{"id":442,"date":"2014-03-01T18:08:13","date_gmt":"2014-03-01T16:08:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.theawardian.de\/?p=442"},"modified":"2021-07-12T23:21:06","modified_gmt":"2021-07-12T21:21:06","slug":"kritik-gravity","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=442","title":{"rendered":"Kritik: Gravity"},"content":{"rendered":"<p>Wenn du so viele Filme gesehen hast, wie ich, dann wird es schwer mit den Superlativen. Das Bild ist gezeichnet, die Liste mit den Personal Favorites wie in Stein gemeiselt. 16 Jahre lange hatte ich einen unverr\u00fcckbaren Lieblingsfilm: James Camerons <b>Titanic<\/b>. Ich habe ihn zu einem Zeitpunkt gesehen, als ich nichts wusste. Und wenn man so ein Epos v\u00f6llig ohne Erwartungen am Ende seiner Teenager\u00e4ra erlebt, dann ist das etwas ganz besonderes. Ein unbeschreibliches Gef\u00fchl, das nicht zu toppen ist.<\/p>\n<p><!--more-->Was soll ich \u00fcber <b>Gravity<\/b> schreiben, was nicht schon l\u00e4ngst geschrieben wurde? Jeder wei\u00df, worum es geht \u2013 und die meisten, wie es endet. Matt Kowalski, ein versierter Astronaut (gespielt von George Clooney), und Dr. Ryan Stone, eine Medizintechnikerin (dargestellt von Sandra Bullock), befinden sich im Weltraum. W\u00e4hrend einer harmlosen Wartungsarbeit empf\u00e4ngt ihre Station eine Nachricht, nach der ein Satellit zerst\u00f6rt wurde. Wird diese Meldung noch bel\u00e4chelt, herrscht sogleich Panik, als der Schrott eine Kettenreaktion ausl\u00f6st und weitere Ger\u00e4tschaften zu Bruch gehen. Kowalski und Stone sollen alles stehen und liegen lassen, jedoch ist es bereits zu sp\u00e4t: Ein Hagelsturm voller Metallteile zerst\u00f6rt die Station und kappt zudem Stones Verbindungsschlauch. Eben noch auf einer eigentlich harmlosen Mission unterwegs, rotiert sie v\u00f6llig hilflos durch das All. Ihr Ende scheint besiegelt.<\/p>\n<p><b>Achtung, Spoiler: <\/b>Minuten sp\u00e4ter wird sie von Kowalski aufgegriffen und zur\u00fcck gebracht. Jedoch m\u00fcssen die beiden mit Entsetzen feststellen, dass sie die einzigen \u00dcberlebenden der Crew sind und die Station v\u00f6llig zerst\u00f6rt ist. Ihre einzige Chance auf eine R\u00fcckkehr zur Erde ist die nahe gelegene ISS, zu der sie irgendwie gelangen m\u00fcssen. Ganz zu schweigen von der Distanz, welche es zu \u00fcberbr\u00fccken gilt, sitzt den beiden ein unbarmherziges Zeitlimit im Nacken. Denn der Schrott rotiert alle 90 Minuten einmal um die Erde und droht folgerichtig weitere Zerst\u00f6rungen zu verursachen.<\/p>\n<p>Die Geschichte ist simpel, der Film dauert anderthalb Stunden und abseits von Sandra Bullock sowie George Clooney bekommt ihr keinen weiteren Schauspieler zu Gesicht. Was sich wie ein zum Scheitern verurteiltes Experiment anh\u00f6rt, entpuppt sich als ein unbeschreiblicher Ritt. Sie m\u00fcssen Alfonso Cuar\u00f3n f\u00fcr wahnsinnig gehalten haben, als er zum ersten Mal von der Vision erz\u00e4hlte, die er gemeinsam mit seinem Sohn Jonas erdachte. Der Film zeigt fast ausschlie\u00dflich Szenen im Weltraum, die zu einem gro\u00dfen Anteil aus dem Computer stammen. Das mag f\u00fcr einen Laien faul klingen, jedoch merkt der erfahrene Filmkenner in jeder Minute, welch akribische Arbeit schon im Vorfeld der eigentlichen Dreharbeiten geleistet werden mussten.<\/p>\n<p>Cuar\u00f3n ist sp\u00e4testens dank <b>Childen of Men<\/b> f\u00fcr seine langen Szenen ohne erkennbaren Schnitt ber\u00fchmt, aber was er hier in <b>Gravity<\/b> abliefert ist unvergleichlich. Bereits die erste Viertelstunde vom ersten Dialog \u00fcber den Einschlag und bis zum Abdriften Stones ist nahtlos. Die Kamera f\u00e4hrt wilder als jede Achterbahn und schiebt sich an einer Stelle sogar von au\u00dfen in Stones Raumanzug hinein sowie wieder zur\u00fcck. Ich will nicht wissen, welch Nerven allein dieser kurze Moment bei allen Beteiligten (egal ob Regisseur, Schauspieler, Kameramann oder Tonabmischer) gekostet hat, bis er so perfekt gewesen ist.<\/p>\n<p>Normalerweise stellt das Drehbuch einen wesentlichen Ankerpunkt f\u00fcr einen wirklich guten Film dar. <b>Gravity<\/b> ist eine der ganz seltenen Ausnahmen, bei denen ich sogar so weit gehen w\u00fcrde, dass intelligentere Dialoge oder ein tiefer greifender Plot eher gest\u00f6rt anstatt geholfen h\u00e4tten \u2013 genau wie damals in <b>Titanic<\/b>, nebenbei bemerkt. Es geht schlicht und ergreifend um einen \u00dcberlebenskampf, der den Zuschauer in seinen Sitz brennen soll. Cuar\u00f3n verzaubert uns an einer Stelle mit wahnsinnig sch\u00f6nen Bildern, wenn er die Leere des Weltraums mit dem Lichtspiel der Sonne vermischt, und rei\u00dft uns an anderer Stelle mit der n\u00e4chsten Katastrophe brutal aus unseren Tr\u00e4umen. Nat\u00fcrlich l\u00e4sst sich die Glaubw\u00fcrdigkeit anzweifeln und freilich ist nicht alles wissenschaftlich wasserdicht, was <b>Gravity<\/b>\u00a0zeigt. Aber es ist Gott verdammt nochmal ein Film, dessen einziger Sinn es ist, uns in seinen Bann zu ziehen. Zudem \u00fcberwiegen die Stimmen, die Cuar\u00f3n f\u00fcr seine erstaunlich akkurate Recherche loben anstatt f\u00fcr die paar Fehler, die er gemacht hat, tadeln.<\/p>\n<p>Dass <b>Gravity<\/b> nur auf einer gro\u00dfen Kinoleinwand und der bestm\u00f6glichen 3D-Technologie in vollem Ma\u00dfe einschlagen kann, ist genauso logisch. L\u00e4sterer behaupten, der Film verliere auf DVD und dem heimischen Bildschirm seine Magie. Ja, und? Ein <b>Vom Winde verweht<\/b> d\u00fcrfte auch all jene entt\u00e4uscht haben, die ihn erstmals auf den in den 1950er Jahre \u00fcblichen Schwarz-Wei\u00df-Bildschirmen zu Gesicht bekamen. Dann braucht es halt das entsprechende Equipment und sollte dieses nur im \u00f6rtlichen Kino vorhanden sein, dann geht man eben dort hin. Die Belohnung erfolgt in Bildern, die ihr nie vergessen werdet.<\/p>\n<p>Ein probates Mittel, sich das Erlebnis ins Ged\u00e4chtnis zur\u00fcck zu rufen, ist der Kauf des Soundtracks. Steven Price hatte eine besonders schwere Aufgabe zu bew\u00e4ltigen, wozu ich etwas ausholen muss: Normalerweise sind Weltraum- oder Science-Fiction-Filme gepr\u00e4gt von krachenden Soundeffekten, beispielsweise beim Abfeuern eines Lasers oder dem Explodieren eines Raumschiffes. Nun motzen Sci-Fi-Fans bereits seit einer gef\u00fchlten Ewigkeit, dass in Wahrheit im All kein Schall \u00fcbertragen werde und man deshalb eigentlich gar nichts h\u00f6ren d\u00fcrfe. Cuar\u00f3n wollte dieser Tatsache gerecht werden und beschr\u00e4nkt die Toneffekte in <b>Gravity<\/b> rein auf das, was Stone und Kowalski \u00fcber den Funkverkehr kommunizieren oder im Inneren einer Station zu h\u00f6ren ist.<\/p>\n<p>Nun ist die Realit\u00e4t in aller Regel nicht so packend wie ein Film, weshalb das Fehlen von knackigen Soundeffekten sofort unangenehm auffallen w\u00fcrde. Cuar\u00f3n setzte deshalb auf einen interessanten Kniff: Er beorderte Steven Price damit, die Musik so komponieren, dass sie einerseits melodisch erklingt und andererseits durch geschickte Synthi-Tricks die Effekte ersetzt. Ein einfaches Beispiel ist das kurze Aufdrehen der Lautst\u00e4rke, was im Film \u00e4u\u00dferst effektiv ist und auf dem Album sofort eure Erinnerungen an das Visuelle weckt. Das Ergebnis ist f\u00fcr mich derart aufw\u00fchlend und mitrei\u00dfend, wie ich es noch nie bei einem anderen Film erlebt habe.<\/p>\n<p>Normalerweise h\u00e4tte ein Film wie <b>Gravity<\/b> keine Chance bei den Oscars \u2013 noch nie hat ein Weltraum- oder Science-Fiction-Film den \u201cBest-Picture\u201c-Jackpot gewonnen, stets blieb es bei Preisen f\u00fcr Effekte, Sound oder im besten Falle Filmschnitt. Doch <b>Gravity<\/b> hat einen entscheidenden Vorteil gegen\u00fcber <b>Star Wars, Apollo 13, Aliens<\/b> oder gar <b>2001<\/b>: Sandra Bullock. Was hat diese Frau f\u00fcr b\u00f6se Blicke geerntet, nachdem sie f\u00fcr <b>The Blind Side<\/b> den Academy Award vor Carey Mulligan, Gabourey Sidibe und Meryl Streep einsackte. Angeblich habe sie selbst danach gesagt, sie m\u00fcsse sich diese Ehre nachtr\u00e4glich verdienen. Und so sympathisch ich Sandra empfinde und so sehr ich zu den wenigen Leuten geh\u00f6re, die ihr den Oscar allein f\u00fcr ihren herrlichen Umgang mit dem Awardzirkus geg\u00f6nnt habne: Ich h\u00e4tte ihr nie im Leben DAS hier zugetraut. Niemals.<\/p>\n<p>Ihr Charakter Ryan Stone ist genau wie der Film simpel gezeichnet. Der Zuschauer erf\u00e4hrt nur wenig aus ihrem Leben, was daf\u00fcr umso schicksalstr\u00e4chtiger klingt. Sie ist einerseits tief verunsichert und tut andererseits in den entscheidenden Momenten dann doch genau das Richtige, ohne dass es wie Heldentum aussieht. Ryan Stone mag zwar eine kluge Wissenschaftlerin sein, aber im Weltall ist sie ein Frischling, der nach einer \u00e4u\u00dferst kurzen Ausbildung durch die Stratosph\u00e4re geschossen wurde. Sie ist gepr\u00e4gt von zwei Paradoxen: Sie wird schnell panisch, gewinnt aber rasch wieder die Contenance. Zudem wirkt sie aufgrund ihrer Vergangenheit lebensm\u00fcde, besitzt jedoch trotzdem einen instinktiven wie unb\u00e4ndigen \u00dcberlebenswillen. Es bedarf einer Weltklasseleistung, solch einen Charakter glaubw\u00fcrdig und nicht nervig auf die Leinwand zu bannen. Und Bullock hat genau das geschafft &#8211; nahezu ohne Kulisse und zum Teil sogar ohne Blickkontakt zu ihrem Counterpart George Clooney.<\/p>\n<p>Ob <b>Gravity<\/b> in der Tat den Clou bei den Oscars packt? Ich trau mich kaum mehr, es auszusprechen. Alles, was dagegen spricht, sind statistische Vorurteile. Laut Insidern sei die Academy restlos begeistert und solch Gr\u00f6\u00dfen wie Steven Spielberg fragen sich ernsthaft, wie Cuar\u00f3n DAS geschafft habe. Vier Jahre Produktionszeit sind es gewesen \u2013 und die M\u00fchen haben sich durch die Bank gelohnt, daf\u00fcr sprechen der Erfolg bei den Kritikern und an den Kinokassen.<\/p>\n<p>Nach reiflicher \u00dcberlegung und \u00fcber 16 Jahren ist es Zeit f\u00fcr eine Wachabl\u00f6sung. Oh je, oh je&#8230; ab hier gibt es kein Zur\u00fcck mehr und es bedeutet mir mehr das zu schreiben, was ich gleich schreiben werde, als ihr denkt. Aber ich glaube, dass es das Richtige ist, wenn ich unter dem H\u00f6ren von Shenzou und der zugeh\u00f6rigen Schlussszene im Kopf behaupte:<\/p>\n<p>Es gibt keinen Film, der mir jemals besser gefallen hat als<b> Gravity<\/b>.<br \/>\n<iframe loading=\"lazy\"  id=\"_ytid_33698\"  width=\"576\" height=\"324\"  data-origwidth=\"576\" data-origheight=\"324\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/WlDLx2jGDXQ?enablejsapi=1&#038;autoplay=0&#038;cc_load_policy=0&#038;cc_lang_pref=&#038;iv_load_policy=1&#038;loop=0&#038;rel=1&#038;fs=1&#038;playsinline=0&#038;autohide=2&#038;theme=dark&#038;color=red&#038;controls=1&#038;disablekb=0&#038;\" class=\"__youtube_prefs__  epyt-is-override  no-lazyload\" title=\"YouTube player\"  allow=\"fullscreen; accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen data-no-lazy=\"1\" data-skipgform_ajax_framebjll=\"\"><\/iframe><br \/>\n<b><i>Oscar-Nominierungen: Bester Film, Best Regie (Alfonso Cuar\u00f3n), Beste Hauptdastellerin (Sandra Bullock), Bester Filmschnitt, Beste Musik, Beste Tonabmischung, Beste Toneffekte, Beste Visuellen Effekte, Bestes Produktionsdesign, Beste Kamera.<\/i><\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn du so viele Filme gesehen hast, wie ich, dann wird es schwer mit den Superlativen. 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