{"id":5043,"date":"2016-02-03T14:25:38","date_gmt":"2016-02-03T13:25:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.theawardian.de\/?p=5043"},"modified":"2021-07-12T23:40:04","modified_gmt":"2021-07-12T21:40:04","slug":"brooklyn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=5043","title":{"rendered":"Brooklyn"},"content":{"rendered":"<p>Wir leben im Zeitalter des Internets, wo theoretisch jeder jeden kennen lernen kann. Und doch ist es f\u00fcr unsichere Singles schwieriger als je zuvor einen Partner zu finden. Es stellt sich die Frage: Gab es fr\u00fcher zu viele gesellschaftliche Zw\u00e4nge, aus denen man schlecht entfliehen konnte, oder heute zu viele M\u00f6glichkeiten, zwischen denen man sich nicht entscheiden mag?<\/p>\n<p><!--more-->Ellis Lacey (gespielt von Saoirse Ronan) wandert im Jahre 1952 nach Amerika aus. Als geb\u00fcrtige Irin l\u00e4sst sie ihre Mutter und ihre Schwester zur\u00fcck, die ihr in \u00dcbersee ein besseres Leben w\u00fcnschen.<\/p>\n<p>Trotz nat\u00fcrlicher Sch\u00f6nheit gepr\u00e4gt und mit freundlicher Demut aufgewachsen, wirkt sie zun\u00e4chst v\u00f6llig verloren. In ihrer Heimat wurde sie noch b\u00f6se von ihrer Arbeitgeberin schikaniert, der es sichtlich Spa\u00df macht andere Menschen verbal zu verletzen und blo\u00df zu stellen. Auf der \u00dcberfahrt ger\u00e4t ihr Schiff in einen heftigen Sturm und in Brooklyn angekommen erweist sich ihre Sch\u00fcchternheit als Charakterschw\u00e4che. Allen voran leidet Ellis unter Heimweh, weshalb sie den ersten Brief ihrer Schwester emotional kaum ertragen kann.<\/p>\n<p>Doch nach und nach macht sich Ellis einen Namen und findet ihren Platz in Amerika. Sie f\u00e4ngt an zu studieren, wird zum Lieblingsm\u00e4dchen ihrer Vermieterin und lernt auf einer Tanzveranstaltung Tony kennen. Der Italiener ist sichtlich an ihr interessiert und gibt sich alle M\u00fche, ihr auf charmante Weise den Hof zu machen. Alles scheint auf ein gutes Leben hinzudeuten, bis Ellis von zuhause eine Hiobsbotschaft erh\u00e4lt, die sie mehr oder weniger zur R\u00fcckkehr zwingt. Die Frage ist letztlich, f\u00fcr wie lange&#8230;<\/p>\n<p>Seit der Erweiterung des Best-Picture-Nominierungsfeldes gibt es stets einen Kandidaten, bei dem sich der veramerikanisierte Kinogeher denkt: \u201eWirklich? Dieser Film!? Best Picture?!?\u201c Nach <b>Philomena<\/b>, <b>Amour<\/b> oder <b>Die Entdeckung der Unendlichkeit<\/b> (die im \u00fcbrigen allesamt europ\u00e4ischen Ursprungs sind) trifft dieses Urteil nun John Crowleys <b>Brooklyn<\/b> &#8211; und es k\u00f6nnte unfairer kaum sein.<\/p>\n<p>Jemand hat einmal \u00fcber <b>No Country for Old Men<\/b> gesagt, dass solche Filme eigentlich nicht mehr gemacht werden. Ich m\u00f6chte dieses Zitat f\u00fcr <b>Brooklyn<\/b> \u00fcbernehmen: Eine solch gut erz\u00e4hlte und vor allem ehrlich gemeinte Liebesgeschichte habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Gleichzeitig verzichtet sie auf unn\u00f6tigen Kitsch und lockert die Rahmenhandlung mit einer gut geschriebenen Portion Humor auf.<\/p>\n<p>Die Entwicklung von Ellis ist beispielhaft und in Anbetracht der K\u00fcrze des Filmes, der unter der zwei Stunden Grenzen bleibt, ein kleines Meisterwerk. Nat\u00fcrlich werden viele Kritiker ankreiden, dass ihr Charakter \u201ezu sch\u00f6n um wahr zu sein\u201c sei. In der Tat ist der Plotverlauf sehr romantisiert und stilisiert. Es flie\u00dfen zwar nicht zu knapp Tr\u00e4nen, aber schwerwiegende Dramen, fatale Fehlentscheidungen oder unwahrscheinlich ungl\u00fcckliche Ereignisse gibt es keine. Im letzten Drittel bahnt sich ein Konflikt an, der einzig von menschlichen, nat\u00fcrlichen Fehlern lebt. Und auch er kann nicht verhindern, dass am Ende des Gef\u00fchl siegt, einen wundersch\u00f6nen, herzerw\u00e4rmenden Film gesehen zu haben.<\/p>\n<p>Es gibt drei treibende Kr\u00e4fte f\u00fcr den Erfolg von <b>Brooklyn<\/b>: Zum einen ist Michael Brooks Musik h\u00f6chst sensibel und setzt stets im richtigen Moment ein, ohne den Streicherbogen zu \u00fcberspannen. Zum zweiten hat Drehbuchautor Nick Hornby die Romanvorlage von Colm T\u00f3ib\u00edn an den richtigen Stellen abge\u00e4ndert und insbesondere Ellis zu einem liebenswerteren Charakter gemacht \u2013 wohlgemerkt keinen realistischen, aber darum geht es hier auch nicht.<\/p>\n<p>Zu guter Letzt ist es Saoirse Ronan, die sowohl in Sachen Besetzung als auch Darstellung ein Segen ist. Sie vereint Ellis St\u00e4rken und Schw\u00e4chen zu einem greifbaren Mensch, dem man jeden Missgriff verzeiht. S\u00e4mtliche Facetten vom sch\u00fcchternen M\u00e4dchen hin zur selbstbewussten jungen Frau werden perfekt dargestellt. Ich bin bereits seit Joe Wrights <b>Atonement<\/b> ein gro\u00dfer Fan von Ronan und es ist ein Genuss sie nun auch als Erwachsene in einer solchen Glanzleistung sehen zu d\u00fcrfen.<\/p>\n<p><b>Brooklyn<\/b> sollte f\u00fcr uns in zweierlei Hinsicht eine Lehre sein: Zum einen solltest du deinen eigenen Weg im Leben finden und dich von niemanden bequatschen lassen, egal ob Verwandte, Freunde, Arbeitgeber oder gar der Gesellschaft. Zum anderen vermittelt die Geschichte ein ehrliches, warmherziges Gef\u00fchl von Liebe, dass im Zuge der modernen Miesmacherkultur verloren ging. <b>Brooklyn<\/b> gibt mir die Hoffnung zur\u00fcck, dass das Leben ungeachtet aller Umst\u00e4nde und Katastrophen eigentlich doch ganz einfach sein kann.<\/p>\n<p><b style=\"line-height: 1.5;\"><i> Oscar-Nominierungen: Bester Film, Beste Hauptdarstellerin (Saoirse Ronan), Bestes Adaptiertes Drehbuch.<\/i><\/b><br \/>\n<iframe loading=\"lazy\"  id=\"_ytid_96563\"  width=\"576\" height=\"324\"  data-origwidth=\"576\" data-origheight=\"324\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/15syDwC000k?enablejsapi=1&#038;autoplay=0&#038;cc_load_policy=0&#038;cc_lang_pref=&#038;iv_load_policy=1&#038;loop=0&#038;rel=1&#038;fs=1&#038;playsinline=0&#038;autohide=2&#038;theme=dark&#038;color=red&#038;controls=1&#038;disablekb=0&#038;\" class=\"__youtube_prefs__  epyt-is-override  no-lazyload\" title=\"YouTube player\"  allow=\"fullscreen; accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen data-no-lazy=\"1\" data-skipgform_ajax_framebjll=\"\"><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir leben im Zeitalter des Internets, wo theoretisch jeder jeden kennen lernen kann. 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