00fccken und hypnotischen Synthiewellen l\u00e4sst sich noch am ehesten als eine ambiente Variante von <b>The Social Network<\/b> beschreiben, weshalb die Fans klassischer, orchestraler Filmmusik aufjaulen d\u00fcrften. Ja, das hier ist alles andere als pomp\u00f6s und klangtechnisch mit Sicherheit schlicht. Aber der Sound f\u00e4ngt die Atmosph\u00e4re perfekt ein und trifft buchst\u00e4blich den richtigen Ton.<\/p>\n<p>Joaquin Phoenix und Scarlett Johansson gehen bei all diesen St\u00e4rken etwas unter, was aber mehr an der Natur ihrer Charaktere liegt. Ersterer ist sch\u00fcchtern sowie schwer verunsichert und letztere, nun ja, eben \u201cnur\u201c die Stimme einer K.I. Diese Abstraktion ist nebenbei erw\u00e4hnt auch dringend notwendig, denn sonst w\u00fcrden wir Samantha als zu real empfinden oder im schlimmsten Falle gar nicht begreifen, dass sie eine k\u00fcnstlich erschaffene Pers\u00f6nlichkeit ist. Entsprechend wichtig ist das verbale Zusammenspiel, weshalb ich dringend dazu rate, den Film gleich auf Englisch anzusehen. Auf Deutsch geht zwangsl\u00e4ufig viel von der Magie verloren, die sich zwischen Theodore und Samantha entwickelt.<\/p>\n<p>Die einzige ernsthafte Schwachstelle, die der Film besitzt, bezieht sich auf die anfangs von mir aufgef\u00fchrte, grundlegende Problematik: Wer sich nicht auf den beschriebenen Stil und die Atmosph\u00e4re im allgemeinen einl\u00e4sst, der wird den letztlich simpel gestrickten Plot monieren und sich dar\u00fcber beschweren, dass er auf eine halbe DIN A4 Seite passt. Aber gleichzeitig verpasst er oder sie die vielen Feinheiten, die im Detail versteckt liegen \u2013 beispielsweise das Theodore selbst aufgrund seines Jobs bereits ein k\u00fcnstliches Sprachrohr f\u00fcr Gef\u00fchle und Emotionen geworden ist und damit unbewusst seine eigenen immer tiefer unter den Teppich kehrt. Entsprechend ist es kein Wunder, warum gerade er sich so leicht von Samantha faszinieren l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Und nat\u00fcrlich wird es viele geben, die <b>Her<\/b> allein aufgrund der Thematik verteufeln und darin eine Rechtfertigung f\u00fcr eine \u201cBeziehung\u201c im freundschaftlichen oder gar romantischen Sinne zwischen Menschen und Computern sehen. Aber nochmal: Das ist nicht das Anliegen von Spike Jonze. Er will nur zeigen, was vielleicht mal m\u00f6glich sein k\u00f6nnte. Ob wir uns dann darauf einlassen, sei uns \u00fcberlassen.<br \/>\n<iframe loading=\"lazy\"  id=\"_ytid_20267\"  width=\"576\" height=\"324\"  data-origwidth=\"576\" data-origheight=\"324\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/3fJd4DGjLBs?enablejsapi=1&#038;autoplay=0&#038;cc_load_policy=0&#038;cc_lang_pref=&#038;iv_load_policy=1&#038;loop=0&#038;rel=1&#038;fs=1&#038;playsinline=0&#038;autohide=2&#038;theme=dark&#038;color=red&#038;controls=1&#038;disablekb=0&#038;\" class=\"__youtube_prefs__  epyt-is-override  no-lazyload\" title=\"YouTube player\"  allow=\"fullscreen; accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen data-no-lazy=\"1\" data-skipgform_ajax_framebjll=\"\"><\/iframe><br \/>\n<b><i>Oscar-Nominierungen: Bester Film, Bestes Drehbuch (original), Beste Musik, Bester Song, Bestes Produktionsdesign.<\/i><\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In meinen Augen sind mit die besten Filme diejenigen, die auf den ersten Blick v\u00f6llig banal klingen und einen beim Ansehen trotzdem faszinieren. 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Spike Jonzes Her wird vermutlich nicht das gleiche Schicksal erleiden \u2013 zum einen, weil der Film \u201cnur\u201c den Academy Award f\u00fcr das beste Drehbuch ergattert hat und zum anderen weil das Thema gezielt die derzeit herrschende IMDB-Generation ansprechen d\u00fcrfte.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11,1,12,14],"tags":[],"class_list":["post-541","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-movie","category-allgemein","category-movie-awards","category-kritik"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theawardian.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/541","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theawardian.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theawardian.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theawardian.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theawardian.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=541"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.theawardian.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/541\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6932,"href":"https:\/\/www.theawardian.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/541\/revisions\/6932"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theawardian.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=541"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theawardian.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=541"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theawardian.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=541"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}