{"id":3961,"date":"2015-11-06T18:58:01","date_gmt":"2015-11-06T16:58:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.theawardian.de\/?p=3961"},"modified":"2015-11-06T19:40:54","modified_gmt":"2015-11-06T17:40:54","slug":"chrono-cinematica","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=3961","title":{"rendered":"Chrono Cinematica"},"content":{"rendered":"<p>Videospielmusik hat einen langen und faszinierenden Weg hinter sich. Ich pers\u00f6nlich geh\u00f6re zu den wenigen Au\u00dferw\u00e4hlten, die nahezu jede Evolutionsstufe live mit erleben durften. Beginnend mit dem SID-Chip des C64 bis zum Einsatz eines vollwertigen Orchesters hat kaum eine Stilrichtung derart viele Facetten durchgemacht. Wo anfangs noch viel von &#8222;realer&#8220; Musik geklaut, inspiriert oder angelehnt war, hat sich im Laufe der letzten drei\u00dfig Jahre etwas &#8222;eigenst\u00e4ndiges&#8220; entwickelt.<\/p>\n<p><!--more-->Einer der faszinierendsten Aspekte ist der Kult des Arrangieren, was so viel bedeutet wie: eine bereits existierende Musik mit anderen Instrumenten, Techniken oder Methoden zu adaptieren. Das gibt es zwar auch im Mainstreambereich, dort jedoch bei Weitem nicht so exzessiv. Kein Wunder: So toll die vielen Soundtracks der 1980er und 1990er Jahre auch waren, so litten sie unter den Einschr\u00e4nkungen der gegebenen Hardware. Selbst bei modernen Scores lohnt sich eine Neuinterpretation, um aus dem dynamischen Erlebnis ein greifbares H\u00f6rvergn\u00fcgen extra f\u00fcr das Ohr zu gestalten.<\/p>\n<p>Ich habe im Laufe meiner Jahre unz\u00e4hlige Soundtracks geh\u00f6rt. Ich w\u00fcrde sogar noch einen Schritt weiter gehen und behaupten, dass es es kaum eine Seele gibt, die sich mehr mit diesem Thema besch\u00e4ftigt hat. Demzufolgende sind mir auch viele Arrangements untergekommen. Manche davon stammen vom Originalk\u00fcnstler, andere entstanden unter viel Aufwand und mithilfer versierter Profis. Mit Chris Abbotts <b>Back in Time<\/b> ist aber noch eine andere Gattung enstanden: die des Fan-Arrangements.<\/p>\n<p>Dahinter steckt meist ein einzelner Fan, der in seinem stillen K\u00e4mmerlein und voller Enthusiasmus ans Werk geht. Er bedient sich an den wenigen Mitteln, die er hat, und steckt in jedem Fall viel Herzblut in seine ganz eigene Bearbeitung seiner absoluten Lieblingsmusik. Das Ergebnis ist in aller Regel frei von jeglicher Profitgier und wird dank YouTube, SoundCloud &amp; Co. in die gro\u00dfe, weite Welt getragen.<\/p>\n<p>Um ehrlich zu sein sind 90% dieser Fan-Arrangements im besten Fall ambitioniert. Man merkt einfach, dass dahinter ein billiger Synthesizer, ein 08\/15-Soundtracker und wenig musikalische Ausbildung steckt. Es klingt zu billig, zu \u00fcberzogen, zu k\u00fcnstlich, zu schrill, zu laut, zu wirr, zu \u00fcberladen, zu einfach, zu komplex \u2013 die M\u00f6glichkeiten des Fehlgriffs sind unendlich.<\/p>\n<p>Ich bin wie so oft in solchen Dingen per Zufall auf Sam Dillard gesto\u00dfen. Er versprach in einer <a href=\"https:\/\/www.kickstarter.com\/projects\/samostudios\/chrono-cinematica-symphonic-chrono-trigger-tribute?lang=de\">Kickstarter-Kampagne<\/a> ein orchestrales Arrangement von Yasunori Mitsudas <b>Chrono Trigger<\/b>, einem der besten Soundtracks aller Zeiten. Nat\u00fcrlich m\u00fcsse man &#8222;orchestral&#8220; in Anf\u00fchrungszeichen schreiben, denn Dillard stehe kein Orchester zur Verf\u00fcgung. Er habe nur ein Roland-Keyboard, ein hochwertigse Musikprogramm und einen selbst gebauten PC.<\/p>\n<p>Es gibt einige solcher orchestralen Nachbearbeitungen, die zun\u00e4chst vielvesprechend klingen \u2013 man h\u00f6re beispielsweise die Arbeiten von Blake Robinson. Doch es braucht keine Minute, bis der Zauber zerf\u00e4llt. Selbst ein auf YouTube von vielen Usern hochgelobtes &#8222;Dancing Mad&#8220;-Arrangement klingt am Anfang noch erstaunlich wuchtig, nur um am Ende in einem Chaos voller viel zu laut aufgedrehter Instrumente zu versinken \u2013 zudem man nach ein paar Minuten merkt, dass sie immer gleich klingen und eben doch &#8222;nur&#8220; ein hochwertiger Synthesizer dahintersteckt.<\/p>\n<p>Dillard wollte das gleiche mit <b>Chrono Trigger<\/b> versuchen und&#8230; ich z\u00f6gerte. Sollte ich daf\u00fcr wirklich Geld ausgeben, dass auch noch im Vorfeld? F\u00fcr 50 Euro gebe es eine echte CD, zusammen mit dem Vorg\u00e4ngerprojekt <b>Metroid Cinematica<\/b>. &#8222;Aha!&#8220;, dachte ich mir &#8211; der gute Mann hat sowas immerhin schon mal gemacht. Nun, trotzdem: Meine Finanzen hochgerechnet entschied ich mich f\u00fcr ein &#8222;Muss nicht sein&#8220;. Wenn es am Ende wirklich gut sei, dann reiche auch ein MP3-Album.<\/p>\n<p>Nur wenige Tage nach Ende der Kickstarter-Kampagne stie\u00df ich via <a href=\"https:\/\/play.spotify.com\/album\/3A8ZpDkQXoD0j99h1Fi5tU\">Spotify<\/a> auf <b>Metroid Cinematica<\/b>. Na gut, h\u00f6ren wir es uns mal an&#8230; und danach wurde ich leicht panisch.<\/p>\n<p>Das, was ich da h\u00f6rte, war dramatisch besser als alles andere, was je aus einem Synthesizer gekrochen kam. Stellenweise wirkte das Ergebnis be\u00e4ngstigend nahe an der Realit\u00e4t \u2013 und ganz davon abgesehen war das Album keine billige 1:1 Adaption der Originalmusik. Dillard schrieb vielmehr eine 80 min\u00fctige Symphonie rund um das <b>Metroid<\/b>-Universum, mit fantastischen \u00dcberleitungen und grandiosen Wechseln.<\/p>\n<p>Das W\u00f6rtchen Cinematica ist f\u00fcr Sam Dillard kein F\u00fcllwort. <b>Metroid Cinematica<\/b> h\u00f6rt sich nicht wie ein Soundtrack aus einem Spiel an sondern erinnert tats\u00e4chlich an einen vollwertigen wie hochprofessionellen Filmscore.<\/p>\n<p>Wie gesagt: Ich wurde panisch. Oder besser gesagt: Ich habe mich ge\u00e4rgert, die Gelegenheit einer echten CD von diesem Genie verpasst zu haben. Doch zum Gl\u00fcck (!) versch\u00e4tzte sich Dillard: Er brauchte ein paar Wochen mehr f\u00fcr die Fertigstellung von <b>Chrono Cinematica<\/b> wie geplant und bot via PayPal eine nachtr\u00e4gliche Option an, doch noch an das CD-Set zu gelangen. Schwein gehabt.<\/p>\n<p>Vor anderthalb Monaten ging das Album an alle Kickstarter-Backer und PayPal-Zahler im MP3-Format raus. Just vor ein paar Tagen war der <a href=\"http:\/\/samostudios.tumblr.com\/\">offizielle Release<\/a>. Lasst alles stehen und liegen. H\u00f6rt es euch auf <a href=\"https:\/\/play.spotify.com\/album\/527IcFU7CsvI0w7gLIwJM2\">Spotify<\/a> an. Gebt diese mickrigen 10 Dollar aus.\u00a0<b>Chrono Cinematica<\/b> ist ein Traum.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht, wie er das geschafft hat. Sam Dillard hat auf nicht mal 80 Minuten gut 2\/3 des gesamten Scores gepresst, ohne das es sich \u00fcberhastet oder st\u00f6rend gek\u00fcrzt anh\u00f6rt. Er deckt nahezu jedes relevante Thema ab und vermengt sie in ein einheitliches Gesamtbild, dass von Anfang bis Ende nicht harmonischer flie\u00dfen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Die Arrangements sind absolute Weltklasse. Dillard w\u00e4hlt genau die richtige Instrumente, die richtige Lautst\u00e4rke und die korrekte Abmischung. Er kombiniert auf eine meisterhafte Weise Musikst\u00fccke in ein Paket, so als ob sie auch im Spiel schon immer eine Einheit gebildet h\u00e4tten. Ich kenne mit Verlaub nur zwei Arrangeure, die das \u00e4hnlich gut hinkriegen: Roger Wanamo und Jonne Valtonen.<\/p>\n<p>Allein die Kombination aus Tyran Castle und Lavos Theme ist schier brillant. Onward to Adventure umfasst alle Melodien aus dem Mittelalter, in Joints of Metal kommen ein Gro\u00dfteil der Kampfthemen zum Einsatz und Changing History behandelt den Steizeitpart. Jedes Medley funktioniert sowohl f\u00fcr sich als auch im Gesamtkontext betrachtet.<\/p>\n<p>Und dann sind da mitten drin zwei Musikst\u00fccke, die gesondert auffallen. Sie folgen unmittelbar hineinander: Yearning Hope ist eine Adaption von Wind Scene, Little Green Hero behandelt Frogs Theme. Es ist der Moment wo aus dem puren Staunen, wie Dillard dieses Werk praktisch im Alleingang vollenden konnte, etwas viel Tiefgreifenderes wird. Man merkt, dass ihm diese beiden St\u00fccke unheimlich wichtig waren. Sam Dillard zeigt, dass er nicht nur einfach schn\u00f6de adaptieren kann: Er kann jonglieren, er kann spielen und er kann zu Tr\u00e4nen r\u00fchren.<\/p>\n<p><b>Chrono Cinemetica<\/b> ist ohne jeden Zweifel das beste Fan-Arrangement auf Gottes weiter Erde. Dar\u00fcber diskutier ich auch gar nicht. Selbst im Bereich der professionellen Adaption gibt es f\u00fcr meine Begriffe nur ein Team, dass mit diesem Meisterwerk mithalten kann. Die Rede ist nat\u00fcrlich von <b>Symphonic Shades, Symphonic Fantasies, Final Symphony<\/b>, etc. Aber ich getraue mich nicht, hier eine Rangreihenfolge zu machen. Und mir komme keiner mit <b>Video Games Live<\/b>: Deren uninspirierte Art hat absolut keine Chance gegen diese liebevolle wie spektakul\u00e4re Interpretation von <b>Chrono Trigger<\/b>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Videospielmusik hat einen langen und faszinierenden Weg hinter sich. Ich pers\u00f6nlich geh\u00f6re zu den wenigen Au\u00dferw\u00e4hlten, die nahezu jede Evolutionsstufe live mit erleben durften. Beginnend mit dem SID-Chip des C64 bis zum Einsatz eines vollwertigen Orchesters hat kaum eine Stilrichtung derart viele Facetten durchgemacht. Wo anfangs noch viel von &#8222;realer&#8220; Musik geklaut, inspiriert oder angelehnt war, hat sich im Laufe der letzten drei\u00dfig Jahre etwas &#8222;eigenst\u00e4ndiges&#8220; entwickelt.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[13],"tags":[],"class_list":["post-3961","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-score"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theawardian.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3961","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theawardian.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theawardian.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theawardian.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theawardian.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3961"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.theawardian.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3961\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3964,"href":"https:\/\/www.theawardian.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3961\/revisions\/3964"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theawardian.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3961"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theawardian.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3961"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theawardian.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3961"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}