{"id":356,"date":"2014-01-21T05:58:25","date_gmt":"2014-01-21T03:58:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.theawardian.de\/?p=356"},"modified":"2021-07-13T00:10:09","modified_gmt":"2021-07-12T22:10:09","slug":"kritik-nebraska","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=356","title":{"rendered":"Kritik: Nebraska"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"line-height: 1.5;\">Ich verrate euch ein Geheimnis: Alexander Payne ist einer der besten Drehbuchautoren und Filmregisseure unserer Zeit. Was war das? Ihr habt noch nie von ihm geh\u00f6rt? Tja&#8230; das ist die traurige Wahrheit: Keine Sau kennt Alexander Payne. Dabei hat der Mann sechs Kinofilme gedreht, von denen die eine H\u00e4lfte Oscar-Nominierungen in den Kategorien Regie, Drehbuch sowie Bester Film erhalten haben &#8211; und die andere H\u00e4lfte unter Filmliebhabern als ebenso besonders gelungen bezeichnet wird.<\/span><\/p>\n<p><!--more-->Die Filme von Payne sind klein und auf den ersten Blick unscheinbar. Mal geht es um einen Englischlehrer, der gemeinsam mit seinem bestern Freund ein Weinanbaugebiet nach dem anderen besucht, mal um einen Mann, dessen Frau nach einem Bootsunfall im Koma liegt. Paynes Charaktere sind einfache Menschen, die in der Regel tollpatschig und besonders verletzlich durchs Leben marschieren. Sie sind gleichzeitig lustig, tragisch, bedauerns- und liebenswert. Die Missgeschicke, die ihnen passieren, sorgen einerseits f\u00fcr heitere Momente, degradieren sie jedoch nie zur L\u00e4cherlichkeit. Das Ende ist in jedem Falle von einem deutlich erkennbaren Entwicklungsprozess gepr\u00e4gt, der die Zukunft der Protagonisten zumindest ansatzweise rosiger erscheinen lassen.<\/p>\n<p>Es ist erstaunlich, wie sehr <b>Nebraska<\/b> diesem Muster folgt. Denn es ist Paynes erster Film, bei dem er nicht am Drehbuch beteiligt war und \u201cnur\u201c Regie f\u00fchrte. Die Geschichte ist schnell erz\u00e4hlt: Woody Grant (gespielt von Bruce Dern) ist ein alter S\u00e4ufer, der in einer wenig kultivierten Stadt irgendwo in Montana lebt. Er nimmt sein Leben und sein Umfeld kaum mehr wahr. Selbst die Schimpftiraden seiner Frau Kate (June Squibb) blendet er geistig aus &#8211; wirklich klar denken tut er nur dann, wenn er eine Kneipe anvisiert.<\/p>\n<p>Sohn David (Will Forte) arbeitet als Verk\u00e4ufer in einem Elektronikfachgesch\u00e4ft und ist zwar die meiste Zeit n\u00fcchtern, sieht sich selbst aber auch eher auf der Verliererseite des Lebens. Seine Freundin hat ihn gerade nach einer zweij\u00e4hrigen Beziehung verlassen, als er seinen betrunkenen Vater auf der Polizeistation abholen muss. Der erkl\u00e4rt ihm, er habe bei einer Lotterie eine Millionen Dollar gewonnen und wolle deshalb nach Nebraska, um sein Geld vor Ort abzuholen. Alle \u00dcberzeugungsversuche seitens David, dass Woody einer Bauernf\u00e4ngerei ins Netz l\u00e4uft, sto\u00dfen auf taube Ohren.<\/p>\n<p>Entgegen dem Rat der restlichen Familie, will David den Wunsch seines Vaters erf\u00fcllen und mit ihm nach Nebraska fahren. Auf dem Weg halten die beiden in ihrer alten Heimatstadt an, wo Woody aufgrund seines vermeintlichen Reichtums zun\u00e4chst wie eine Ber\u00fchmtheit gefeiert wird. Doch das Blatt wendet sich schnell: Insgeheim halten sowohl seine ehemaligen \u201cFreunde\u201c als auch die liebe Verwandtschaft eigentlich gar nichts von dem alten S\u00e4ufer und versuchen mit plumpen Argumenten, selbst etwas vom Kuchen abzubekommen.<\/p>\n<p>Wie oben angedeutet lebt <b>Nebraska<\/b> von der herrlichen Charakterdarstellung und der vorherschenden Liebensw\u00fcrdigkeit. Egal was Woody, der sichtlich aufgrund des Alkoholkonsums an Demenz leidet, auch anstellt: Ihr lacht mit ihm anstatt \u00fcber ihn. Gleiches gilt f\u00fcr David, der stellenweise sehr einf\u00e4ltig r\u00fcberkommt, aber letztlich einfach nur seinem Herzen folgt. Die Argumente seines Bruders Ross, warum er sich so sehr um den gemeinsamen Vater k\u00fcmmere, wenn doch dieser sie damals als Kinder nicht im gleichen Ma\u00dfe beachtet h\u00e4tte, kommentiert David nicht mit Worten, sondern mit Taten. Es wird schnell klar, dass er es macht, weil er seinen Vater liebt. Punkt.<\/p>\n<p>Ebenfalls grandios ist Woodys Frau: Die meiste Zeit ist sie am schimpfen und am meckern. Sie hat keine Gewissensbisse, vor dem Grab ihrer Schwiegermutter zu stehen und diese schwer zu beleidigen, w\u00e4hrend ihr Mann neben ihr steht. Ihr Spr\u00fcche sind derart \u00fcberzogen, dass man instinktiv dar\u00fcber lachen und erst im nachhinein schwer schlucken muss. Und sp\u00e4testens wenn die berichtigte Frage aufkommt, wie Woody und Kate es \u00fcberhaupt so lange miteinander ausgehalten haben, taut sie genau im richtigen Moment auf und verteidigt ihren Mann wie eine wilde Furie, als die Verwandtschaft verbal \u00fcber ihn herf\u00e4llt.<\/p>\n<p>Kurz: Die Charaktere von <b>Nebraska<\/b> sind alles andere als schwarz-wei\u00df, was die gro\u00dfe St\u00e4rke des Filmes ist. Sie wirken glaubhaft und real. Die Geschichte schafft perfekt die Gratwanderung zwischen Skurilit\u00e4t und Seri\u00f6sit\u00e4t. Das von Bob Nelson geschriebene Drehbuch wurde perfekt von Payne umgesetzt \u2013 in meinen Augen ist es gar seine bislang beste Regiearbeit, weil er das triste Leben der Vorst\u00e4dter wunderbar widerspiegelt und es trotzdem interessant erscheinen l\u00e4sst. Erneut gelingt ihm der Balanceakte aus Drama und Kom\u00f6die. Und ich kann gar nicht genug Kudos f\u00fcr die Tatsache geben, daf\u00fcr das Davids Ex-Freundin von keiner Modellsch\u00f6nheit, sondern einer etwas korpulenten jungen Frau gespielt wird. Mir ist schon \u00f6fters aufgefallen, dass es Payne sichtlich wichtig ist, normale und keine k\u00fcnstliche Menschen zu casten.<\/p>\n<p>Die schauspielerische Leistung von Bruce Dern und June Squibb sind besonders hervor zu heben. Klar: Die Rolle des alkoholkranken wie dementen Mannes ist wie geschaffen f\u00fcr einen Schauspieler, um sein Talent vollends zu entfalten. Doch es braucht auch einen Haudegen wie Dern, um die entsprechende Performance zu stemmen. Squibb hingegen d\u00fcrfte alle Alexander Payne Fans nach ihrem etwas biederen Kurzauftritt in <b>About Schmidt <\/b>\u00fcberraschen, allein weil man nie und nimmer so viel Power hinter der kleinen Frau vermuten w\u00fcrde. Beide sind zurecht Oscar nominiert, wobei auch Will Forte einen sehr guten Job absolviert.<\/p>\n<p>Ebenfalls toll ist der Soundtrack von Mark Orton, der mit seiner schlichten, auf Country getrimmten Musik viel zur Atmosph\u00e4re beitr\u00e4gt. Leider hatte er keine Chance auf eine Oscar-Nominierung, weil er im Vorfeld disqualifiziert wurde \u2013 angeblich, weil der Soundtrack zu sehr bekannten Melodien \u00e4hnele.<\/p>\n<p>Aufgrund der starken Konkurrenz, die im Jahre 2013 das amerikanische Kino dominierte, d\u00fcrften die sechs Oscar-Nominierungen am Ende die Belohnung f\u00fcr die M\u00fchen bleiben \u2013 ein Gewinn ist allenfalls f\u00fcr Bruce Dern aufgrund seines Status als alternde Hollywood-Gr\u00f6\u00dfe im Gespr\u00e4ch, der jedoch mit Matthew McConaughay einen nahezu unaufhaltbaren Konkurrenten vor sich stehen hat und zudem bei den Globes in der Musical\/Comedy-Kategorie \u00fcberraschend von Leonardo DiCaprio geschlagen wurde.<\/p>\n<p>Aber das sollte die Qualit\u00e4t des Filmes nicht schm\u00e4lern: Wer Charakterstudien mag und einfache Geschichten, die das Leben schreiben, gegen\u00fcber gro\u00dfen Hollywooddramen bevorzugt, der macht mit <b>Nebraska<\/b> nichts falsch. Und Alexander Payne-Fans schon mal gar nicht \u2013 aber die wissen sowieso, worauf sie sich einlassen.<\/p>\n<p><b><i>Oscar nominiert f\u00fcr: Bester Film, Beste Regie (Alexander Payne), Bester Hauptdarsteller (Bruce Dern), Beste Nebendarstellerin (June Squibb), Beste Kamera und Bestes Drehbuch (original)<\/i><\/b><br \/>\n<iframe loading=\"lazy\"  id=\"_ytid_36248\"  width=\"576\" height=\"324\"  data-origwidth=\"576\" data-origheight=\"324\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/c0L529GC_y4?enablejsapi=1&#038;autoplay=0&#038;cc_load_policy=0&#038;cc_lang_pref=&#038;iv_load_policy=1&#038;loop=0&#038;rel=1&#038;fs=1&#038;playsinline=0&#038;autohide=2&#038;theme=dark&#038;color=red&#038;controls=1&#038;disablekb=0&#038;\" class=\"__youtube_prefs__  epyt-is-override  no-lazyload\" title=\"YouTube player\"  allow=\"fullscreen; accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen data-no-lazy=\"1\" data-skipgform_ajax_framebjll=\"\"><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich verrate euch ein Geheimnis: Alexander Payne ist einer der besten Drehbuchautoren und Filmregisseure unserer Zeit. Was war das? Ihr habt noch nie von ihm geh\u00f6rt? Tja&#8230; das ist die traurige Wahrheit: Keine Sau kennt Alexander Payne. Dabei hat der Mann sechs Kinofilme gedreht, von denen die eine H\u00e4lfte Oscar-Nominierungen in den Kategorien Regie, Drehbuch sowie Bester Film erhalten haben &#8211; und die andere H\u00e4lfte unter Filmliebhabern als ebenso besonders gelungen bezeichnet wird.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11,12,14],"tags":[],"class_list":["post-356","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-movie","category-movie-awards","category-kritik"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theawardian.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/356","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theawardian.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theawardian.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theawardian.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theawardian.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=356"}],"version-history":[{"count":28,"href":"https:\/\/www.theawardian.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/356\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6982,"href":"https:\/\/www.theawardian.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/356\/revisions\/6982"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theawardian.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=356"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theawardian.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=356"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theawardian.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=356"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}