{"id":1049,"date":"2015-02-26T15:47:00","date_gmt":"2015-02-26T13:47:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.theawardian.de\/?p=1049"},"modified":"2021-07-12T23:31:55","modified_gmt":"2021-07-12T21:31:55","slug":"american-sniper","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=1049","title":{"rendered":"American Sniper"},"content":{"rendered":"<p>Eines der gr\u00f6\u00dften Probleme, die ein guter Kritiker in meinen Augen bew\u00e4ltigen muss, ist die Akzeptanz von Meinungen, die er in seinem Privatleben nicht tolerieren kann &#8211; dies betrifft vorrangig solch heikle Themen wie Religion oder Politik. Denn auch wenn der \u00fcberzeugte Atheist nicht mit der Botschaft von Cecil B. DeMilles<b> Die zehn Gebote<\/b> klar kommt, so sollte er in seiner Rolle als Kritiker den Film an sich trotzdem f\u00fcr seine Leistungen w\u00fcrdigen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><span style=\"line-height: 1.5;\"><!--more-->Chris Kyle erf\u00e4hrt als Kind von seinem Vater die vielleicht wichtigste Moralpredigt seines Lebens, nach derer es drei Gruppen von Menschen gibt. Die Schafe sind die Opfer. Die W\u00f6lfe deren Feinde. Und \u00fcber beiden stehen die H\u00fctehunde, jene die Schafe vor den W\u00f6lfen besch\u00fctzen. Chris verspricht seinem Vater, einer der Besch\u00fctzer zu werden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"line-height: 1.5;\">1998 geht er zur Armee geht und l\u00e4sst sich als Scharfsch\u00fctze ausbilden. Er gelangt nach den Terroranschl\u00e4gen vom 11. September in den Irak, wo Chris Kyle zur Legende wird. Im Ernst: Seine eigenen Kameraden brandmarken ihn mit diesem profanen Spitznamen, weil er der \u201cerfolgreichste\u201c Scharfsch\u00fctze der US-Geschichte ist. Im Laufe einer Dekade hat er in vier Eins\u00e4tzen zwischen 160 und 255 Menschen get\u00f6tet \u2013 die erste Zahl bezieht sich auf best\u00e4tigte Absch\u00fcsse, die zweite auf Kyles Memoiren.<\/span><\/p>\n<p><b style=\"line-height: 1.5;\">American Sniper<\/b><span style=\"line-height: 1.5;\"> erz\u00e4hlt die Geschichte von Chris Kyle, der von vielen in Amerika als Held gefeiert wird. Dank ihm seien zahlreiche US-Soldaten unversehrt nach Hause gekommen. Demnach ist es kein Wunder, dass der neueste Film von Clint Eastwood einen \u00fcberragenden Erfolg an den Kinokassen feiert und bisweilen \u00fcber 300 Millionen Dollar eingespielt hat.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"line-height: 1.5;\">Die Thematik ist f\u00fcr mich als links denkender nat\u00fcrlich ein schwerer Schlucker. Obwohl ich Eastwood instinktiv als genau den richtigen Mann f\u00fcr diesen Stoff bezeichne, weil er einer der wenigen, \u00fcberzeugten Republikaner ist, vor deren politische Meinung ich Respekt habe, so blieb ich gerade in Anbetracht des immensen Erfolgs skeptisch. W\u00fcrde hier am Ende ein verkappter Massenm\u00f6rder als Heiland gefeiert, weil sich die USA insbesondere milit\u00e4risch immer im Recht sieht?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"line-height: 1.5;\">Gottlob nein.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"line-height: 1.5;\">Am Ende des Filmes, dessen Verlauf und Ausgang ich mir schon im vorhinein zusammenreimen konnte, sehe ich Chris Kyle nicht als Helden, dessen Handeln zur Nachahmung aufruft. Mir tut er vielmehr Leid. Angefangen von der Erziehung seines Vaters bis hin zu seiner Legendenbildung wirkt er auf mich immer unzufriedener und frustrierter, je weiter sein Leben voranschreitet. Anfangs macht er noch lockere Witzchen und ist ein typischer Macho-Charmeur, dessen Testosteron gesteuerten Spr\u00fcche selbst mich zum Lachen bringen. Doch gegen Ende ist er ein seelisch gebrochener Mann, der aufgrund seiner Taten in ein tiefes, dunkles Loch gefallen ist und dies selbst nicht begreifen kann.<\/span><\/p>\n<p><b style=\"line-height: 1.5;\">Achtung, Spoiler f\u00fcr alle jene, die Chris Kyles Leben bislang nirgends verfolgt haben:<\/b><span style=\"line-height: 1.5;\"> Ich rechne Clint Eastwood abseits einiger herausragender Einstellungen vor allem das grandiose Ende an. So viele andere Regisseure h\u00e4tten seinen tragischen Tod mit viel Pathos und Dramatik in Szene gesetzt. Eastwood hingegen zeigt nur die letzten Momente, die Chris mit seiner Familie verbringt. Das Schicksal wird durch eine simple Texteinblendung erkl\u00e4rt sowie durch Aufnahmen der Originalbeerdigung untermauert. Noch st\u00e4rker und mutiger ist die \u00e4u\u00dferst schlichte Idee, w\u00e4hrend der scrollenden Credits v\u00f6llig auf Musik zu verzichten. Das hat mich mehr zum Nachdenken angeregt, als jeder andere Film aus dem Jahre 2014.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"line-height: 1.5;\">Bedeutend mehr Lob geb\u00fchrt allerdings Bradley Cooper, der endg\u00fcltig im Olymp der besten Schauspieler seiner Generation angekommen ist. Seine Pr\u00e4senz ist von Anfang bis Ende schier unglaublich. Er wirkt gleichzeitig k\u00fchn, bullig und tief in seinem Inneren sehr verletzlich. Die Art, wie er all die Probleme mit kurzen Kommentaren und wenig Gef\u00fchlsregungen abzustreifen versucht, ist be\u00e4ngstigend echt. Man merkt richtig, dass Cooper es ungeheuer wichtig war, Kyles Verm\u00e4chtnis Ernst zu nehmen und gleichzeitig keine seiner Schw\u00e4chen au\u00dfer acht zu lassen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"line-height: 1.5;\">Handwerklich ist <\/span><b style=\"line-height: 1.5;\">American Sniper<\/b><span style=\"line-height: 1.5;\"> speziell im Schnitt und Ton stark, weshalb mich die entsprechenden Oscar-Nominierungen und der eine Gewinn wenig wundern. Was ich dem Film ankreiden k\u00f6nnte, ist die einseitige Darstellung der Iraker: Diese wirken entweder feige, ver\u00e4ngstigt, hilflos oder teuflisch, barbarisch, heimt\u00fcckisch. Aber auch das spiegelt eigentlich nur die Wahrnehmung von Chris Kyle und seine in der Tat eindimensionale Sichtweise wieder.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"line-height: 1.5;\">Eastwood selbst verteidigt sein Werk damit, dass es sich nicht f\u00fcr sondern gegen Krieg ausspreche. Er untermauert diese These auf die gleiche Weise, wie ich den Film gesehen habe: Das am Ende kein Held auf der Leinwand zu sehen ist, sondern ein desillusionierter, leerer Mann und dem es sogar schwer f\u00e4llt, sein eigentlich heiles Familienbild zu genie\u00dfen. Dies wird besonders deutlich, wenn er auf seinen Titel als \u201cLegende\u201c angesprochen wird: Anstatt zu prahlen oder damit anzugeben, ist es ihm sichtlich unangenehm \u2013 insbesondere als sein kleiner Sohn damit konfrontiert wird. Da steckt auch keine verkappte Demut dahinter, sondern pure Verunsicherung. In jeder zweiten Szene sehe ich in Coopers Augen diese eine Frage: \u201cWie konnte es nur so weit kommen?\u201c oder \u201cWas soll ich hier \u00fcberhaupt?\u201c.<\/span><\/p>\n<p><b style=\"line-height: 1.5;\">American Sniper <\/b><span style=\"line-height: 1.5;\">wird in meinen Augen niemanden zum Krieg bekehren. Er zeigt mir zwar, wie jene Leute aussehen, die ihn bef\u00fcrworten \u2013 aber im gleichen Zuge macht er mir klar, wieso diese Ansicht falsch ist. Ich kann nur jedem raten, den Film auf die gleiche Weise zu betrachten. Er hat n\u00e4mlich mehr verdient, als nur den \u201cRespekt\u201c erzkonservativer Republikaner.<\/span><br \/>\n<iframe loading=\"lazy\"  id=\"_ytid_86595\"  width=\"576\" height=\"324\"  data-origwidth=\"576\" data-origheight=\"324\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/eoNMdv6x5y4?enablejsapi=1&#038;autoplay=0&#038;cc_load_policy=0&#038;cc_lang_pref=&#038;iv_load_policy=1&#038;loop=0&#038;rel=1&#038;fs=1&#038;playsinline=0&#038;autohide=2&#038;theme=dark&#038;color=red&#038;controls=1&#038;disablekb=0&#038;\" class=\"__youtube_prefs__  epyt-is-override  no-lazyload\" title=\"YouTube player\"  allow=\"fullscreen; accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen data-no-lazy=\"1\" data-skipgform_ajax_framebjll=\"\"><\/iframe><br \/>\n<b style=\"line-height: 1.5;\"><i> Oscar-Nominierungen: Bester Film, Bester Hauptdarsteller (Bradley Cooper), Bestes Drehbuch (adaptiert), Bester Ton, Bester Tonschnitt, Bester Filmschnitt.<\/i><\/b><\/p>\n<p><b style=\"line-height: 1.5;\"><i>Alle Kritiken der Best-Picture-nominierten Filme 2014:<\/i><\/b><\/p>\n<p>&#8211; <a href=\"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=593\">Boyhood<\/a><br \/>\n&#8211; <a href=\"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=534\">The Grand Budapest Hotel<\/a><br \/>\n&#8211; <a href=\"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=883\">Die Entdeckung der Unendlichkeit<\/a><br \/>\n&#8211; <a href=\"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=910\">The Imitation Game<\/a><br \/>\n&#8211; <a href=\"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=929\">Birdman<\/a><br \/>\n&#8211; <a href=\"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=968\">Whiplash<\/a><br \/>\n&#8211; <a href=\"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=1049\">American Sniper<\/a><br \/>\n&#8211; <a href=\"https:\/\/www.theawardian.de\/?p=1053\">Selma<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eines der gr\u00f6\u00dften Probleme, die ein guter Kritiker in meinen Augen bew\u00e4ltigen muss, ist die Akzeptanz von Meinungen, die er in seinem Privatleben nicht tolerieren kann &#8211; dies betrifft vorrangig solch heikle Themen wie Religion oder Politik. 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