{"id":401,"date":"2014-02-05T06:49:18","date_gmt":"2014-02-05T04:49:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.theawardian.de\/?p=401"},"modified":"2021-07-12T23:20:43","modified_gmt":"2021-07-12T21:20:43","slug":"kritik-the-wolf-of-wall-street","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=401","title":{"rendered":"Kritik: The Wolf of Wall Street"},"content":{"rendered":"<p>Martin Scorsese ist 71 Jahre alt. Viele Top-Regisseure haben ab einem bestimmten Zeitpunkt entweder ihren \u201cZenit\u201c \u00fcberschritten und dabei ihre \u201cMagie\u201c verloren (von Alfred Hitchock bis James L. Brooks) oder sich in eine Richtung entwickelt, die sie weit von den Kultwerken entfernte, mit denen sie ber\u00fchmt wurden (Steven Spielberg, James Cameron). Auch bei Scorsese schien mit <b>The Aviator<\/b> oder <b>Hugo<\/b> eine Kehrtwende in Sicht, doch jetzt ist allen klar: Den einen hat er wirklich nur f\u00fcr den Oscar gemacht und der andere war tats\u00e4chlich die sp\u00e4te Liebeserkl\u00e4rung an seine (damals) elfj\u00e4hrige Tochter sowie deren Lieblingslekt\u00fcre.<\/p>\n<p><b><!--more-->The Wolf of Wall Street<\/b> ist einfach nur kaputt. Der Film ist eine bizarre Mischung aus <b>Goodfellas<\/b> und einer dieser modernen Kom\u00f6dien aus dem Hause Judd Apatow (Regisseur von <b>Beim Ersten Mal<\/b>, Produzent von <b>Superbad<\/b>). In den H\u00e4nden eines jeden anderen Auteur w\u00fcrde diese Mischung keinen Millimeter funktionieren, doch wir reden hier von Scorsese. Gleichwohl ich lange Zeit gebraucht habe, die Unantastbarkeit dieses Mannes zu verstehen, so erschl\u00e4gt sie mich in <b>The Wolf of Wall Street<\/b>. Meine G\u00fcte, was ist das f\u00fcr ein geiler Film. Und das W\u00f6rtchen \u201cgeil\u201c ist doppeldeutig zu unterstreichen.<\/p>\n<p>Jordan Belfort (gespielt von Leonardo DiCaprio) giert nach dem gro\u00dfen Geld. Er steigt als junger Mann in die Welt der B\u00f6rsenmakler ein, landet gleich nach Abschluss seiner Ausbildung dank eines fetten B\u00f6rsenkrachs auf der Stra\u00dfe, mogelt sich mit den lukrativen Verkaufsprovisionen omin\u00f6ser Pennystocks-Aktien zur\u00fcck nach oben, gr\u00fcndet seine eigene Maklergesellschaft Stratton Oakmont, pr\u00e4sentiert sich dort als \u00fcberm\u00e4chtiger Motivationstrainer, feiert millionenschwere Orgien, hyped den B\u00f6rsengang eines befreundeten Schuhdesginers, versucht sein Verm\u00f6gen \u00fcber dubiose Methoden in die Schweiz zu schmuggeln und&#8230; STOP!!!!<\/p>\n<p>Kommt ihr noch mit? Ist euch das zu schnell? Sorry, das ist <b>The Wolf of Wall Street<\/b>: Der Plot wird in einem derart rasanten Tempo entwickelt, was man bei einer Filml\u00e4nge von satten 180 Minuten gar nicht vermuten w\u00fcrde. Nur in wenigen Szenen l\u00e4sst sich Scorsese Zeit, diverse Schl\u00fcsselereignisse vollends auszukosten \u2013 und das dann richtig. Kein Wunder: Die Geschichte beruht auf den Memoiren des real existierenden Jordan Belforts, die erstaunlich akkurat umgesetzt seien. Demnach habe sich der Mann praktisch den ganzen Tag \u00fcber mit Drogen aufgeputscht, was Scorsese sichtlich zu diesem surrealen Filmrausch animierte.<\/p>\n<p>Das Resultast ist von den letzten zwanzig Minuten abgesehen herrlich komisch. Was Belfort und seine Freunde hier f\u00fcr Dinger abziehen, ist einfach krank. Kleines Beispiel gef\u00e4llig? In einer kurzen Vorblende, die den Charakter Belforts fachgerecht vorstellen soll, schnieft Leonardo DiCaprio einer nackten wie vor ihm knienden Prostituierten Koks aus ihrem Hintern. Bereits in den ersten zehn Minuten deutet Scorsese knallhart an, was den Zuschauer erwartet: Sodom und Gomorra in Reinkultur.<\/p>\n<p>Die gro\u00dfe Kunst des Filmes liegt nicht nur in der kompromisslosen Regie begraben, sondern auch in Leonardo DiCaprios umwerfender Darstellung. Egal ob er am Telefon wertlose Aktien an ahnungslose K\u00e4ufer vertickert, mit den h\u00e4rtesten Drogen zugedr\u00f6hnt in seinen wei\u00dfen Lamborghini zu kriechen versucht oder sich beim Streit mit seiner Filmehefrau (gespielt von Margot Robbie) wie ein kleines Kind benimmt: DiCaprio steuert immer mit Volltempo in Richtung Overacting und schlittert stets mit gezogener Handbremse doch noch vorbei. Er wird damit zwar leider wieder keinen Oscar gewinnen, weil die Thematik viel zu Academy-unfreundlich ist (dazu sp\u00e4ter mehr), aber in meinen Augen hat er Recht, wenn er seine Rolle als Jordan Belfort als die bislang beste seines Lebens bezeichnet.<\/p>\n<p>Der Rest des Casts, der solch Kaliber wie Matthew McConaughey, Kyle Chandler oder Jean Dujardin tr\u00e4gt, wird von einer weiteren Performance angef\u00fchrt, die endg\u00fcltig die Br\u00fccke in Richtung Apatow schl\u00e4gt: Wer h\u00e4tte je gedacht, dass sich ein Geselle wie Jonah Hill mit drei\u00dfig Jahren bereits zweifach Oscar-nominierter Schauspieler nennen darf? Er \u00fcbernimmt in <b>The Wolf of Wall Street<\/b> die Comicrevision eines Joe Pesci aus <b>Goodfellas<\/b>, der zwar nicht grundlos irgendwelche Leute verpr\u00fcgelt oder gar t\u00f6tet, jedoch m\u00fchelos auf andere Weise die Grenzen der normalsterblichen Moralvorstellungen sprengt. Sein Charakter Donnie Azoff freundet sich fr\u00fch im Film mit Jordan Belfort an und gleichwohl er bei weitem nicht die gleiche Cleverness besitzt, so feiert er dank seiner Loyalit\u00e4t \u00e4hnliche Erfolge. Er etabliert sich als unersetzlicher Sidekick, dessen Eskapaden weniger episch und daf\u00fcr umso peinlicher sind. So f\u00e4ngt er instinktiv sowie im Drogenrausch beim ersten Anblick von Belforts sp\u00e4terer Frau an zu masturbieren \u2013 wohlgemerkt am helllichten Tag und mitten auf einer gut besuchten Party. Ja, man sieht den Penis. Nein, es ist nicht der kleine Jonah. Trotzdem ein klares Zeichen daf\u00fcr, wie sich die Filmlandschaft ver\u00e4ndert hat, wenn nun auch ein Mann wie Scorsese erigierte Genitialien zeigt.<\/p>\n<p>Die Kehrseite: Nach einer Vorf\u00fchrung exklusiv f\u00fcr Academy-Mitglieder kam es angeblich zu einem Eklat. Ein nicht weiter benannter Autor habe Scorsese w\u00fcst beschimpft, zudem wurde der Vorwurf der Pornographie laut. So weit w\u00fcrde ich im Leben nicht gehen, aber in der Tat ist <b>The Wolf of Wall Street<\/b> nicht ungef\u00e4hrlich. Versteht mich nicht falsch: Ich liebe den Film und hatte Tr\u00e4nen vor Lachen in den Augen. Er geh\u00f6rt meines Erachtens in die Top 5, vielleicht sogar Top 3 der besten Scorsese-Werke \u2013 eine Auszeichnung, die sich erst mit der Zeit festigen wird. Aber im gleichen Zuge musste ich mich krampfhaft daran erinnern, welch Mensch Belfort hinter dieser grotesken Fassade steckt. In Wahrheit ist er nichts mehr als ein gemeiner Verbrecher, der stets zu seinem eigenen Wohle handelt und sowohl Reiche wie Arme um ihr Geld betr\u00fcgt.<\/p>\n<p>Wer das nicht kapiert, der l\u00e4uft Gefahr, Belfort nach diesem Film als cooles Vorbild zu betrachten, der einfach die Sau raus l\u00e4sst und dabei \u201czurecht\u201c \u00fcber Leichen geht. Daran \u00e4ndert auch sein unr\u00fchmliches Ende nichts, das Scorsese zwar nicht verschweigt, jedoch als Gegenpol f\u00fcr die 160 Minuten lange Party zuvor nicht ausreicht. Die Bilder in meinem Kopf werden jedenfalls von den wahnwitzigen Orgien und den slapstickartigen Momenten dominiert.<\/p>\n<p>Umso mehr m\u00f6chte ich wissen, wie Martin Scorsese wirklich tickt. Mir ist kein anderer Regisseur bekannt, der mit \u00fcber 70 \u00fcber derart viele \u201cTabus\u201c springt, sofern er sie nicht schon mit einem seiner vorgehenden Werk passiert hatte. <b>The Wolf of Wall Street<\/b> ist der Beweis, dass Scorsese immer noch Klassiker im Kaliber eines <b>Taxi Driver, Goodfellas<\/b> oder <b>The Departed<\/b> drauf hat und gleichzeitig keine Scheu vor Neuland besitzt. Und nach <b>The Wolf of Wall Street <\/b>sowie dem leider in Vergessenheit geratenen <b>King of Comedy<\/b> w\u00fcrde ich daf\u00fcr sterben, einen weiteren prim\u00e4r humorvollen Film von diesem kleinen, brillanten Mann zu sehen.<\/p>\n<p><b><i>Oscar nominiert f\u00fcr: Bester Film, Beste Regie (Martin Scorsese), Bester Hauptdarsteller (Leonardo DiCaprio), Bester Nebendarsteller (Jonah Hill), Bestes Drehbuch (adaptiert)<\/i><\/b><br \/>\n<iframe loading=\"lazy\"  id=\"_ytid_69724\"  width=\"576\" height=\"324\"  data-origwidth=\"576\" data-origheight=\"324\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/u4WvsEabaV0?enablejsapi=1&#038;autoplay=0&#038;cc_load_policy=0&#038;cc_lang_pref=&#038;iv_load_policy=1&#038;loop=0&#038;rel=1&#038;fs=1&#038;playsinline=0&#038;autohide=2&#038;theme=dark&#038;color=red&#038;controls=1&#038;disablekb=0&#038;\" class=\"__youtube_prefs__  epyt-is-override  no-lazyload\" title=\"YouTube player\"  allow=\"fullscreen; accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen data-no-lazy=\"1\" data-skipgform_ajax_framebjll=\"\"><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Martin Scorsese ist 71 Jahre alt. 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