{"id":409,"date":"2014-02-07T14:42:41","date_gmt":"2014-02-07T12:42:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.theawardian.de\/?p=409"},"modified":"2021-07-12T23:20:47","modified_gmt":"2021-07-12T21:20:47","slug":"kritik-dallas-buyers-club","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=409","title":{"rendered":"Kritik: Dallas Buyers Club"},"content":{"rendered":"<p>Es gibt diese M\u00e4r vom typischen \u201cOscar-Film\u201c, der immer gewinnt. Inhalt sei entweder das gro\u00dfe, geschichtstr\u00e4chtige Epos (<b>The English Patient, Amadeus<\/b>) oder ein sozialkritisch-wichtiges Thema (<b>Kramer gegen Kramer, Eine ganz normale Familie<\/b>). Doch diese Zeiten sind l\u00e4ngst vorbei, wenn man sich j\u00fcngere Gewinner wie <b>The Artist, No Country for Old Men, Slumdog Million\u00e4r<\/b> oder gar <b>Der Herr der Ringe: Die R\u00fcckkehr des K\u00f6nigs<\/b> anschaut. Den weiterhin bestehenden Vorurteilen zum Trotz waren die letzten zehn Best-Picture-Sieger erstaunlich variantenreich.<\/p>\n<p><!--more-->Etwas anders sieht es bei den Schauspielern aus, wo nach wie vor Interpretationen real existierender Pers\u00f6nlichkeiten (Meryl Streep in <b>The Iron Lady<\/b>), die kompromisslose Darstellung eines Charakters bis zur K\u00f6rperdeformierung (Christian Bale in <b>The Fighter<\/b>) oder die Imitation eines sichtbaren Handicaps (Jamie Foxx in <b>Ray<\/b>) den entscheidenden Vorteil ausmachen kann. Matthew McConaughey hat in diesem Jahr einen Trumpf in der Hand, der all diese \u201cVorz\u00fcge\u201c vereint. Und in der Tat konnte man schon beim Ansehen des Trailers erahnen, dass der Mann in seinem Haus besser Platz f\u00fcr eine Vitrine schaffen sollte.<\/p>\n<p>Im Jahre 1985 ist AIDS noch ein Schreckensgespenst. Es herrscht der landl\u00e4ufige Irrglaube, dass ausschlie\u00dflich homosexuelle M\u00e4nner betroffen seien. Als Ron Woodroof (eben gespielt von McConaughey) nach einem Arbeitsunfall im Krankenhaus landet und die \u00c4rzte ihm sagen, er leide in einem weit fortgeschrittenen Stadium an der t\u00f6dlichen Krankheit, winkt er noch ab. Das k\u00f6nne nicht sein, er sei schlie\u00dflich keine \u201cSchwuchtel\u201c. Doch vom eigenen Gesundheitszustand \u00fcbermannt, f\u00e4ngt er an sich zu informieren und stellt mit Schrecken fest, dass der Virus auch beim Sex mit einer HIV-infizierten Frau \u00fcbertragbar ist.<\/p>\n<p>Woodroof akzeptiert die Diagnose, nicht jedoch sein Schicksal. Er misstraut seinen \u00c4rzten und sucht Hilfe bei einem Spezialisten in Mexiko. Dort bekommt er Pr\u00e4parate verschrieben, die in den USA nicht zugelassen sind. Als er merkt, dass sie bei ihm anschlagen und die Symptome seiner Krankheit zumindest eind\u00e4mmen, sucht er nach Mitteln und Wegen, die betreffenden Medikamente an Leidgenossen zu verteilen. Weil er sie nicht direkt verkaufen darf, gr\u00fcndet er den <b>Dallas Buyers Club<\/b>: Jeder AIDS-Kranke, der die Mitgliedsgeb\u00fchr von 400 Dollar bezahlt, bekommt \u201ckostenlos\u201c s\u00e4mtliche Pr\u00e4parate, die er ben\u00f6tigt.<\/p>\n<p><b>Dallas Buyers Club<\/b> ist ein Musterbeispiel f\u00fcr eine typische Filmbiografie. Sie erz\u00e4hlt eine reale Geschichte, orientiert sich dabei im weitesten Sinne an der Wahrheit, dramatisiert ab und an \u00fcber und ignoriert ein paar Fakten, die vermutlich nur vom eigentlichen Thema abgelenkt h\u00e4tten (z.B. dass der echte Woodroof Vater war). Ohne gro\u00dfe Experimente zeichnet Regisseur Jean-Marc Vall\u00e9e die Wandlung eines Mannes, der sich bis zur Diagnose wie ein \u201cechter Kerl\u201c f\u00fchlt und \u00fcbelst homophob ist. Erst aufgrund seines Schicksals offenbart sich ihm regelrecht eine neue Weltordnung, die er vorher nicht f\u00fcr m\u00f6glich gehalten h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Er freundet sich mit homosexuellen M\u00e4nnern an, allen voran dem ebenfalls an AIDS erkrankten Rayon (Jared Leto), und schaut gegen Ende des Filmes auch gar nicht mehr auf den potenziellen Profit seines Clubs. Frustriert aufgrund der Sturheit der inl\u00e4ndischen Beh\u00f6rden sowie \u00c4rzte m\u00f6chte er \u201cseine\u201c Medikation einfach nur an m\u00f6glichst viele HIV-Patienten verteilen. Hier k\u00f6nnte man dem Film allenfalls vorwerfen, dass der Kontrast vom \u201cb\u00f6sen\u201c Woodroof zum \u201cguten\u201c etwas arg auff\u00e4llig ist und auch kein exaktes Abbild der realen Ereignisse von damals zu sein scheint.<\/p>\n<p>Von den neun \u201cBest-Picture\u201c-nominierten Filmen des Jahrgangs 2013 ist <b>Dallas Buyers Club<\/b> der sechste, den ich gesehen habe, und der erste, den ich rein handwerklich betrachtet als rundherum solide sowie bodenst\u00e4ndig bezeichnen m\u00f6chte. Vall\u00e9e eckt selten an, erz\u00e4hlt eine interessante Geschichte und profitiert ma\u00dfgeblich von den Leistungen seitens McConaughey sowie Leto. Besonders ersterer spielt in einer eigenen Liga: Er hat sich sowohl k\u00f6rperlich wie charakterlich derart transformiert, dass man ihn nicht wiedererkennt. Bereits die ersten Szenen, in denen er Woodroof als harten Haudegen zeigt und aufgrund seiner fortgeschrittenen Krankheit einfach zusammenklappt, d\u00fcrfte ihm den Oscar sichern.<\/p>\n<p>Am Ende sind es Kleinigkeiten, die <b>Dallas Buyers Club<\/b> unter die Klasse eines <b>12 Years a Slave<\/b> oder <b>Gravity<\/b> stellen. So manche Szene wirkt mir zu plakativ, frei nach dem Motto: Das muss jetzt noch irgendwie rein, auch wenn es gerade nicht so passt. Konkret beziehe ich mich auf einen kurzen Heulkrampf seitens Woodroof und auf die letzte Szene, deren Sinn ich zwar verstehe, aber die in meinen Augen trotzdem deplatziert wirkt. Ebenfalls st\u00f6rend ist Jennifer Garner als Dr. Eve Saks: Ihr Charakter passt optisch schlicht und ergreifend nicht in das ansonsten ruppige Umfeld hinein. Im Gegensatz zu McCounaghey und Leto sehe ich in ihr \u201cnur\u201c eine Schauspielerin, die eine Rolle spielt (auch wenn sie das gut gemacht). Man k\u00f6nnte erneut argumentieren, dass eventuell die echte Dr. Saks in den 1980er Jahren bereits wie eine 2000er-Hollywood-Sch\u00f6nheit aussah. Doch das k\u00f6nnt ihr vergessen: Diese Figur haben die Drehbuchautoren Craig Borten und Melisa Wallack frei erfunden.<\/p>\n<p>In einem Jahr wie 2013 hat <b>Dallas Buyers Club<\/b> keine Chance auf einen \u201cBest-Picture\u201c-Oscar \u2013 womit ich den Film jedoch keinesfalls schlecht reden m\u00f6chte. Ich bin mir sogar sicher, dass aufgrund der Thematik und dem sehr guten Schnitt (bei dem ich mich im Nachhinein frage, wieso dessen Nominierung bei vielen Experten als \u00dcberraschung galt) das Ding unter einem reduzierten Kontingent von f\u00fcnf \u201cBest-Picture\u201c-Kandidaten (so wie wir es bis 2008 gewohnt waren) ebenfalls dabei gewesen w\u00e4re. Daf\u00fcr spricht, dass <b>Dallas Buyers Club<\/b> allen Anschein nach drei andere Oscars gewinnen wird: McConaughey und Leto sind die klaren Favoriten in den Haupt- wie Nebendarsteller-Kategorien, zudem winkt eine Statuette f\u00fcr Make-up und Haarstyling.<\/p>\n<p>Ob Oscar oder nicht: <b>Dallas Buyers Club<\/b> sollte (wie \u00fcberhaupt alle wirklich guten Filme) \u00fcber solchem Award-Ged\u00f6ns stehen. Jean-Marc Vall\u00e9e wird damit zwar nicht unsterblich ber\u00fchmt und die Kassen \u00e1 la <b>Gravity<\/b> klingen lassen, jedoch auf lange Sicht einen guten Ruf unter Cineasten genie\u00dfen. Und Matthew McCounaghey Darstellung als Ron Woodroof d\u00fcrfte sich als unverr\u00fcckbares Markenzeichen in seiner Biografie als Schauspieler manifestieren.<\/p>\n<p><i><b>Oscar nominiert f\u00fcr: Bester Film, Bester Hauptdarsteller (Matthew McCounaghey), Bester Nebendarsteller (Jared Leto), Bestes Drehbuch (original), Bester Schnitt, Bestes Make-up &amp; Haarstyling<\/b><\/i><br \/>\n<iframe loading=\"lazy\"  id=\"_ytid_17801\"  width=\"576\" height=\"324\"  data-origwidth=\"576\" data-origheight=\"324\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/vjfRsDSRQR8?enablejsapi=1&#038;autoplay=0&#038;cc_load_policy=0&#038;cc_lang_pref=&#038;iv_load_policy=1&#038;loop=0&#038;rel=1&#038;fs=1&#038;playsinline=0&#038;autohide=2&#038;theme=dark&#038;color=red&#038;controls=1&#038;disablekb=0&#038;\" class=\"__youtube_prefs__  epyt-is-override  no-lazyload\" title=\"YouTube player\"  allow=\"fullscreen; accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen data-no-lazy=\"1\" data-skipgform_ajax_framebjll=\"\"><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt diese M\u00e4r vom typischen \u201cOscar-Film\u201c, der immer gewinnt. 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