{"id":433,"date":"2014-02-28T14:39:58","date_gmt":"2014-02-28T12:39:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.theawardian.de\/?p=433"},"modified":"2021-07-12T23:21:01","modified_gmt":"2021-07-12T21:21:01","slug":"kritik-philomena","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=433","title":{"rendered":"Kritik: Philomena"},"content":{"rendered":"<p>Die Anzahl der m\u00f6glichen \u201cBest-Picture\u201c-Pl\u00e4tze mag sich seit der Saison 2009\/2010 verdoppelt haben, doch nach wie vor gilt die Regel: Man muss f\u00fcr eine Nominierung von wenigen geliebt anstatt von vielen gemocht werden. Es bedarf einer soliden Lobby, die den betreffenden Kandidaten als pers\u00f6nlichen Lieblingsfilm bezeichnet. Und h\u00e4tte ich bereits vor ein paar Monaten <b>Philomena<\/b> gesehen, ich h\u00e4tte nicht damit gerechnet, dass das neue Werk von Stephen Frears dieses Kriterium erf\u00fcllt.<\/p>\n<p><!--more-->Bevor Missverst\u00e4ndnisse entstehen: Mir hat der Film gefallen. Er ist nicht ohne Fehler, aber er hat sichtbare St\u00e4rken und wird vor allem im Laufe seiner Spielzeit besser anstatt schlechter. Und obwohl ich es immer noch erstaunlich finde, dass <b>Philomena<\/b> im Gegensatz zu <b>Inside Llewyn Davis <\/b>gen\u00fcgend \u201cLiebe\u201c erfahren hat, um in die \u201cBest-Picture\u201c-Riege aufgenommen zu werden, so empfinde ich es als sympathisch.<\/p>\n<p>Philomena Lee (Judi Dench) hat ihr halbes Leben lang geschwiegen. Doch an einem Abend, als sie in die Leere blickend auf ihrer Couch sitzt und ihre Tochter sie fragt, was los sei, da bricht es aus ihr heraus: Sie habe einen Sohn, der an diesem Tag seinen 50. Geburtstag feiere. In Form von R\u00fcckblenden wird Philomenas Schicksal als Jugendliche erz\u00e4hlt, wie sie sich auf einem Rummelplatz in einen jungen Mann verliebt, mit ihm Sex hat und schwanger wird. Aus Scham schickt ihre Familie sie ins Kloster, wo sie vier Jahre lang harte Schwerstarbeit verrichten muss. Die Geburt ihres Sohnes ist von unertr\u00e4glichen Schmerzen gepr\u00e4gt, wogegen die anwesenden Nonnen nichts unternehmen. Philomena m\u00fcsse f\u00fcr ihre \u201cS\u00fcnde\u201c b\u00fc\u00dfen.<\/p>\n<p>Danach darf sie Anthony, wie sie den Jungen nennt, eine Stunde am Tag sehen, bis er eines Tages von einem Paar adoptiert. Dies passiert ohne Vorwarnung, wohlgemerkt &#8211; selbst eine Verabschiedung in irgendeiner Form wird der jungen Mutter verwehrt. Nun ist sie eine alte Frau, die trotz der H\u00e4rte, mit der sie im Kloster aufgewachsen ist, ihren Glauben an Gott, die Kirche und die Menschen im allgemeinen nie verloren hat. Philomena ist nicht in der Lage, den Verantwortlichen eine Schuld zuzuschieben oder sie gar zu hassen. Sie ist vielmehr blockiert von ihrer inneren Unsicherheit, die sie zweifeln l\u00e4sst, ob ihr wirklich unrecht geschehen sei oder sie nicht doch die Schuld an der Trag\u00f6die ganz alleine tragen m\u00fcsse.<\/p>\n<p>Martin Sixsmith (Steve Coogan) ist vom Leben frustriert, hat er doch gerade seinen erstklassigen Job als Berater f\u00fcr die amtierende Labour Regierung verloren. Als er dar\u00fcber sinniert, ein Buch \u00fcber russische Geschichte zu schreiben, trifft er zuf\u00e4lligerweise auf Philomenas Tochter. Sie bittet ihn darum, einen Artikel \u00fcber das Schicksal ihrer Mutter zu ver\u00f6ffentlichen \u2013 ein Angebot, dem er nach kurzer Skepsis einwilligt. Gemeinsam fahren sie zum Kloster, um nach Spuren von Anthony zu suchen. Dort wird sogleich abgewunken: S\u00e4mtliche Adoptionsunterlagen seien bei einem Brand vernichtet. Sixsmith traut der Sache freilich nicht und verfolgt eine d\u00fcnne Spur nach der anderen, die ihn zu einem ausgewachsenen Skandal f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Was sagt ihr da? Das h\u00f6rt sich uninteressant und langweilig an? In der Tat klingt die Pr\u00e4misse nicht gerade prickelnd. Entsprechend braucht <b>Philomena <\/b>etwas Zeit, bis der Stoff so etwas wie Spannung erf\u00e4hrt. Die R\u00fcckblenden wirken noch verkrampft und arg auf die Tr\u00e4nendr\u00fcse gedr\u00fcckt. Doch sp\u00e4testens nach dem Klosterbesuch nimmt der Film an Fahrt auf. Diese Entwicklung erinnerte mich sofort an ein anderes, Oscar-pr\u00e4miertes Werk von Stephen Frears, n\u00e4mlich <b>The Queen<\/b>.<\/p>\n<p>Der Hauptgrund, warum ihr von Anfang an am Ball bleibt, ist eindeutig Judi Dench. Ihr Balanceakt zwischen Religionstreue und Eigenwille ist genauso meisterhaft, wie ihre Gesichtermimik. Leider krankt die deutsche Synchronisation unter einer gewissen Unbeholfenheit, weshalb die Performance hierzulande unter Wert verkauft wird. Aber wer dar\u00fcber hinweg h\u00f6ren kann oder gar die Chance besitzt, den Film im englischen Original zu sehen, der wird Zeuge einer ausgezeichneten Charakterstudie. Egal ob Philomena traurig, best\u00fcrzt, schrullig oder komisch wirken soll: Dench zieht in jeder Szene eure Aufmerksamkeit auf sich.<\/p>\n<p>Steve Coogan kann da nicht mithalten, stellt aber einen wunderbaren Gegenpart dar. Schlie\u00dflich zehrt sein Charakter von einer ganz anderen Lebensphilosophie wie Philomena. Er ist viel mehr am motzen und beschweren, obwohl sein \u201cSchicksal\u201c nicht im Ansatz mit dem ihren zu vergleichen ist. Die zwangsl\u00e4ufig daraus resultierenden Debatten \u00fcber Religion und Gottesglaube m\u00f6gen f\u00fcr den einen oder anderen m\u00fchselig klingen, halten sich aber in Grenzen.<\/p>\n<p>Ohne gro\u00df zu spoilern muss ich kurz die Schl\u00fcsselszene des Filmes anrei\u00dfen: Es ist der Moment, in dem Philomena, Sixsmith und somit auch dem Zuschauer offenbart wird, was aus Anthony nach all den Jahren geworden ist. In meinen Augen muss dieser Moment ausschlaggebend f\u00fcr die \u201cBest-Picture\u201c-Nomninierung gewesen, denn er ist absolut perfekt. Der Ort, das Umfeld, die Schauspieler und vor allem Alexandre Desplats Musik, die sich ansonsten eher unterverkauft, hinterlassen ein gro\u00dfes Ausrufezeichen. Zudem ist es ungemein hilfreich, dass diese Szene nicht das Ende des Filmes markiert. Die Geschichte driftet vielmehr in eine v\u00f6llig andere Richtung, weil sich das Ziel verschiebt.<\/p>\n<p>Mit vier Oscar-Nominierungen ist <b>Philomena<\/b> rein statistisch gesehen der schw\u00e4chste Vertreter im diesj\u00e4hrigen \u201cBest-Picture\u201c-Rennen und in der Tat ist es auch der einzige der neun Filme, bei dem ich praktisch keine Chancen auf irgendeinen Sieg sehe. Im Vorfeld wurde zwar gemunkelt, dass man hiermit Judi Dench noch einen Oscar als beste Hauptdarstellerin \u00fcberreichen k\u00f6nne, bevor sie irgendwann aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters in den Ruhestand gehe. Doch die Konkurrenz ist mit Cate Blanchett (hat f\u00fcr <b>Blue Jasmine<\/b> alles gewonnen, was man gewinnen kann) und Amy Adams (ist deutlich \u00fcberf\u00e4lliger f\u00fcr \u00fcberhaupt einen Sieg) einfach zu stark.<\/p>\n<p>Aber wie eingangs erw\u00e4hnt: Es ist irgendwie sympathisch, dass <b>Philomena<\/b> auf einer Liste Platz gefunden hat, die mit Namen wie <b>12 Years a Slave<\/b> oder <b>Gravity<\/b> best\u00fcckt ist. Man sollte nie untersch\u00e4tzen, dass auch solche \u201cbodenst\u00e4ndige\u201c Filme ihre Fans haben und eine Chance im Awardzirkus verdienen.<\/p>\n<p><b><i>Oscar nominiert f\u00fcr: Bester Film, Beste Hauptdarstellerin (Judi Dench), Bestes Drehbuch (adaptiert), Beste Musik.<\/i><\/b><br \/>\n<iframe loading=\"lazy\"  id=\"_ytid_82916\"  width=\"576\" height=\"324\"  data-origwidth=\"576\" data-origheight=\"324\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/ICdEgWRSCt4?enablejsapi=1&#038;autoplay=0&#038;cc_load_policy=0&#038;cc_lang_pref=&#038;iv_load_policy=1&#038;loop=0&#038;rel=1&#038;fs=1&#038;playsinline=0&#038;autohide=2&#038;theme=dark&#038;color=red&#038;controls=1&#038;disablekb=0&#038;\" class=\"__youtube_prefs__  epyt-is-override  no-lazyload\" title=\"YouTube player\"  allow=\"fullscreen; accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen data-no-lazy=\"1\" data-skipgform_ajax_framebjll=\"\"><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Anzahl der m\u00f6glichen \u201cBest-Picture\u201c-Pl\u00e4tze mag sich seit der Saison 2009\/2010 verdoppelt haben, doch nach wie vor gilt die Regel: Man muss f\u00fcr eine Nominierung von wenigen geliebt anstatt von vielen gemocht werden. 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