{"id":417,"date":"2014-02-23T09:02:46","date_gmt":"2014-02-23T07:02:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.theawardian.de\/?p=417"},"modified":"2021-07-12T23:20:51","modified_gmt":"2021-07-12T21:20:51","slug":"kritik-american-hustle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=417","title":{"rendered":"Kritik: American Hustle"},"content":{"rendered":"<p>Was macht eigentlich einen guten Regisseur aus? Viele denken spontan an Auteure m\u00e4chtiger Epen (David Lean), spannender Plotentwicklung (Alfred Hitchcock) oder wegweisender Bildgewalt (Stanley Kubrick). Doch wie haben dann so Leute wie Robert Redford, Robert Benton oder James L. Brooks einen Oscar f\u00fcr die beste Regie eingeheimst? Das englische Wort \u201cDirecting\u201c hilft zur Aufl\u00f6sung: Es geht letztlich um ein \u201cin die richtige Richtung lenken\u201c &#8211; und Redford, Benton sowie Brooks haben genau das zu ihren Hochzeiten geschafft: n\u00e4mlich bei den Schauspielern.<!--more--><\/p>\n<p>Irving Rosenfeld (Christian Bale) war schon von Kindheitstagen an ein Betr\u00fcger. F\u00fcr seinen Vater, einen Glaser, schmiss er Fensterscheiben ein, damit es Auftr\u00e4ge rollte. Inzwischen zieht er verzweifelnden Leuten ihr letztes Geld aus der Tasche und gaukelt ihnen vor, er k\u00f6nne ihnen lukrative Kredite verschaffen. Er lernt Sydney Prosser (Amy Adams) kennen, die sowohl seine Geliebte als auch Partnerin im \u201cgesch\u00e4ftlichen\u201c Sinne wird. Schnell wird klar, dass zwischen den beiden eine Seelenverwandtschaft jenseits der g\u00e4ngigen Moralvorstellungen herrscht.<\/p>\n<p>Doch der Schwindel fliegt auf: FBI-Agent Richie DiMaso (Bradley Cooper) gibt sich zun\u00e4chst als Kunde aus und verhaftet Prosser, als sie seinen fatalen Scheck annimmt. So kann er es sich erlauben, Rosenfeld unter Druck zu setzen: Das Gauner-P\u00e4rchen w\u00fcrde mit einem blauen Auge davon kommen, wenn es ihm dabei helfe m\u00f6glichst hochrangige Politiker direkt nach einer erfolgten Bestechung zu schnappten. Dass dabei auch DiMaso einige moralisch h\u00f6chst zweifelhafte Mittel anwendet und er die ins Visier genommenen Personen mit einer bewusst inszenierten Falle zu k\u00f6dern versucht, macht den Clou umso brisanter.<\/p>\n<p><b>American Hustle<\/b> basiert auf einer wahren Begebenheit \u2013 so in etwa, jedenfalls. Bereits die erste Texteinblendung sorgt f\u00fcr Schmunzeln, denn laut derer seien nur \u201ceinige Ereignisse\u201c wirklich passiert. Sprich: Auch wenn es diesen sogenannten Abscam-Skandal wirklich in den 1970er Jahren gab, so hat Regisseur und Co-Drehbuchautor David O&#8217;Russell verdammt viel ge\u00e4ndert. Von den Namen \u00fcber das Alter bis zum Ende stimmt eigentlich gar nichts mehr abseits der rudiment\u00e4ren Pr\u00e4misse.<\/p>\n<p>Mit ein Grund f\u00fcr die radikale Abkehr zur Realit\u00e4t ist die hohe Narrenfreiheit, die O&#8217;Russell seinen Schauspielern gew\u00e4hrt. Diese sollen angeblich in einigen entscheidenden Szenen frei improvisiert haben, weshalb Christian Bale irgendwann besorgt gefragt habe, ob das nicht den grundlegenden Plot \u00fcber den Haufen werfe. O&#8217;Russells Antwort: Das w\u00e4re ihm egal, ihm ginge es rein um die Charaktere.<\/p>\n<p>Und das Ergebnis spricht f\u00fcr sich: Bale, Adams, Cooper, Jeremy Renner (der einen der hochrangigen Politiker spielt) und Jennifer Lawrence (die frustrierte und betrogene Ehefrau von Rosenfeld) formieren eines der besten Schauspielerensembles der Neuzeit, das abseits von Renner zurecht kollektiv bei den Academy Awards in der ersten Reihe sitzen darf. Bale brilliert vor allem mit einer fantastischen Gesichtermimik und dem Mut zur H\u00e4sslichkeit. Adams ist sexy, verrucht, \u00e4ngstlich, undurchschaubar, clever und \u00fcberhaupt alles zusammen. Cooper hat die besten Ausraster und spr\u00fcht nur so vor Energie. Und dann ist da Jennifer Lawrence: Meine G\u00fcte, die Frau ist gerade mal 23 und sie hat bereits jetzt Charakterz\u00fcge perfekt auf Lager, wof\u00fcr doppelt so alte Kolleginnen f\u00fcr Sterben w\u00fcrden. Sie kann wettern, sie kann heulen, sie kann feiern und sie schafft wie keine Zweite die Gratwanderung zwischen \u00e4u\u00dferlichem Selbstbewusstein sowie innerlichen Zweifeln. Ihr k\u00f6nnte man h\u00f6chstens vorwerfen, dass viele Charakterst\u00e4rken ihrer Rolle aus <b>Silver Linings <\/b>sehr \u00e4hneln \u2013 weshalb ihre Leistung wohl nicht in einem zweiten Oscar resultieren wird.<\/p>\n<p>Aber auch das geh\u00f6rt zur ungew\u00f6hnlichen Realisierung des Films, denn O&#8217;Russell hat die Rolle von Lawrence bereits vor Drehbeginn aufgebl\u00e4ht und an die F\u00e4higkeiten der talentierten jungen Dame angepasst. Zudem geh\u00f6rt laut IMDB-Trivia ihre st\u00e4rkste Szene, ein Streit mit Christan Bale im letzten Drittel des Filmes, genau zu jenen, in denen die Schauspieler heftigst vom Skript abwichen und den Plotverlauf komplett improvisiert haben sollen. Kreativit\u00e4t besitzt Lawrence demnach auch noch \u2013 ich gebe ihr noch zehn Jahre und sie sitzt im Regiestuhl.<\/p>\n<p>Auf das Lob folgt der Tadel: <b>American Hustle<\/b> hat von allen mir bislang gesichteten Best-Picture-Kandidaten 2013 (um genau zu sein fehlt nur noch einer) die gr\u00f6\u00dften Schw\u00e4chen zu vermelden. Versteht mich nicht falsch: Der Film ist unterm Strich toll und macht sehr viel Spa\u00df. Aber gerade der Anfang zieht sich und die Dialoge wollen einfach nicht aufh\u00f6ren. Besonders die Inszenierung der Liebesgeschichte zwischen Rosenfeld und Prosser ist viel zu lang und langatmig geraten. Die Phase, in der ich mich ernsthaft fragte \u201c&#8230;und das soll &#8217;ne Kom\u00f6die sein&#8230;?\u201c dauerte noch l\u00e4nger an als beispielsweise in <b>Silver Linings<\/b>. Deshalb braucht es gerade im Mittelteil etwas Geduld. Wer die jedoch aufbringt, der wird mit einigen herrlich bekloppten Szenen belohnt, die gerade aufgrund ihrer dezenten Anwendung derart reinhauen.<\/p>\n<p>Bez\u00fcglich des Oscar-Rennens droht <b>American Hustle<\/b> eine Vollpleite: Trotz zehn Nominierungen hat der Film keinen Preis sicher und gilt ganz im Gegenteil in praktisch allen Kategorien als undankbarer \u201cZweiter\u201c oder \u201cDritter\u201c. Wie angedeutet: H\u00e4tte Lawrence nicht schon im letzten Jahr gewonnen, dann h\u00e4tte sie diesmal den Goldjungen sicher. Doch in dem Alter, zwei Oscars? Nein, das passiert nicht.<\/p>\n<p>Bale wird von vielen als das \u201cschwache Glied\u201c der vier nominierten Schauspieler gesehen, was ich pers\u00f6nlich \u00fcberhaupt nicht nachvollziehen kann&#8230; aber gegen Matthew McCounaghey, Leonardo DiCaprio oder Chiwetel Eijor hat er wirklich Null Chancen. F\u00fcr Adams spricht der \u201c&#8230;die ist langsam \u00fcberf\u00e4llig\u201c-Faktor, allerdings hat gerade bei den Besten Hauptdarstellerinnen Cate Blanchett so derart die Nase vorn, wie <b>Gravity<\/b> im Bereich der Visuellen Effekte. Und Cooper? Ich w\u00fcrde es ihm so g\u00f6nnen, gerade nachdem er in meinen Augen das Highlight in <b>Silver Linings <\/b>war und ausgerechnet gegen Daniel Day-Lewis <b>Lincoln<\/b>-Interpretation antreten musste. Aber auch in diesem Jahr steht ihm ein unverr\u00fcckbarer \u201cFrontrunner\u201c namens Jared Leto im Weg.<\/p>\n<p>Filmschnitt, Kost\u00fcme und Produktionsdesign sind nicht auffallend genug f\u00fcr einen Oscar. Regie? In einem anderen Jahr vielleicht, aber nicht gegen Cuaron (<b>Gravity<\/b>) oder McQueen (<b>12 Years a Slave<\/b>). Bleiben abseits von Best Picture noch das Originaldrehbuch, dem einzig realistischen Gewinn. David O&#8217;Russell, der in vier Jahren und drei Filmen eine Renaissance wie kein zweiter Filmemacher feierte, k\u00f6nnte mit dieser Kategorie endlich seinen l\u00e4ngst verdienten Academy Award nach Hause nehmen. Das Problem: Sollte man ihn wirklich f\u00fcr ein Skript auszeichnen, das voller von den Schauspielern interpretierter Passagen steckt, an einigen Stellen zur Laberlastigkeit tendiert und laut den sch\u00e4rfsten Kritikern eben aufgrund der vielen Improvisationen unterm Strich keinen Sinn mache (ein Aspekt, den ich nicht teile, aber die Stimmen diesbez\u00fcglich sind so laut, dass ich sie nicht unter den Teppich kehren m\u00f6chte)? Zudem O&#8217;Russell mit Spike Jonzes <b>Her<\/b> einen m\u00e4chtigen Konkurrenten schlagen m\u00fcsste, der ihm bereits den Golden Globe und den Writer Guild Award wegschnappte.<\/p>\n<p>Derzeit sieht es wirklich danach aus, dass <b>American Hustle<\/b> die Rolle von <b>Gangs of New York<\/b> oder <b>The Color Purpl<\/b><strong>e<\/strong> einnimmt: null Gewinne trotz zweistelliger Oscar-Nominierungen. Und das obwohl der Film wunderbar zeigt, wie eine einwandfreie Regieleistung ohne Prunk und ohne Bombast auszusehen hat. Einfach, indem man seinen Schauspielern die Freiheit und die Selbstsicherheit gibt, ihre maximale Leistung zu zeigen. G\u00e4be es doch blo\u00df einen Oscar f\u00fcr das Beste Ensemble: Den h\u00e4tte <b>American Hustle<\/b> f\u00fcr die letzten zwanzig Jahren sicher gehabt.<\/p>\n<p><i><b>Oscar nominiert f\u00fcr: Bester Film, Beste Regie (David O&#8217;Russell), Bester Hauptdarsteller (Christian Bale), Beste Hauptdarstellerin (Amy Adams), Bester Nebendarsteller (Bradley Cooper), Beste Nebendarstellerin (Jennifer Lawrence), Bestes Drehbuch (original), Bester Schnitt, Beste Kost\u00fcme, Bestes Produktionsdesign<\/b><\/i><br \/>\n<iframe loading=\"lazy\"  id=\"_ytid_62715\"  width=\"576\" height=\"324\"  data-origwidth=\"576\" data-origheight=\"324\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/mzc4ee7LAmU?enablejsapi=1&#038;autoplay=0&#038;cc_load_policy=0&#038;cc_lang_pref=&#038;iv_load_policy=1&#038;loop=0&#038;rel=1&#038;fs=1&#038;playsinline=0&#038;autohide=2&#038;theme=dark&#038;color=red&#038;controls=1&#038;disablekb=0&#038;\" class=\"__youtube_prefs__  epyt-is-override  no-lazyload\" title=\"YouTube player\"  allow=\"fullscreen; accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen data-no-lazy=\"1\" data-skipgform_ajax_framebjll=\"\"><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was macht eigentlich einen guten Regisseur aus? 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