{"id":534,"date":"2014-03-20T08:29:19","date_gmt":"2014-03-20T06:29:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.theawardian.de\/?p=534"},"modified":"2021-07-12T23:22:18","modified_gmt":"2021-07-12T21:22:18","slug":"the-grand-budapest-hotel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=534","title":{"rendered":"The Grand Budapest Hotel"},"content":{"rendered":"<p>Es gibt einige, wenige Top-Regisseure, die kriegen scheinbar jeden Schauspieler, den sie wollen. Ganz ehrlich: Fast jeder will mal mit Martin Scorsese, Woody Allen oder Wes Anderson zusammenarbeiten.<\/p>\n<p>Moment&#8230; Wes, wer? Ja, Wes Anderson geh\u00f6rt jetzt eigentlich nicht zu den Kult-Auteuren, die der gemeine Kinog\u00e4nger kennt. Und doch w\u00e4chst sein Cast von Film zu Film derart eindrucksvoll an, dass seine Kollegen nur neidisch zuschauen k\u00f6nnen. Allein f\u00fcr <b>The Grand Budapest Hotel<\/b> versammelte er die Namen Ralph Fiennes, Edward Norton, Tilda Swinton, Harvey Keitel, Willem Dafoe, Adrian Brody, Saoirse Ronan, Jude Law, Tom Wilkinson, Jeff Goldblum, Mathieu Amalric, Owen Wilson, Jason Schwartzman, F. Murray Abraham, L\u00e9a Seydoux und nat\u00fcrlich Bill Murray, der seit <b>Rushmore<\/b> kein einziges Kinoprojekt des geb\u00fcrtigen Texaners ausgelassen hat.<\/p>\n<p><!--more-->Im Jahre 1985 liest eine junge Frau ein Buch. Der Autor schreibt \u00fcber das Grand Budapest Hotel. Der Besitzer des Hotels erz\u00e4hlte ihm siebzehn Jahre zuvor seine Geschichte. Darin f\u00e4ngt Z\u00e9ro als Lobby Boy an zu arbeiten. Unter der Obhut des Concierges genie\u00dft er einen besonderen Status. Gustaves Leidenschaft f\u00fcr \u00e4ltere Frauen f\u00fchrt zur Katastrophe. Die 84-j\u00e4hrige Madame D. wird vergiftet. Gustave erbt das Bild \u201cJ\u00fcngling mit Apfel\u201c. Dmitri fechtet das Testament an. Gustave wird als Tatverd\u00e4chtiger festgenommen. Z\u00e9ro verliebt sich in Agatha. Gustave plant aus dem Gef\u00e4ngnis auszubrechen. Zeuge Serge X. ist spurlos verschwunden. Jopling geht \u00fcber Leichen. Der Krieg bricht aus. Eine Katze fliegt aus dem Fenster. Kommt ihr noch mit?<\/p>\n<p>Es ist unm\u00f6glich eine ad\u00e4quate Synopsis \u00fcber <b>The Grand Budapest Hotel <\/b>zu schreiben, ohne den Reiz des Filmes vorwegzunehmen. Das Drehbuch steckt voller ungew\u00f6hnlicher Charaktere und unverbrauchter Details, weshalb es ein paar Kinobesuche plus DVD-Abende bedarf, um alles zu be-greifen. Allein die Erz\u00e4hlstruktur mit den drei verschiedenen Zeitebenen ist ein subtiler wie genialer Kniff, geschickt jegliche Form potenzieller Plotl\u00f6cher zu umgehen. Schlie\u00dflich ist es die Geschichte einer Geschichte einer Geschichte, die der Zuschauer zu sehen bekommt.<\/p>\n<p>Wes Andersons eigenwillige Bildkompositionen sind seit <b>The Royal Tenenbaums<\/b> sein absolutes Markenzeichen. Auf den ersten Blick muss es sch\u00f6n symmetrisch sein, mit einem Charakter ins Zentrum ger\u00fcckt und den Hintergrund voll gestopft mit ganz viel Krimskrams. Kamerafahrten beschr\u00e4nken sich auf eine Achse, meist von vorne nach hinten oder von einer Seite zur anderen. Speziell letzteres erinnert an alte Filmkunstwerken aus der fr\u00fchsten Kino\u00e4ra oder an Computerspiele aus den 80er Jahren. Kurz: In einem Wes Anderson findet ihr Einfl\u00fcsse von Kubrick bis M\u00e9li\u00e8s.<\/p>\n<p>All die lieb gewonnenen Stilmittel schrillen in <b>The Grand Budapest Hotel<\/b> bis zum Anschlag. Absichtlich emotionslos vorgetragene Dialoge sorgen gerade aufgrund ihrer bierernsten Umsetzung f\u00fcr Komik. Simpel gehaltene Kulissen spiegeln den Charme eines Puppentheaters wieder und unterstreichen, dass hier eine Geschichte erz\u00e4hlt wird. Wo andere Regisseure sich an Konventionen halten, da kostet ein Anderson \u201ctriviale Kleinigkeiten\u201c gekonnt aus und hakt essentiell wichtige Storyelemente in f\u00fcnf Sekunden ab \u2013 alles ganz bewusst und zur \u00dcberrumpelung des Zuschauers.<\/p>\n<p>Wer jetzt drei Lacher pro Minute wie bei einer Klamotte erwartet, der wird entt\u00e4uscht. Der Humor ist feinsinnig, selbst wenn er noch so platt inszeniert ist. Hinter vielen lustigen Szene steckt ein d\u00fcsterer Unterton, weshalb von Anfang an klar sein sollte, dass diese Geschichte einer Geschichte einer Geschichte nur die Karikatur der \u201cwahren\u201c Ereignisse darstellt. Untermauert wird es vom bitters\u00fc\u00dfen Ende, das nicht jedem gefallen d\u00fcrfte, aber zu den mutigsten seiner Art geh\u00f6rt \u2013 und nebenbei bemerkt wieder ganz typisch Wes Anderson ist.<\/p>\n<p>Eigentlich habe ich nichts anderes erwartet, denn bislang hat mich der Mann selten entt\u00e4uscht. Doch zwei Faktoren sind f\u00fcr meine Begriffe ausschlaggebend daf\u00fcr, dass sich Anderson mit <b>The Grand Budapest Hotel<\/b> selbst \u00fcbertroffen hat. Alexandre Desplats meisterhafte Musik schafft wie bereits in<b> Fantastic Mr. Fox<\/b> mit simplen wie flott gespielten Noten gleichzeitig Eing\u00e4ngigkeit und Bewegung. Neben Glockenspiel und Rasseln, die das Rattern eines Zuges imitieren sollen (!), kamen laut einem Interview mit dem Franzosen solch exotische Instrumente wie die Zither, das Zymbol oder ein Alphorn zum Einsatz, die vertraut und fremd zugleich klingen. Mir ist jedenfalls selten ein Soundtrack derart positiv aufgefallen, der vorrangig heiter, beschwingt und infantil stimmt. Gleichzeitig deuten die tiefen, gegen Ende immer dominanter werdenden Choralges\u00e4nge das Qu\u00e4ntchen Ernsthaftigkeit der Geschehnisse an.<\/p>\n<p>Der andere Faktor sticht sofort ins Auge: Ralph Fiennes. Ich kenne den Mann als verachtenswerten Nazi, todkranken Patienten oder durchgeknallten Berufskiller. Trotzdem brauchte es nur einen Film wie <b>The Grand Budapest Hotel<\/b>, um ihn als Tr\u00e4ger einer bizarren Kom\u00f6die zu etablieren. Er geht voll in der Rolle des pflichtbewussten sowie gleichzeitig eigensinnigen Gustave auf. Egal ob er s\u00fcffisant Gedichte zitiert, n\u00fcchtern \u00fcber seine Liebschaften berichtet, sich Gentleman-Like wegen irgendwelcher Ungereimtheiten aufregt oder wie eine Comicfigur die Beine in die Hand nimmt: Ralph Fiennes hinterl\u00e4sst eine Perfomance, als ob er schon immer der Meister der Pointen und des Timings gewesen w\u00e4re. Es spricht B\u00e4nde, das bereits Anfang M\u00e4rz Stimmen nach einer Oscar-Nominierung laut wurden und viele Cineasten von einer Karrierebestleistung philosophieren.<\/p>\n<p>Insgesamt ist das Schauspielerensemble eine Klasse f\u00fcr sich. Egal ob der oder die Versierte aus Hollywood nur f\u00fcr ein paar Szenen oder \u00fcber den gesamten Film verteilt zu sehen ist, passt sich jeder seiner Karikatur hervorragend an. Sp\u00e4testens hier kommt Andersons Talent f\u00fcr schnippische Einzeiler zum Tragen, ohne die niemals derart viele Charaktere in gerade mal 100 Minuten gepasst h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Es f\u00e4llt mir schwer, etwas Negatives zu schreiben. Wie gesagt wird nicht jedem das Ende oder \u00fcberhaupt der Stil im Allgemeinen gefallen \u2013 ich rate deshalb dringend, sich vor dem Kinobesuch den Trailer anzuschauen. Der repr\u00e4sentiert richtig gut, was einen erwartet, ohne zu viel zu verraten \u2013 eine Seltenheit, was Vorschauen anbelangt. Ansonsten kann man sich allenfalls \u00fcber die weitesgehend mangelnde Charakterentwicklung beschweren, aber auch das liegt in der Natur der Geschichte und deren karikativen Umsetzung.<\/p>\n<p>Nein, meckern gibt es heute nicht \u2013 die Brechstange bleibt im Schrank.<br \/>\n<iframe loading=\"lazy\"  id=\"_ytid_58302\"  width=\"576\" height=\"324\"  data-origwidth=\"576\" data-origheight=\"324\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/QhmnNBkS_C8?enablejsapi=1&#038;autoplay=0&#038;cc_load_policy=0&#038;cc_lang_pref=&#038;iv_load_policy=1&#038;loop=0&#038;rel=1&#038;fs=1&#038;playsinline=0&#038;autohide=2&#038;theme=dark&#038;color=red&#038;controls=1&#038;disablekb=0&#038;\" class=\"__youtube_prefs__  epyt-is-override  no-lazyload\" title=\"YouTube player\"  allow=\"fullscreen; accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen data-no-lazy=\"1\" data-skipgform_ajax_framebjll=\"\"><\/iframe><br \/>\n<b style=\"line-height: 1.5;\"><i>Alle Kritiken der Best-Picture-nominierten Filme 2014:<\/i><\/b><\/p>\n<p>&#8211; <a href=\"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=593\">Boyhood<\/a><br \/>\n&#8211; <a href=\"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=534\">The Grand Budapest Hotel<\/a><br \/>\n&#8211; <a href=\"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=883\">Die Entdeckung der Unendlichkeit<\/a><br \/>\n&#8211; <a href=\"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=910\">The Imitation Game<\/a><br \/>\n&#8211; <a href=\"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=929\">Birdman<\/a><br \/>\n&#8211; <a href=\"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=968\">Whiplash<\/a><br \/>\n&#8211; <a href=\"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=1049\">American Sniper<\/a><br \/>\n&#8211; <a href=\"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=1053\">Selma<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt einige, wenige Top-Regisseure, die kriegen scheinbar jeden Schauspieler, den sie wollen. 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